Mobbing 2.0: Der Mörder ist immer das Netz

Sie fühlte sich bei Facebook gemobbt - deswegen hat sich jetzt ein 15-jähriges Mädchen umgebracht. Wie können Jugendliche vor Cyber-Hänseleien geschützt werden?

Online-Plattform mit Risiken und Nebenwirkungen: Facebook. Bild: dpa

Wenn sich ein 15-jähriges Mädchen von einer Brücke stürzt, ist das Suizid. Wenn es sich umbringt, weil es im Internet gemobbt wurde, ist das eine Tragödie. Mit Holly Grogan aus Großbritannien gibt es seit vergangener Woche ein weiteres Opfer von Cyber-Mobbing, was so viel heißt wie "Nutzung moderner Kommunikationsmittel, um anderen Menschen zu schaden".

Die Geschichte von Holly ist so tragisch wie absurd. "Holly war nett und hatte das breiteste Lächeln der Welt", erzählt eine Freundin in der Times. "Sie war immer gut in der Schule, aber die anderen Mädchen hackten trotzdem auf ihr herum." Ihre Mitschülerinnen hätten sich gegen sie verschworen und sie beleidigt - doch Holly habe nichts erwidern können. "Es fehlte ihr an Selbstvertrauen", so die Freundin. Vor allem über ihre Facebook-Seite wurde die 15-Jährige reihenweise beschimpft - und sah schließlich keinen anderen Ausweg, als sich das Leben zu nehmen.

Ihre Eltern beklagen, Holly sei mit dem "enormen Druck" und der "neuen Vielschichtigkeit" von sozialen Netzwerken und in "Freundschafts-Gruppen" nicht zurechtgekommen. Dabei hatten sie das Leben ihrer Tochter ganz genau geplant: "Wir sind nicht katholisch, aber wir wollten, dass sie die katholische St. Edwards School besucht", so die Eltern. "Wir glaubten, dass die Moralvorstellungen und Werte der Schule ihr eine Grundlage für den nächsten Abschnitt ihres Lebens bieten können."

Dass Schüler gemobbt werden, ist keine neue Erscheinung. Neu daran ist das Medium: Im echten Leben jemandem Boshaftigkeiten ins Gesicht zu sagen, kostet zumindest Überwindung. In der Anonymität des Internets schreibt man schnell einen fiesen Kommentar - und schickt ihn ab, ohne zu überlegen oder an die Konsequenzen zu denken. Man sitzt ja im Trockenen, die Reaktion des Opfers ist unsichtbar. Die Betroffenen hingegen leiden doppelt, denn die Feindseligkeiten sind sowohl öffentlich einsehbar als auch im Netz dokumentiert.

Der Fall von Holly Grogan ist nicht der erste dieser Art. Andere Opfer brachten sich um, scheiterten an ihrem Suizidversuch oder mussten eine neue Identität annehmen - wie das "Dog Shit Girl", eine junge Koreanerin, deren Hund seine Notdurft in der U-Bahn verrichtete. Das Video wurde ins Netz gestellt, das Mädchen in zahlreichen Blogs diffamiert und der Lächerlichkeit preisgegeben.

Doch wie kann man die Opfer vor Cyber-Mobbing schützen? Es ist definitiv der falsche Weg, das Internet zu verteufeln. Denn es wird gerade von der jungen Generation sehr intensiv genutzt und hat sowohl Vorzüge als auch Gefahren und Nachteile, das liegt in der Natur der Sache. Das Internet deshalb zu verbieten, Seiten sperren zu lassen oder Inhalte zu überwachen ist sinnlos. In Zeiten vor dem Internet wurden schließlich auch keine Schulhöfe gesperrt oder Mobbingopfer vom Unterricht suspendiert.

Ein Schutz vor Cyber-Mobbing kann nur durch Aufklärung gewährleistet werden. Diese muss sich an Eltern, Lehrer und Schüler richten und ihr Selbstvertrauen stärken. Wenn das funktioniert, kommt vielleicht irgendwann der Tag, wo jeder weiß, wie er in einer derartigen Situation reagieren muss - genauso, wie heutzutage schon jedes Kleinkind beigebracht bekommt, dass es nicht mit dem fremden Mann mitgehen soll, wenn der ihm Bonbons anbietet.

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