Kommentar Wahlforschung

Misstraut den Umfragen!

Es ist erstaunlich, wie willig sich die Öffentlichkeit den Budenzauber der Demoskopen gefallen lässt. Für die Bundestagswahl heißt das: Nichts ist entschieden.

Der US-Journalist George Gallup hatte 1935 eine bahnbrechende Idee. Anstatt möglichst viele x-beliebige Bürger zu fragen, wen sie wählen, suchte er sich ein paar tausend, die alle repräsentierten. So sagte Gallup, anders als seine Konkurrenz, den Sieg von Franklin Delano Roosevelt vorher. Und er war überzeugt, damit ein gutes Werk zu tun. Exakte Meinungsforschung diene der Demokratie, weil sie auch zeige, was Außenseiter, Farbige und Arbeiter wollen.

Die Meinungsforschung 2009 ist in einer zwiespältigen Lage. Ihre Daten beeinflussen politische Debatten und formen Images von Parteien. Regierungen platzen, weil Umfragen es ratsam erscheinen lassen. Und wenig fürchten Politiker mehr als sinkende Umfragewerte. Die Chefs der Institute und TV-Zahlenpäpste treten wie moderne Alchemisten auf, die wissen, was wir wollen. Sie gewichten ihre Daten nach mehr oder weniger geheimen Rezepten und verkünden, warum es der Partei X schlecht und der Partei Y gut geht und warum es auch gar nicht anders sein kann. Es ist erstaunlich, wie willig die Öffentlichkeit sich diesen Budenzauber gefallen lässt.

Verwandelt sich die Demokratie also - ganz anders als George Gallup ahnte - in eine Art Demoskopie-Diktatur, in der Politmanager und Meinungsforscher die Fäden ziehen? Eher nicht. Die Methoden der Demoskopen sind zwar ausgefeilter denn je - doch ihre Ergebnisse werden eher ungenauer. Die Wähler sind schwankender als früher. Derzeit ist offenbar noch fast jeder Zweite unsicher, wen er am Sonntag wählen wird. Und mit jeder Wahl, die anders endet, als es Umfragen nahelegten, schwindet der Glaubwürdigkeitskredit der Meinungsforscher. Die Demoskopie ist, wie die Bundestagswahl 2005 und die Wahl in Bayern zeigten, in einer Krise. Und das ist eine gute Nachricht für die Demokratie.

Schon Gallups lichte Idee, genau auszuloten, was die Bürger wollen, hatte eine Nachtseite: Die genau durchleuchtete Gesellschaft ist eine kalte sozialtechnologische Vision. Und wie jeder großer Plan scheitert auch die Utopie der erforschten, genau befragten Gesellschaft an Kleinigkeiten - daran, dass die Leute in Ruhe gelassen werden wollen oder einfach nicht tun, was sie sagen.

Und Sonntag? Nichts ist entschieden. Die Union hat noch nicht gewonnen, die SPD nicht verloren. Meinungsumfragen sind wie Wetterberichte. Besser, man nimmt den Schirm mit.

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Stefan Reinecke ist Autor im Parlamentsbüro der taz. Er beschäftigt sich mit Parteipolitik, vor allem mit der Linkspartei und der SPD, und Geschichtspolitik. Zuvor war er Redakteur bei der Wochenzeitung „Freitag“ und beim „Tagesspiegel“.

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