Wahlkampfendspurt in Stuttgart: Die Äpfel des Herrn Özdemir

Der grüne Parteichef will unbedingt wieder in den Bundestag einziehen. Dazu kämpft er gegen die SPD-Landesvorsitzende Ute Vogt und einen bekennend schwulen Christdemokraten.

Wahlkampfmunition für Cem Özdemir: Ein Korb voller Bio-Äpfel. Bild: dpa

SUTTGART taz | Cem Özdemir trägt einen geflochtenen Korb voller Äpfel unterm Arm, echte schwäbische Bioäpfel von einer heimischen Streuobstwiese. Wahlkampfmunition. Es ist früh morgens am Berliner Platz in Stuttgart, die Menschen sind auf dem Weg zur Arbeit und eher kurz angebunden. "Morgen, einen Apfel von den Grünen?", das ist Özdemirs Standardsatz. Viele greifen zu, die junge Frau mit dem Kopftuch etwa, ältere Herren im Schlips, ein junger Typ mit AC/DC-T-Shirt. Zwei ältere Damen versichern, von der FDP würden sie keine Äpfel annehmen.

Hier im Wahlkreis Stuttgart I das Direktmandat zu gewinnen, ist Özdemirs einzige Chance auf einen Sitz im nächsten Bundestag. Einen Listenplatz hat er nicht. Auf dem Landesparteitag im Oktober war er gleich zweimal durchgefallen und verzichtete dann frustriert.

Die Ausgangslage ist jetzt verzwickt: Eigentlich wollen die Grünen zusammen mit der SPD verhindern, dass die CDU im Südwesten wie üblich reihenweise die Wahlkreise gewinnt. Schließlich könnten Überhangmandate bei einem knappen Wahlausgang den Ausschlag für eine schwarz-gelbe Mehrheit im Bundestag geben. Trotzdem tritt Özdemir hier gegen die 44-jährige Ute Vogt an, Vorsitzende der Baden-Württembergischen SPD und Spitzenkandidatin bei den Landtagswahlen 2001 und 2006. Der SPD-Generalsekretär im Land, Peter Friedrich, hat gerade die Grünen-Wähler aufgefordert, mit der Erststimme für die SPD zu votieren. Özdemir ist nun sauer. "Die SPD ist im Südwesten ziemlich auf den Hund gekommen", sagt er. Wenigsten in einem Wahlkreis könne sich die ohnehin gebeutelte SPD zugunsten der Grünen zurückziehen. Scharmützel zwischen den beiden Parteien haben in Stuttgart Tradition: 1996 vermasselte die SPD dem Grünen Rezzo Schlauch die Wahl zum Stuttgarter Oberbürgermeister, weil sie im zweiten Wahlgang ihren aussichtslosen Kandidaten nicht zurückzog. Im Gegenzug unterstützte der grüne Kandidat Boris Palmer im Jahr 2004 im zweiten Wahlgang den CDU-Oberbürgermeister Wolfgang Schuster.

Der Streit bei Rot-Grün könnte dem CDU-Kandidaten Stefan Kaufmann, einem 40-jährigen Rechtsanwalt, zugute kommen. Der bisherige CDU-Direktkandidat Jo Krummacher, der 2005 nur knappe 0,6 Prozent vor der SPD gelegen, verstarb im Februar 2008. Zu dem umkämpften Wahlkreis mit zirka 180.000 Stimmberechtigten gehören abgelegene Stuttgarter Stadtteile wie Möhringen oder Degerloch, in denen traditionell CDU gewählt wird. In der Innenstadt dagegen gibt es viele junge Wähler, der Anteil von Migranten liegt bei über 40 Prozent. Besonders hier gehen die Kandidaten auf Stimmenjagd.

Kaufmann hat einen Kinospot produzieren lassen, einen Zeichentrickfilm. Es setzt die Melodie der "Sendung mit der Maus" ein, dann stutzt eine Schere einem Özdemir-Cartoon die Koteletten: "Der Cem hat einen ganz tollen Bart. Auf den ist er ganz stolz", sagt ein Sprecher dazu. Später erfährt man dann, das "der Cem" nicht in Stuttgart, sondern in Berlin-Kreuzberg wohnt und deshalb ein "Mandatstourist" sei. Damit wird auch Ute Vogt gebrandmarkt, die in Pforzheim lebt. Beide Kandidaten sind in der Umgebung von Stuttgart aufgewachsen.

Man wolle eben junge Wähler ansprechen und denen gefalle der Spot, sagt Kaufmann. Inhalte könne man sich auf seiner Webseite anschauen. Kaufmann lebt seit neun Jahren mit seinem Freund zusammen, was ihm bei den ganz Konservativen durchaus Stimmen koste, sagt er. Und hofft, dass ihm das in der Innenstadt Stimmen bringen wird.

Von den Ergebnissen der Gemeinderatswahlen im Juni will Kaufmann sich nicht beunruhigen lassen: Damals zogen die Grünen mit 25,3 Prozent als stärkste Fraktion ins Rathaus ein, in den Innenstadtbezirken des Wahlkreises holten sie über 30 Prozent. Als Grund galt "Stuttgart 21" - die Grünen waren als einzige der großen Parteien gegen das Milliardenprojekt, bei dem der Hauptbahnhof der Stadt in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof verwandelt werden soll.

Auf diese Karte setzt Özdemir auch bei der Bundestagswahl. Als ihn ein Obstempfänger nach dem Projekt fragt, erklärt der Grünen-Chef, wie er das Projekt kippen will: Wenn ein Grüner in Stuttgart ein Direktmandat gewinnt, dann wird es bei CDU und SPD so stark rumoren, dass sie von ihrer Zustimmung zum unterirdischen Bahnhof Abstand nehmen werden. Oder die Bahn lehnt es doch noch wegen der Kosten ab. Vergangene Woche, so Özdemir, habe er sich mit Bahnchef Rüdiger Grube getroffen und über Stuttgart 21 gesprochen - ein taktisch gut platziertes Treffen vor der Wahl.

Der Mann auf dem Berliner Platz scheint mit Özdemirs Antworten zufrieden zu sein. Zum Abschied bekommt auch er einen Bioapfel.

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