"Ardi" aus Äthiopien: Eine neue Verwandte des Menschen

Ein rund 4,4 Millionen Jahres altes Skelett revolutioniert das Bild unser Vorfahren. Ardi war weiblich, 1,20 Meter groß und konnte schon aufrecht auf zwei Beinen gehen.

Die Hominide "Ardi" ist rund eine Million Jahre älter als die hier abgebildete "Lucy". Bild: ap/houston museum of natural science/dirk van tuerenhout

WASHINGTON ap/dpa /taz | Die Geschichte der Menschheit ist mindestens eine Million Jahre älter als bislang angenommen. Das zeigt ein sensationeller Fund aus Äthiopien. Dort wurde das Skelett eines frühen Humanoiden entdeckt, der schon vor 4,4 Millionen Jahren lebte. US-amerikanische Anthropologen gaben dem weiblichen Skelett den Namen "Ardi", die wissenschaftliche Bezeichnung ist Ardipithecus ramidus.

Die von den Forschern geborgenen Überresten sind die einer etwa 1,20 Meter großen Frau mit einem Gewicht von etwa 50 Kilogramm, die rund eine Million Jahre vor "Lucy" in den Wäldern Afrikas lebte. Das Skelett von "Lucy" galt bislang als ältester bekannter Urahn des Menschen.

Der Fund von "Ardi" stoße einige der bisher gängigen Annahmen zur Entwicklungsgeschichte des Menschen um, erklärte der Anthropologe C. Owen Lovejoy von der Universität Kent. Der jetzt entdeckte Humanoide sei nicht der gemeinsame Vorfahr von Mensch und Schimpanse, "aber es ist das nächste, was wir bislang gefunden haben", erklärte Tim White, der Direktor des Forschungszentrums zur Evolution des Menschen an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Die Entwicklungslinien von Homo sapiens und der heute lebenden Affen reichten vermutlich sechs bis sieben Millionen Jahre zu einem gemeinsamen Urahn zurück, sagte White in einem Telefoninterview.

Das Wissenschaftsmagazin Science würdigt "Ardi" in der aktuellen Ausgabe mit einem großen Schwerpunkt. In insgesamt elf Artikeln beschreiben Wissenschaftler von Universitäten rund um die Welt ihren Fund: Das fast komplette Skelett von Ardipithecus ramidus wurde aus Teilen vieler Individuen, vor allem aber eines Weibchens zusammengesetzt, die seit 1994 gefunden worden waren.

Das Weibchen stammt aus der Afar-Region im Nordwesten Äthiopiens. Dort wurde auch schon "Lucy" (Australopithecus afarensis) und viele andere Vormenschen gefunden. Die Forscher zählen Ardi zu den Hominiden, den Menschenartigen.

"Das ist eine der bedeutendsten Entdeckungen für das Studium zur menschlichen Evolution", erklärte David Pilbeam, der Kurator für Paläanthropologie des Museums für Archäologie und Ethnologie an der Universität Harvard. Das Skelett sei relativ vollständig, da "Kopf, Hände, Füße und einige wichtige Teile dazwischen" erhalten sind, sagte Pilbeam, der nicht Mitglied der Forschergruppe war. "Das Skelett ist aus insgesamt 125 Teilen zsammengesetzt worden.

Ardi hatte viele Merkmale, die es bei den heutigen afrikanischen Affen nicht gibt. Daraus schließen die Forscher, dass die Affen eine ausgeprägte eigenständige Entwicklung genommen haben, seit es den letzten gemeinsamen Urahn gab.

Die Untersuchung von Ardi, die seit dem Fund der Knochen im Jahr 1994 läuft, deutet darauf hin, dass diese Spezies in Wäldern lebte und auf allen Vieren auf den Ästen klettern konnte. Ihre Arme und Beine zeigen aber, dass sie nicht viel Zeit auf den Bäumen verbrachte. Auf dem Boden konnte sie aufrecht auf zwei Beinen gehen. Ardi sei jedoch weder ein Schimpanse noch ein Mensch, erklärte Tim White, "es ist ein Ardipithecus."

White wies auch darauf hin, dass Charles Darwin, dessen Forschungen im 19. Jahrhundert die Grundlage für die Evolutionsforschung legten, sehr vorsichtig war, wenn es um den gemeinsamen Urahn von Menschen und Affen geht. Wie Darwin vermutet habe, hätten sich die Evolutionslinien von Schimpansen und Menschen lange Zeit getrennt entwickelt, seit es den letzten gemeinsamen Vorfahren gab.

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