Regisseur Chan-wook über Vampire: "Wir sehnen uns alle nach Rache"

Der koreanische Filmemacher Park Chan-wook spricht über Religion und Gewalt, die Gier nach Blut und die Gier nach Sex, über seinen Film "Durst" – und was er von Alfred Hitchcock gelernt hat.

Durst. Bild: dpa

taz: Herr Park, im klassischen Vampirfilm ist der Geistliche mit einem Hammer und einem Pflock bewaffnet, den er dem Blutsauger ins Herz rammt, um ihn auf immer und ewig zu eliminieren. In Ihrem Film geht das Böse hingegen von einem Priester aus. Was hat Sie an dieser Rollenumschreibung interessiert?

Park Chan-wook: Der Priester in meinem Film hat diesen Beruf gewählt, um zu einem höchst ehrenwerten und ergebenen Menschen zu werden. Deshalb stellt er sich für ein medizinisches Experiment zur Verfügung. Völlig unerwartet wird er aber als Folge seiner ehrenwerten Absichten und Taten zum Vampir, der nur durch das Blut anderer überleben kann. Welche Entscheidung trifft er in dieser Situation, wie handelt er? Der Vampirismus ist eine interessante Möglichkeit, einen solchen Gewissenskonflikt zu beschreiben. Weil er seine moralische Überzeugung und seinen Glauben aufrechterhalten muss, ist es für den Priester schwierig, sein Dasein als Blutsauger zu akzeptieren, obwohl er nur als solcher weiterexistieren kann. Daraus entstehen all seine Probleme und sein Leiden. Und als er sich leidenschaftlich verliebt, gerät sein Weltbild vollends ins Wanken.

Ist es also die Frage nach der Moral, die Ihren Film von anderen Vampirfilmen unterscheidet?

Park Chan-wook Als Philosophiestudent besuchte der Südkoreaner Park Chan-wook (Jahrgang 1963) regelmäßig den Filmclub der Universität in Seoul. Beeindruckt von Alfred Hitchcocks "Vertigo", griff er selbst zur Kamera. Mit seinem Film "Joint Security Area" aus dem Jahre 2000, der das heikle Thema der Teilung Koreas behandelt, gelang ihm der internationale Durchbruch.

Mit der exzessiven Rachetrilogie "Sympathy for Mr. Vengeance", "Oldboy" und "Lady Vengeance" reagiert Park Chan-wook auf die untergründige Gewalt in der koreanischen Gesellschaft, die über einen unbedingten Fortschrittsglauben die Aufarbeitung ihrer jüngsten Vergangenheit verdrängte. In Parks Filmen platzen die alten Wunden der japanischen Besatzung und Militärdiktatur wieder auf.

Nach diesen düsteren Filmen drehte er mit "Im a cyborg, but thats okay" ein durchgeknalltes Liebesmelodram, um sich mit seinem neuen, in Cannes mit dem Jurypreis ausgezeichneten Vampirfilm "Durst" wieder den menschlichen Abgründen zu widmen.

"Durst" von Park Chan-wook ist ein mit überwältigender Sogkraft erzählter Vampirfilm. Mit aller Drastik werden hier die moralischen Fragen des Blutsaugens aufgeworfen. Ein Priester, der Gutes tun will, mutiert nach einem medizinischen Experiment zum Vampir. Zunächst bedient er sich nur an Koma-Patienten, später auch an Selbstmordkandidaten. Sparsam bewahrt er seine Blutvorräte im Kühlschrank auf. Doch die Lust am Töten lässt sich kaum kontrollieren, und auch das sexuelle Begehren des Priesters wird immer größer. Seine Geliebte, eine von ihrer Familie gequälte junge Frau, die er mit dem Vampirvirus infizieren wird, stürzt sich mit Wollust in die mörderische Jagd auf ihre Opfer. Auch in diesem Film verbindet Park Chan-wook exzessive Gewalt mit präzise komponierten Bildern und einem Diskurs über Triebe, Schuld und Erlösung. In "Durst" vermischt sich der Austausch des Blutes mit dem von anderen Sekreten, wird der Kampf zwischen dem Vampirpriester und seiner weiblichen Versuchung zum Sinnbild einer großen fatalen Liebe.

"Durst". Regie: Park Chan-wook. Mit Song Kang-ho, Kim Ok-vin u. a., Südkorea 2009, 133 Min.

"Durst" fehlt die romantische Ebene von Klassikern wie "Nosferatu" oder Coppolas "Bram Stokers Dracula". Weil ich den Akzent auf den moralischen Verfall meines Helden gelegt habe, wird dem Genre alles Fantastische genommen. Ich finde, dass es deshalb ein sehr realistischer Vampirfilm geworden ist, der existenzielle Fragen aufwirft. Auch wenn Sang-hyun verkündet, dass er kein Priester mehr sei, und das Kloster verlässt, kann er niemals seinen Glauben über Bord werfen. So grübelt er immer weiter: Es muss Gottes Wille sein, der mich zum Vampir gemacht hat, welche Absicht steckt wohl dahinter? Und noch eine andere Überlegung beschäftigt ihn: Wenn es unvermeidlich ist, dass ich Menschen töte, um zu überleben, ist ein Mord dann gerechtfertigt oder nicht? Einfacher gesagt: Ist es richtig oder nicht, dass ich mich schuldig fühle, wenn ich das Blut anderer trinke und sie töte? Seine Geliebte, die Femme fatale, gibt den unmoralischen Gegenpart. Für sie ist es in Ordnung, als Vampirin Menschen auszusaugen, so wie man ja auch Tiere als Nahrung schlachtet.

Inwiefern lässt sich Ihr Film auch als kritische Auseinandersetzung mit der Kirche verstehen? Jedenfalls spielen Sie auf der visuellen Ebene mit christlicher Ikonografie.

Das stimmt. Einmal haben wir von einem Weinglas direkt zu einer Großaufnahme des bluttriefenden Mundes geschnitten. Da denkt man natürlich an den Wein beim christlichen Ritual. Es gibt mehrere solcher katholischen Motive, denn schließlich wird in diesem Vampirfilm eine Geschichte von Schuld und Erlösung erzählt. Am Anfang des Films ist häufig offener Raum, das Freie zu sehen. An solchen Orten will der Priester den Menschen helfen und durch Gebete etwas Gutes bewirken. Aber es gelingt ihm nicht. Seine Hilflosigkeit wollte ich in großen Bildern darstellen, in denen er seltsam verloren wirkt und die seine Isolation schon vorwegnehmen. Doch auch wenn das Christentum in Korea gerade wieder an Bedeutung gewinnt, bin ich weder an einer kritischen noch an einer realistischen Annäherung an den Klerus interessiert.

Funktioniert "Durst" für Sie denn als Gesellschaftsmetapher?

Schon mit den Filmen meiner Rachetrilogie fühlte ich mich mehr von mythologischen, grundlegenden, tieferen und prototypischen Geschichten angezogen. Deshalb will ich mit "Durst" nicht unbedingt eine bestimmte Facette der koreanischen Gesellschaft behandeln. Eher handelt es sich um einen inneren moralischen Konflikt, um ein moralisches Dilemma, mit dem sich jeder irgendwann einmal auseinandersetzen muss. Etwas Ähnliches wie der Priester im Film fühlt, empfindet jeder in einer modernen Gesellschaft. Sein Konflikt lässt sich auf andere Situationen übertragen: Zum Beispiel auf einen Geschäftsmann, der es mit der Moral sehr genau nimmt: Dieser Mann muss aus betriebswirtschaftlichen Gründen Mitarbeiter entlassen - will er aber zugleich seine moralischen Grundsätze aufrechterhalten, dann müsste er sehr leiden; er würde zerrieben zwischen seiner Moral und seiner Pflicht als Geschäftsmann. In diesem Sinne ist mein Film dann doch ein Spiegel für die Gesellschaft.

Auch das rigide Geschlechterverhältnis in Korea wird in "Durst" aufgegriffen. Ihr Priester befreit eine junge, unterdrückte Frau aus den Klauen ihrer Familie.

Ich habe diese Szenen aus einem Roman von Emile Zola übernommen. Die Beziehung zwischen Tae-ju, ihrem Mann und der Schwiegermutter spiegelt das familiäre Verhältnis im 19. Jahrhundert in Frankreich. Wenn Sie fragen, ob sich das im Korea des 21. Jahrhunderts ähnlich verhält, dann könnte man das vorsichtig bejahen. Tae-ju wird wie eine Haushälterin und sexuelle Erfüllungsgehilfin behandelt. Es ist zwar in Korea nicht alltäglich, aber auch nicht so selten, dass es für das Publikum nicht glaubwürdig wäre. Der Konflikt zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter ist immer noch ein beliebter Stoff für Seifenopern im Fernsehen. Das ist der feudalistische Rest innerhalb koreanischer Familien.

Inwiefern ist der Priester ein Seelenverwandter Ihrer Helden und Heldinnen aus der Rachetrilogie?

Sie sind alle Getriebene. In "Durst" verbindet sich die Gier nach Blut mit der Gier nach Sex, letztlich geht es um Lebens- und Überlebensgier. Aber ist Rache nicht letztlich auch ein Trieb, so wie die Sexualität und der Überlebenswille? Haben wir nicht alle Sehnsucht nach Rache? Als Fantasie hat sie eine sehr stimulierende Wirkung. Wir brauchen also diese Vorstellung für unsere geistige Gesundheit, aber wir dürfen sie nicht ausüben, denn als Realität ist sie furchtbar. Andererseits wird das Bedürfnis nach Rache immer größer, wenn wir ihm nicht nachgeben. Das ist eine höchst dramatische Konfliktsituation.

Der Rache- und der Überlebenswille machen Ihre Helden zu Marionetten und zu Kreaturen ihrer Triebe. Diesen Prozess zeigen Sie meistens sehr drastisch. In "Old Boy" werden Zähne mit einer Zange ausgebrochen und Fingernägel in Großaufnahme ausgerissen. In "Durst" werden Menschen wie Schlachtvieh aufgehängt, die Tonspur ist ein fast unerträgliches Schmatzen und Saugen.

Was die Darstellung von Gewalt im Kino betrifft, gibt es für mich zwei Punkte: ob das Publikum durch gewalttätige Szenen eine Katharsis erfährt und ob es die Gewalt ästhetisch schön findet. Ich denke, dass ich - auf welche Weise auch immer - beides vermeiden möchte. Allerdings bin ich selber manchmal bei Filmen anderer Regisseure begeistert, wenn gewalttätige Szenen eine kathartische Wirkung haben, und manchmal bewundere ich die Schönheit solcher Szenen. Aber wenn ich Gewalt auf solche Art in meinen Filmen einsetzen würde, dann hätte ich ein schlechtes Gewissen. Ich schildere Gewalt, um Leiden und Angst zu beschreiben. Um die Angst vor der Gewalt und um das Leiden, das auf Gewalt folgt, darzustellen, drehe ich gewalttätige Szenen. Es werden nicht nur Körper zerstört, sondern auch die Humanität. Was durch gewalttätiges Handeln ruiniert wird, ist nicht nur das Opfer, sondern auch der Täter. Darum sind die Gewaltszenen in meinen Filmen so schmerzhaft und rufen ein schlechtes Gewissen hervor.

Mit unserem schlechten Gewissen hat auch Alfred Hitchcock immer gearbeitet. Der Regisseur, der Sie zum Kino gebracht hat.

Ich wollte zwar schon seit der Pubertät, also seit dem Gymnasium, Regisseur werden, aber ich dachte, dass nicht jeder einfach Regisseur werden könne, sondern nur besondere Menschen - solche, die Führungspersönlichkeit besitzen oder ein "tough guy" sind. Darum habe ich mich nicht getraut. Dann habe ich als Philosophiestudent "Vertigo" gesehen und bin diesem Film total verfallen. Ich empfand das starke Bedürfnis, mich mit dem künstlerischen Medium zu beschäftigen, das ein solches Werk hervorbringt. Wie Hitchcock mache auch ich Filme, die von den dunklen Seiten der Menschen handeln. Ich beschreibe die Monster, die tief in unserem Inneren lauern. Doch was ich von Hitchcock gelernt habe, ist, wie wichtig es ist, diese Düsternis mit Humor zu verbinden.

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