Probleme bei der Wohnungssuche: Studis putzen für die Unterkunft

Weil Studienanfänger bei der Wohnungssuche geringe Chancen haben, hat ein Modell Zulauf: Junge Leute gehen Alten zur Hand. Dafür dürfen sie bei ihnen wohnen.

Jung hilft alt: Das Modell funktioniert bei Studenten und Senioren. Bild: dragon30/photocase

MÜNCHEN taz | Wer hat wann Besuch? Wann wird geputzt? Sollen wir eine Runde Karten spielen? Was die Studentin Katharina an ihrem Küchentisch bespricht, klingt alles andere als ungewöhnlich. Es ist aber keine "normale" WG, in der Katharina wohnt. Ihre Mitbewohnerin ist mehr als 60 Jahre älter als sie - und Katharina zahlt keine Miete.

Die 19-Jährige kommt aus Münsingen auf der Schwäbischen Alb, zum Studium ist sie nach München gegangen. So, wie es viele zehntausend Abiturienten in jedem Herbst hinaus ins Land zieht, um fernab ihres Elternhauses zu studieren. Drei Stunden hätte sie mit dem Zug zu ihrer Hochschule gebraucht, für die einfache Strecke. "Das wäre nicht gegangen", sagt Katharina, die sich auf die Suche nach einer Bleibe machte - und bei der 80-jährigen Gisela Hößler fündig wurde.

"Problematisch ist die Wohnungssuche vor allem in den Monaten September bis November", sagt Anke van Kempen vom Münchner Studentenwerk. "Zum Wintersemester drängen besonders viele neue Studierende in die Stadt." Zum Jahreswechsel entspanne sich die Lage dann meist wieder etwas. Die Zeiten, in denen das Studentenwerk Notunterkünfte in Turnhallen einrichtete, sind zwar vorbei, doch auch in diesem Jahr können die Neuankömmlinge nicht auf Wohnheimplätze hoffen. Die Wartezeit beträgt ein bis vier Semester, und günstiger Wohnraum auf dem freien Wohnungsmarkt ist nach wie vor äußerst knapp. Kreative Ideen jenseits der jährlichen Appelle an Vermieter, doch auch an Studenten zu vermieten, sind also gefragt. Ideen wie das "Wohnen gegen Hilfe".

Das Projekt "Wohnen für Hilfe" bringt die Generationen im Saarland zusammen.

Wie in anderen Uni-Städten gibt es auch in München einen Verein, der Studierende an Senioren vermittelt. Die Idee: Viele ältere Menschen sind alleine in ihren großen Wohnungen, während viele Junge keinen Platz zum Schlafen haben. Die Studierenden ziehen in die Wohnungen der alten Menschen mit ein und helfen ihnen bei alltäglichen Arbeiten wie Kochen, Putzen oder Einkaufen - und sparen dafür kräftig an der Miete. Was konkret zu tun ist, klären die künftigen Mitbewohner schon vor dem Einzug, um späteren Ärger zu vermeiden.

Üblich ist eine Stunde Arbeit pro Quadratmeter Zimmer pro Monat. So hilft Katharina 20 Stunden pro Monat bei "allem, was halt nicht mehr so geht", wie Gisela Hößler sagt, und zahlt dafür überhaupt keine Miete. Sehr viele Studierende interessieren sich für diese Wohnform. "Wir sind ein Nischenprojekt", erklärt Brigitte Tauer vom Verein Wohnraum für Hilfe, "wir vermitteln 35 bis 40 Studierende pro Jahr." Die Bewerbungszahlen indes ähneln denen auf dem freien Wohnungsmarkt: Zehnmal so viel Studenten wie Senioren hat der Verein auf seinen Listen. Und in den kommenden Jahren dürften es noch mehr werden. Die großen Probleme bei der Wohnungssuche haben vor allem Erstsemester, die neu in den Städten sind. Das Studentenwerk rechnet daher mit großen Problemen, wenn die doppelten Abitur-Jahrgänge an die Hochschulen streben. Bei 180.000 Wohnheimplätzen bundesweit gebe es einen Fehlbedarf von etwa 20.000 Zimmern, heißt es. Das Studentenwerk fordert, die zusätzlich beschlossenen Studienplätze auch mit zusätzlichem Wohnraum zu flankieren.

Der studentische Wohnungsmarkt unterscheidet sich in den deutschen Städten immer noch erheblich. Neben den boomenden Großstädten ist es für Erstsemester vor allem in teuren Uni-Städten wie Heidelberg und Freiburg schwierig, ein Zimmer zu bekommen. Was nicht nur an den Preisen liegt: Im Ruhrgebiet zum Beispiel ist der Wohnungsmarkt für Uni-Starter auch deshalb recht entspannt, weil die Konkurrenz gering ist. Ganz anders als etwa in Heidelberg kommen dort die meisten Kommilitonen aus der Region und nutzen häufig die Möglichkeit, zu Hause wohnen zu bleiben. Eine Möglichkeit, die Katharina nicht hatte.

Sie ist jetzt erst einmal froh, sich die Miete zu sparen. Wenn sie dann irgendwann doch noch in einer studentischen WG landet, wird sie manche Erfahrung schon gemacht haben - ein Putzplan gehört nicht dazu. Das hat sie bei ihrer 80-jährigen Mitbewohnerin gelernt: "Ich bin einfach nicht so ein Stundenplan-Typ", sagt Gisela Hößler.

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