"loslabern" von Rainald Goetz : Der Meister des Satzes

Das neue Buch von Rainald Goetz wirft einen intensiven Blick auf die Nullerjahre und heißt "loslabern" – passend dazu funkeln die Sätze oft wie Juwelen. Ein Roman ist es trotzdem nicht.

Es gibt sie noch, die crazy Rainald-Goetz-Sätze. Bild: seleneos/photocase

Die Nullerjahre waren nicht sein Jahrzehnt. Das muss irritierend sein für einen wie Rainald Goetz. Zum Selbstverständnis dieses Autors gehörte es stets, vornedran zu sein, sich mit Trends und Moden der jeweiligen Zeit zu verbünden. So hat er es in den Achtzigerjahren gehalten, als er in einem von Popdiskursen befeuerten, sozusagen auf Dauer gestellten Peter-Handke-in-Princeton-Auftritt dem Literaturbetrieb Beschreibungsimpotenz und Verschnarchtheit vorhielt. So hielt Rainald Goetz es auch in den Neunzigern, als er, auf großer Rave-Pilgerfahrt, die reine, nichtdiskursive Glücksgegenwart in den Bassgewittern des Techno suchte und allen Paradoxien zum Trotz in Text und Schrift festhalten wollte.

Dies alles funktionierte in den Nullerjahren offenbar nicht mehr. Anschluss an ein Vorne hat Rainald Goetz nicht mehr gefunden. Vielleicht, weil auch er älter wurde. Wahrscheinlicher, weil es einen avancierten Zentraldiskurs zuletzt gar nicht mehr gegeben hat. Spex und Tempo in den Achtzigern, die Love Parade in den Neunzigern - das waren letzte zentrale Identifikationsangebote; was sich aber derzeit herausmendelt, ist viel unübersichtlicher und nicht auf klare Fronten zu bringen.

Die Nullerjahre werden in gut zwei Monaten wohl das Jahrzehnt gewesen sein, in denen alle irgendwie normal geworden sind; ein bisschen bürgerlich, ziemlich mit eigenen Sorgen und Problemen beschäftigt und im Grunde reichlich ernüchtert gegenüber allem, was vorne sein soll; das nächste neue Ding reicht höchstens noch zum Kaufanreiz von Zeitungen und Magazinen, aber nicht dazu, sein Leben von Grund auf zu ändern. Es gibt Hinweise darauf, dass Rainald Goetz diese Situation wie ein Leben im Exil und ein Sicheinrichten in einer Diaspora begreift. "und müsste ich gehen in dunkler schlucht" lautet das biblische Motto, das er seiner neuen, mit satt dunkelblauen Umschlägen versehenen Buchserie voranstellt. Dunkle Schlucht und nirgendwo ein Herr oder Hirte: Das bedeutet Orientierung auf unübersichtlichem, nicht ausgeschildertem Terrain. Auf Normalität war Rainald Goetz ganz und gar nicht vorbereitet.

Wie das alles genau mit dem Projekt eines großen Romans, an dem Rainald Goetz in diesen unübersichtlichen Nullerjahren saß, zusammenhängt, ist nicht ganz klar. Jedenfalls konnte, wer wollte, bis zur Jahrtausendwende immer gut darüber informiert sein, was er gerade trieb. Heftig feiern in Tokio, Luhmann lesen am Pool in Vegas - in seinen Schriften postete er stets sorgfältig Nachrichten aus seinem Leben, als Leser konnte man seine Erfahrungen mit ihm sharen (in heutiger Facebook-Sprache gesagt, wo das alltägliche Internetpraxis geworden ist). Dann brach das mit einem Mal ab. In seiner Autorenklause recherchierte und scheiterte Rainald Goetz an seinem großen Roman.

Was sollte das werden? Ein schriftstellerischer Normalisierungsversuch? Versuchte Neuerfindung? Abkehr von der Gegenwarts-Erzählung? Die näheren Umstände wird dereinst, vielleicht, die Literaturwissenschaft klären. Wichtig ist vorerst festzuhalten, dass Leben und Werk des Rainald G. irgendwann auseinandergefallen sind; er kriegte sie nicht mehr zusammen. Und den Roman hat er inzwischen offenbar ein für allemal aufgegeben. In "klage", der 2008 erschienenen Buchversion seines Vanity-Fair-Blogs, schreibt sein Blogger-Ich, "dass ich selber ganze sieben Jahre lang, das ist übrigens eine SEHR lange Zeit, und zwar die Jahre -

2000

2001

2002

2003

2004

2005

2006

- auf immer wieder andere Art versucht habe, einen möglichst traditionell erzählerischen Roman zu schreiben, was mir leider aber nicht gelungen ist. Diese Jahresliste hingegen schaute ich an, und sie gefiel mir gut." Der müde Scherz am Ende markiert einen Neuanfang: Nach sieben mageren Jahren war es genug.

Inzwischen sind neue Bücher da. Sie lassen sich durchaus verstehen als Ausdruck eines neuen, pragmatischen Umgangs von Rainald Goetz mit den Bedingungen seiner Schriftstellerexistenz; irgendetwas muss man dann und wann schließlich veröffentlichen, warum also nicht Blogs wie "klage" und, wie nun mit "loslabern", Fragmente, Skizzen, Notizen, Feuilletons, die nur mühsam durch die Frage, wie sich die Nullerjahre anfühlten, zusammengehalten werden. Die neue Buchreihe lässt sich aber auch als Versuch einer Selbstvergewisserung nach dem Scheitern interpretieren.

Wer durch die Benutzeroberfläche von "klage" hindurchsieht, wird auf eine Erzählerposition stoßen, die im Kern auf zwei Grundoperationen reduziert ist: Urteile fällen und Stimmungslyrik verbreiten. Beides sind stets Motoren des Goetzschen Schreibansatzes gewesen; jetzt stehen sie, an tagtäglichen Ereignissen, Kulturveranstaltungen, Begegnungen immer wieder neu demonstriert, gleichsam nackt da, ohne Einbindung in übergeordnete Zeitansätze. Dieses Ich ist jetzt auf eigene Rechnung unterwegs. Es registriert, wertet, beschreibt, wertet ab - wie Leserbriefe an die Zeitläufte in der Berliner Republik lesen sich viele Einträge. Manchmal sind sie ganz erhellend. Oft nervt die Willkürlichkeit seiner Urteile. Dann und wann gewann man den Eindruck, hier müsse sich jemand, dem alle Orientierung abhanden gekommen, am Naheliegendsten festhalten: an dem, was man tagtäglich so erlebt, wenn man in Berlin-Mitte unterwegs ist. Eine souveräne Autorenposition ist das keineswegs. Rainald Goetz, der immer vornedran sein wollte, läuft nun (wie wir alle) den Ereignissen hinterher.

"loslabern", der neue, in Format und Umfang geradezu schüchtern auftretende Band, versucht dagegen schon wieder, erzählerisch Funken aus der Situation zu schlagen. Mit einem verdichteten Bericht von der Frankfurter Buchmesse 2008, die Rainald Goetz offenbar als Möglichkeit zu einem Neuanfang empfunden hat, fängt es an. Mit dem Bericht von einem Abendessen für den Künstler Albert Oehlen, das mit hineingesampelten poetologischen Überlegungen und allerlei Seitenblicken auf Wendelin Wiedeking, die "wunderbare" Heidi Paris, Mathias Döpfner und (besonders böse) Rebecca Casati auch eine Art Abschiedsessen auf die Nullerjahre ist, hört der Band auf. "Die neue Zeit der Gegenwart der Nullerjahre schaute so aus wie diese Gemälde, grell, hell, brutalstens stressig, hingeschludert, grimmig, hier: willste noch einen in die Fresse, bitte, kannste gerne haben." Goetz mag sie wirklich nicht, diese Zeit!

Waghalsige Denkbewegung

Dazwischen stehen Notate, Wörterlisten, die nur mit Wallungswerten operieren, Berichte von Begegnungen mit Medienmenschen (Rainald Goetz erweist sich wieder als besessener Leser des Feuilletons), auch einige unverbundene Fragmente, die wie Ruinen offenbar aus größeren Erzählzusammenhängen in den Kontext dieses Bandes übernommen wurden.

Künstlerische Funde sind vor allem auf der Mikroebene zu machen. Rainald Goetz erweist sich wieder einmal als Meister des intensiven, waghalsig zusammengeschraubten und die Denkbewegungen geschmeidig wiedergebenden Satzes. Die Sätze funkeln oft wie polierte Juwelen. Zugleich ist da aber auch dieses "wieder einmal". Was man eben auch feststellen muss: dass man mit diesem Band recht schnell wieder durch ist. Vieles kennt man schon von früher: die zur Schau gestellte dünne Haut, die Reflexionsschlaufen, die Kapiteltitelspielereien. Böse gesagt: Dieses Buch vermittelt leicht Manufactum-mäßig etwas von den bewährten Qualitäten eines Markenprodukts - es gibt sie noch, die crazy Rainald-Goetz-Sätze. Dabei aber ist es inhaltlich zu dünn aufgestellt, um davon Zeugnis ablegen zu können, wie die Nullerjahre sich anfühlten. Immerhin, man erfährt etwas über die Nullerjahre, wie Rainald Goetz sie sieht. Den Kern des Ganzen bildet ein Bericht vom Herbstempfang der FAZ 2008. Hier finden sich zwei Episoden, bei denen man es einfach auch schade findet, dass Rainald Goetz sie nicht zu einem Roman ausbauen kann. Die erste handelt von Angela Merkel und dem FAZ-Herausgeber Günther Nonnenmacher; allein aus ihrer Körpersprache kann Goetz sehr einleuchtend das Verhältnis der Subsysteme Politik und Wirtschaft während der beginnenden Finanzkrise herausarbeiten: Die Politik hatte eben rettend ihre Vorrangstellung bewiesen, Merkel während des Empfangs einen "ziemlichen Höhenflug".

Bei der zweiten Episode wird Goetz vom anderen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher angesprochen, ob er sich heimlich bei diesem Fest eingeschlichen habe, kann dann aber doch eine Einladungskarte vorweisen. Beide Episoden wären großartiges Material in einem aktuellen Aufsteiger- oder auch in einem Intellektuellenroman gewesen: Wie sich jemand im Kreis der Macht unwohl und nicht legitimiert fühlt und sich mit überscharfen Beobachtungen wehrt.

In "klage" heißt es: "Es gibt keine nichtmuffige, nichtzuckrige, nichtbanale Sprache für einen heutigen Roman nach Art der großen Romane von früher." Aber das verschleiert etwas. Es muss erstens kein Roman "von früher" sein, und Rainald Goetz hat zweitens durchaus eine Sprache. Was er nicht hat, ist Abstand zu seinem Material; er kann es für sich zum Funkeln bringen, es aber nicht in eine übergeordnete Dramaturgie oder Konzeption, die ein Roman braucht, einbauen. Dazu hätte er sich aus seiner eh ziemlich eng gewordenen Gegenwartsfixierung lösen müssen, was ihm aber nicht gelungen ist. Mal sehen, was die Zehnerjahre bringen werden.

Rainald Goetz: "loslabern". Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2009, 188 Seiten, 17,80 €

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