Gespräch mit Ägyptens wichtigstem Blogger: "Arabische Domains schaffen Distanz"

Ein Gespräch mit Blogger Wael Abbas über arabische Schriftzeichen in der Browser-Adresszeile, Schikanen gegen Blogger – und die falsche Adelung Ägyptens durchs Internet Governance Forum.

Eine gute Adresse: Wael Abbas' Blog. Bild: screenshot misrdigital.blogspirit.com

KAIRO taz | „Das Internet spricht Arabisch“, verkündete Ägyptens Technologieminister Tarek Kamel stolz. In der Nacht zum Dienstag wurde die weltweit erste Domäne eingerichtet, die nicht mit lateinischen Buchstaben geschrieben wird: ".misr" – das arabische Wort für Ägypten mit arabischen Schriftzeichen als Toplevel-Domain.

Verkündet wurde dieser Schritt auf einem Treffen des „Internet Governance Forum“ IGF im ägyptischen Badeort Scharm El-Scheich. Bei der Zusammenkunft dieses beratenden Gremiums soll vier Tage lang über die zukünftige Ausgestaltung des Internets diskutiert werden. „Das ist ein großartiger Moment für uns“, sagte Kamel bei der Einführung der arabischen Domäne auf der von der UN gesponserten Konferenz.

Doch selbst von arabischer Seite findet nicht jeder die Einführung der neuen Domänen gut. „Das wird total überbewertet“, meint Wael Abbas, Ägyptens prominentester Blogger im Gespräch mit taz.de. „Arabische Domänen schaffen Distanz, denn auf sie kann nur mit arabischer Tastatur zugegriffen werden“, urteilt er.

Im Internet gehe es aber darum, dass weltweit Netzwerke geschaffen werden. Der neue Schritt, fürchtet Wael Abbas, „führt zu einer Lokalisierung des Internets“. Am Ende, glaubt er, stünde ein ähnliches Phänomen wie beim Lokalfernsehen in den USA, bei dem sich alle nur noch für ihre unmittelbare Umgebung interessierten und keine Ahnung haben, was in der Welt vorgehe.

Im Oktober machte die ICAAN, die das Internet technisch verwaltet, den Weg frei für nichtlateinische Buchstaben in der URL. Neben Arabisch sind in Zukunft auch Domänen in chinesisch, russisch und einigen anderen Schriftzeichen möglich.

Der ägyptische Blogger Wael Abbas hat sich auch international einen Namen gemacht, als er Videos von Folter auf Polizeistationen ins Netz stellte. Er zeigt sich auch enttäuscht, dass das Internet Governance Forum, diesmal Ägypten als Konferenzort gewählt hat. Das Treffen der IGF verbessere das Image der ägyptischen Regierung zu unrecht, klagt er. Ein Vorbehalt den er mit der internationalen Menschenrechtsorganisation „Reporter ohne Grenzen“ teilt.

„Ägyptische Blogger werden regelmäßig eingesperrt, werden verprügelt oder sogar gefoltert, um ihre Passwörter zu erfahren“, erzählt Abbas. „Zwar gibt es keine direkte Zensur des Internets in Ägypten, von wenigen kurzfristigen Ausnahmen abgesehen, aber das Netz wird von der ägyptischen Internetpolizei beobachtet“, erklärt er. „Und wenn es ein Problem aus ihrer Sicht gibt, dann gehen sie direkt zur Quelle und verhaften die Blogger.“

Immer wieder würden Blogger, Journalisten oder Bürger, die im Internet gegen die Regierung aktiv sind, vor Gericht gezogen. Der bekannte Blogger Karim Amer sitzt für vier Jahre im Gefängnis, weil er laut Anklage, den ägyptischen Präsidenten und religiöse Institutionen verunglimpft haben soll. Mousaad Abu Fagr, der auf seinem Blog über die Probleme der Beduinen im Sinai mit der Regierung geschrieben hatte, wurde als „Bedrohung der Nationalen Sicherheit“ weggesperrt.

Es gibt über ein Dutzend Beschlüsse von Gerichten ihn freizulassen – bislang wurden alle ignoriert. Abbas selbst wird immer bei der Aus- und Einreise am Flughafen schikaniert. Sein Laptop und seine Datenträger werden regelmäßig konfisziert. „Als ob ich damit Drogen schmuggle“, meint er. Einmal wurde ihm zu Hause von einem Polizeioffizier ein Vorderzahn ausgeschlagen. Obwohl Abbas gleich drei medizinische Atteste vorgelege, wurde der Fall aus "Mangel an Beweisen" von den Behörden fallengelassen.

Abbas glaubt fest an die Macht des Internets auch in Ägypten in dem über ein Viertel der Bevölkerung nicht lesen und schreiben kann. „Es gibt 20 Millionen Menschen in diesem Land, die direkt oder indirekt Zugang zum Internet haben. Das ist einer von vier Ägyptern“, erläutert er.

Und dann gebe es im Land noch 55 Millionen Mobiltelefone und oft würden Inhalte aus dem Netz, Fotos und Videos per Bluetooth vom Netz auf die Handys geladen. Die von Abbas ins Netz gesetzten Foltervideos, machten auch auf diesem Wege im ganzen Land die Runde. „Das geht dann soweit, dass auch die offiziellen Medien am Ende gezwungen werden, sich damit auseinanderzusetzen“, sagt er.

Und selbst die Behörden müssen am Ende reagieren. Zwei ägyptische Polizeioffiziere wurden zu Haftstrafen verurteilt, weil sie auf einer Polizeistation lachend einen Busfahrer mit einem Besenstil vergewaltigen. Die Polizisten fühlten sich so sicher, dass sie die Szene auf einem Handy filmten und Kollegen zeigten. Doch dann bekam Abbas das Video in die Hand und stellte es ins Internet.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de