Nazi-Memorabila für Jad Vaschem

Ein taktloser Taktierer

Der Enkel des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß bietet der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem Gegenstände an. Zum Verkauf. Gehts noch?

Der Nazi-Kommandant Rudolf Höß im Jahr 1947 auf dem Weg zu seinem Prozess. Bild: ap

In Israel gibt es ein Sprichwort: "Erst hast du gemordet, dann willst du auch noch das Erbe kassieren." Selten trifft es den Nagel so wunderbar auf den Kopf wie in diesem Fall: Rainer Höß, der Enkel des Kommandanten des Vernichtungslagers Auschwitz Rudolf Ferdinand Höß, hat der zentralen Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust in Israel, Jad Vaschem, ein Angebot gemacht: Er möchte ihnen den Nachlass seines Großvaters, nein, nicht schenken. Verkaufen.

Vor kurzem erreichte die Poststelle des Museums eine E-Mail. Betreff: "Seltene Gegenstände, Auschwitz, Kommandant Höß". Darin schreibt er: "Es handelt sich um einige Gegenstände aus dem Nachlass von Rudolf Ferdinand Höß, den Kommandanten von Auschwitz: eine feuerfeste Kiste mit offiziellen Symbolen - ein Geschenk von Himmler (der SS-Reichsführer), Gewicht 50 kg; ein Brieföffner; unveröffentlichte Dias aus Auschwitz; Bilder aus der Gefangenschaft in Krakau. Ich wäre Ihnen für eine kurze Antwort dankbar. Mit freundlichen Grüßen, Rainer Höß."

In Jad Vaschem hielt man das Angebot erst für einen schlechten Witz. Aber schnell war klar: Höß meint es ernst. "Die Frage, die wir uns gestellt haben, ist offensichtlich", sagt ein Sprecher der Gedenkstätte. "Will da jemand aus den Verbrechen seiner Familie Kapital schlagen?" Die Leitung schickte Höß also eine höfliche Mail, in dem sie ihm ihre Bestürzung mitteilte. Es sei ausgeschlossen, dass sie für den Nachlass jenes Mannes, der nicht nur für den Bau des Lagers, sondern auch für die Vernichtung von 430.000 ungarischen Juden innerhalb von 56 Tagen verantwortlich sei, auch noch zahlten. Daher müssten sie das Angebot entschieden ablehnen. Aber: Es stünde Herrn Höß frei, die Gegenstände zu spenden.

Der fühlt sich missverstanden. Vorverurteilt. Wie so oft, seitdem er mit 12 im Geschichtsunterricht erstmals von der Vergangenheit seines Großvaters erfuhr. "Ich war damals schockiert, und jetzt bin ich es wieder", sagt er. "Ich wollte schon mehrmals nach Auschwitz fahren, aber wegen meines Familiennamens konnte ich mich keiner Gruppe anschließen. Aber ich war schon in anderen Lagern wie etwa Dachau."

Immerhin, so versucht er sich zu verteidigen, habe er über die Jahre hinweg viele, viele, zum Teil sehr lukrative Offerten von anderer Seite bekommen. Und sie stets ausgeschlagen. "Es gab immer wieder interessierte Käufer", sagt der 44-Jährige. "Diese Gegenstände befinden sich im Besitz meiner Familie und viele wissen darüber Bescheid." Er aber habe sich stets geweigert, sie herauszugeben. Denn: "Ich möchte nicht, dass sie in die falschen Hände geraten." Die Idee, den Nachlass Jad Vaschem zu verkaufen, kam ihm dann vor einigen Monaten im Gespräch mit einem Freund: dem Enkel von Baldur von Schirach. Jenem Schirach, der im Auftrag des "Führers" die Hitler-Jugend leitete. Nun ist die Vorstellung, dass sich Nazi-Enkel treffen, um über das Erbe des Opas zu plauschen, an sich schon ein bisschen befremdlich.

Was aber wirklich sauer aufstößt, ist, dass es anscheinend von Schirach war, der Höß vorschlug, die Objekte zu verkaufen. Man sollte meinen, die deutsche Gesellschaft von heute habe etwas mehr Fingerspitzengefühl - gerade die Nachkommen der Täter. Ein Ausreißer ist da schon schlimm genug. Aber gleich zwei? Kann so viel Taktlosigkeit wirklich nur ein Versehen sein? Wollte Höß, der gerade arbeitslos geworden ist, einfach nur Geld machen? Oder stimmt es, was ein Leser, der die Meldung auf einer israelischen Nachrichtenseite kommentierte, schreibt: "Die Deutschen von heute sind genau die gleichen wie die von 1945. Uns Juden haben sie geizig genannt, und selbst versuchen sie, sich aus dem Leid, dass ihre Vorfahren verursacht haben, zu bereichern."

Höß selbst trägt sich mittlerweile mit der Idee, Jad Vaschem die privaten Gegenstände tatsächlich zu schenken. "Aber ich kann das nicht allein entscheiden. Ich neige dazu, sie zu spenden, aber ich muss mich mit dem Rest der Familie beraten. Wir wollen, dass der Nachlass in einem Geschichtsmuseum ausgestellt wird", sagt er, und: "Ich bin weit von der Weltsicht meines Großvaters entfernt. Seit der Scheidung meiner Eltern habe ich alle Verbindungen zu der Familie meines Vaters, Rudolfs Sohn, gekappt." Na ja, fast alle.

Klarstellung

Am 18.11.2009 war auf www.taz.de unter der Überschrift "Ein taktloser Taktierer" im Zusammenhang mit dem geplanten Verkauf von Gegenständen aus dem Nachlass des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß durch dessen Enkel Rainer Höß an die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem zu lesen, die Idee hierzu sei ihm im Gespräch mit einem Freund gekommen: dem Enkel von Baldur von Schirach, dem Leiter der Hitlerjugend. Ferdinand und Norris von Schirach, Enkel von Baldur von Schirach, legen Wert auf die Feststellung, dass sie Rainer Höß weder kennen noch mit ihm gesprochen haben, geschweige denn mit ihm befreundet seien.

Die Redaktion

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben