Death-Metaller "Mayhem" in Berlin: Schweinskopfsülze in Moll

Die berüchtigte norwegische Death-Metal-Band Mayhem spielt in der Berliner Volksbühne. Ihre Mitglieder lieben Schweineblut und schreckten vor Gewaltverbrechen nicht zurück.

Wurden nicht böse geboren: Webseite der Band Mayhem. Bild: myspace/officialmayhem

Wildschweinköpfe wolle sie besorgen, so Susanne Herrndorf, die den Auftritt - ein exklusives Sonderkonzert - der norwegischen Black-Metal-Band Mayhem am Sonntag in der Berliner Volksbühne organisiert. Es soll auf der weitläufigen Theaterbühne ein wenig so aussehen wie beim ersten offiziellen Konzert der Osloer Band 1990 in irgendeiner Kaschemme, als die Musiker zwischen aufgespießten Schweinsköpfen auftraten. Ein Zuschauer soll damals von dem Schweineabfall gegessen haben und daraufhin sehr krank geworden sein.

Das ist vielleicht noch die harmloseste der Legenden, die sich um Mayhem ranken. Der Volksbühne wurde Material darüber zugespielt, dass sie einen Haufen verurteilter Mörder, Kannibalen und Rassisten auftreten lassen werde, so Herrndorf. Und dann ist auch noch ein altes Foto von Mayhem-Schlagzeuger Jan Axel Blomberg alias Hellhammer aufgetaucht, auf dem er mit Hakenkreuzbinde zu sehen ist.

Auch von Mayhems Interimsänger Maniac existiert ein berüchtigtes Foto, das ihn - allerdings als Mitglied seiner neuen Band Shining - mit von Schweineblut übergossenem nacktem Oberkörper und einem in die Stirn geritzten Hakenkreuz zeigt.

Was für Gesellen also hat sich die Volksbühne da ins Haus geholt? Nun ja, immerhin die am schlechtesten beleumundete Band des schlecht beleumundeten Musikgenres überhaupt. Mayhem gelten als Erfinder des modernen Black Metal, der Ende der 80er auftauchte und heute als wichtiger Kulturexport Norwegens angesehen wird. Mord und Rechtsradikalismus spielen im Zusammenhang mit Mayhem durchaus große Rollen, nicht allen Bandmitgliedern ist in diesem Zusammenhang ein direkter Vorwurf zu machen.

Mayhem standen Anfang der 90er im Mittelpunkt blutiger Ereignisse, die Nachrichten gingen um die Welt. Zuerst brachte sich der Sänger der Band mit dem verheißungsvollen Namen Dead um, dann tötete Varg Vikernes, Teilzeitmitglied Mayhems, das sich auch mit dem klangvollen Namen Count Grishnackh anreden ließ, seinen ehemaligen Freund, den Mayhem-Gitarristen Euronymous. Varg Vikernes wurde für den Mord verurteilt, Mitte letzten Jahres kam er wieder frei. Er gilt als Stichwortgeber und Säulenheiliger der rechtsradikalen Ausrichtung, die den Black Metal bis heute spaltet wie kein anderes Genre.

Sein Projekt Burzum wurde stilprägend für den sogenannten NSBM, den nationalsozialistischen Black Metal, in dem menschenverachtende Ideologien bewusst vertreten werden und Hass auf alles und jeden nicht nur spielerisch und in bewusster Übertreibung durchexerziert wird wie sonst so gern im Black Metal.

Mayhem kommen also wirklich nicht aus der allerbesten Kinderstube und haben aufmerksamkeitsökonomisch von all dem Wahnsinn um sich herum bestens profitiert. Doch auch wenn man die Filmdokumentation "Pure Fucking Mayhem" sieht, kontrastieren die Bilder von damals ziemlich mit denen von heute. Gestandene Familienväter berichten da reflektiert und teils distanzierend über die Ereignisse von damals. Vielleicht würde es Mayhem auch längst gar nicht mehr geben, wäre das, was sie damals entscheidend mit ausgelöst haben, nicht so ungemein wirkmächtig geworden. Da gibt es etwa eine norwegische Hipsterjeansmarke mit dem Namen "Anti Sweden", die auf 666 Stück limitierte Kollektionen ihrer natürlich schwarzen Beinkleider herstellt. Beworben wird die Jeans mit astreinen Black-Metal-Spots, und im Logo der Marke findet sich eine einzelne SS-Rune, die bestimmt nicht auf eine bestimmte Gesinnung, sondern auf einen guten Marketingchef schließen lässt.

Das Spiel mit Nazisymbolen - man kann es verabscheuungswürdig finden, zur Black-Metal-Ästhetik gehört es einfach wie die Hörner zum Teufel. Die Geschichten aus den Anfangszeiten Mayhems sollen jetzt sogar unter dem Titel "Lords of Chaos" verfilmt werden. Für die Rolle des Neonazis Vark Vikernes war bis vor Kurzem noch der Twilight-Star Jackson Rathbone im Gespräch. Mit dem Auftritt von Mayhem an diesem Sonntag wird das alles nichts zu tun haben. Ältere Herren werden gepflegten Ultraböse-Metal zum Besten geben, und das Publikum wird auf bequemen Theatersesseln Platz nehmen. Damit auch wirklich gar nichts passiert, werden bestimmt auch die Wildschweinköpfe noch genießbar sein.

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