Offener Brief des Dissidenten Liao Yiwu

"Einsame Seelen, wilde Geister"

Er war zum Kölner Literaturfest geladen und durfte nicht aus China ausreisen. Jetzt wendet sich der Schriftsteller Liao Yiwu mit einem berührenden Brief an seine deutschen Leserinnen und Leser.

Trost am Rand des Grabes: Liao Yiwu. Bild: privat

Ich muss leider sagen, dass sich all meine Bemühungen erschöpft haben. Es bleibt mir versagt, nach Deutschland zu kommen und auch, die vom Kölner Literaturfestival arrangierte Lesung zu halten. Auch ich bin erschöpft, körperlich und geistig, will mich aber dennoch bei allen bedanken. Insbesondere habe ich allen den "Xiao Song" geschickt, den ich geschrieben und aufgeführt habe. Ihr habt ihn schon gehört, richtig?

Es ist keine chinesische Bambusflöte, es ist ein chinesisches Dongxiao; eine Bambusflöte wird horizontal gespielt, eine Xiao vertikal. Ihr Korpus hat die zwei- oder dreifache Länge der Knochenflöte der amerikanischen Ureinwohner; sie wurde im Altertum gebraucht, um einsame Seelen und wilde Geister anzulocken.

Im Gefängnis habe ich gelernt, die Xiao zu spielen. Mein Lehrmeister war ein 84 Jahre alter Mönch. Er war schon seit vielen Jahren im Gefängnis, als ich erstmals inhaftiert wurde. Dieser Mönch war allem Weltlichen entrückt und hatte das uralte Verbrechen begangen, einer "konterrevolutionären reaktionären Sekte" anzugehören - "reaktionäre Sekten" sind geheime Organisationen, die in den entlegenen Bergregionen Chinas existieren. Ihr Ursprung kann mehrere Jahrhunderte bis in die Qing-Dynastie zurückverfolgt werden, wo es ihr Bestreben war, jeder Fremdherrschaft zu widerstehen. Weil ihn die Dorfbewohner unterstützt hatten, wurde dieser alte Mönch zum Oberhaupt der Sekte. Dennoch war sein einziger Besitz eine buddhistische Gebetskette, ein hölzerner Fisch - und eine Dongxiao. Er besaß nicht einmal Waffen, mit denen er hätte rebellieren können.

Liao Yiwu, 50, ist Schriftsteller, Poet und Musiker. Bekannt wurde er durch sein Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten". Wegen eines Gedichts - bzw. der "Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda mit ausländischer Hilfe" - wurde er 1990 zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt. Im August 2007 unterzeichnete er mit 36 weiteren Intellektuellen einen offenen Brief an die chinesische Regierung und die Olympia-Organisatoren von Peking 2008. Im gleichen Jahr wurde er vom chinesischen P.E.N.-Zentrum mit dem "Freedom to Write Award" ausgezeichnet. Wie zur Frankfurter Buchmesse 2009 verwehrten ihm die chinesischen Behörden nun auch die Ausreise zur lit.COLOGNE.

Es war im Winter 1992. Die Berge jenseits der hohen Mauern und elektrischen Zäune waren mit Schnee bedeckt. Ein paar der anderen Häftlinge und ich, wir standen mit gekreuzten Armen, den Kopf im Nacken, und starrten ausdruckslos himmelwärts. Plötzlich mischte sich in das Geräusch der treibenden Böen aus Schnee ein Winseln. Ich glaubte mir das einzubilden und reinigte energisch meine Ohren, aber dieses weinende Geräusch wurde überraschenderweise zunehmend klarer. Diese Form von Trostlosigkeit, die wie aus sehr alten Zeiten herüberzufließen schien, ließ mich allmählich erstarren.

Ich bemerkte es kaum, aber Tränen gefroren auf meinem Gesicht.

Ein Gefangener neben mir erklärte, dies sei der Klang der Dingxiao und dass der alte Mönch sie spiele.

Er spielte sie seit über zehn Jahren, ohne dass jemand die Bedeutung seines Liedes gekannt hätte. Zunächst fühlst du nur eine rätselhafte Traurigkeit, dann nur noch Betäubung. Spiel weiter, spiel weiter - denn wer wäre, im Grunde genommen, nicht traurig im Gefängnis? Ich war tief bewegt und suchte nach Wegen, wie ich dem alten Mönch nahe kommen könnte. Als wir uns das erste Mal trafen, lehnte er am Fuß einer Wand. Der Wind knatterte, und da waren verstreute Sonnenstrahlen auf der Mauerkrone. Er war wie eine Schildkröte mit eingezogenem Kopf, und seine von Krampfadern übersäten Hände hielten eine ebenfalls geäderte Bambusflöte. Er spielte sie leise, immer wieder und wieder dieselbe Melodie. Ich stand vor ihm, aber seine Augen waren geschlossen. Er war völlig vertieft in seinen eigenen Klang, vielleicht auch in seine Erinnerungen. Ich weiß nicht, wie viel Zeit verstrich, bevor er seinen Kopf hob und meinem Blick begegnete. Uns verblüfft in die Augen schauend, erstarrten wir.

"Willst du lernen?", fragte er mich.

Ich nickte.

Dann sagte er, ich müsse eine Xiao finden, um sie zu spielen.

Ich nickte erneut.

Und so wurde ich sein letzter Schüler.

Wo ist der alte Mönch jetzt? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Nach mehr als einem Jahr, als ich meine Strafe abgesessen hatte und mich anschickte, das Gefängnis zu verlassen, saß er noch immer drinnen. An diesem Abend war ich besonders in Sorge um ihn, konnte ihn aber nirgendwo finden; ich konnte nur meine Xiao spielen, den Klang fließen lassen und ihm so mitteilen, dass sein Schüler gehen würde.

Er aber blieb still. In meinem Herzen glaubte ich, dass er mich doch hören musste und aus Starrsinn still blieb.

Ich spielte verschiedene Lieder. Endlich, über Mauern und Mauern, drang der Klang einer antwortenden Xiao, die ein Lied namens "Dakai Men" spielte, "Die Große Offene Tür", eine Melodie, von der es heißt, sie wäre über 200 Jahre alt. Ich verstand das Adieu des alten Mönches sofort. Die abgeschlossene Tür hatte sich bereits geöffnet, geh einfach, schau nicht zurück, geh weiter, geh, bis du das Innen vergessen hast.

"Meister!", rief ich aus. Wenn er noch leben würde, wäre er jetzt über 100 Jahre alt.

Wie viele andere Weise wie meinen Meister gibt es heute unter den Chinesen? Ich weiß es nicht. Wie viele unschuldige politische Gefangene sind noch immer inhaftiert? Auch das weiß ich nicht. Vor dem Massaker vom 4. Juni 1989, wie viele alte Blutflecken sind da weggewischt worden? Ich weiß es noch immer nicht. Aber Autoren wie ich, aus dem Bodensatz der Gesellschaft, müssen weiter schreiben, protokollieren und unsere Geschichten erzählen, und sei's auch nur zum Schrecken der kommunistischen Partei. Ich habe die Verantwortung, meinen lieben Lesern in Deutschland, die ich nie getroffen habe, begreiflich zu machen, dass das Leben des chinesischen Geistes nicht länger das der totalitären Regierung ist.

Des Weiteren möchte ich meiner Mitschreiberin in Deutschland, Liao Tiangi, damit betrauen, mein Stück "Chuigushou jian hao-sang zhe Li Changgeng" zu lesen. Der Held dieser Geschichte spielt die Suona, ein chinesisches Instrument aus Kupfer. Die Tonlage ist hoch, intensiv und scharf wie ein Messer. Sie unterscheidet sich vernehmlich von der Dongxiao, die mich mein Meister lehrte, aber der Geist der beiden Instrumente ist derselbe.

Diese beiden Instrumente, ergänzt um das Wehklagen der Trauernden, werden zusammen zum Gedenken an die Toten und zum Trost der Lebenden gespielt.

In diesem China, das weder den Toten noch den Lebenden ein freies Land ist, ist die Aufmerksamkeit meiner Leser für diese Geschichte auch mir ein Trost am Rand meines Grabes.

Ich danke euch allen.

Liao Yiwu

Aus meinem Heim am Stadtrand von Chengdu, Provinz Sichuan, März 2010

Übersetzt von Arno Frank

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