Kolumne Laufen: Frauen, bewegt euch!

Medienmänner zeigen Männersport, damit Wirtschaftsmänner Männerprodukte verkaufen. Es reicht!

Frauen:Bewegung!" - unter diesem Motto fand in Tübingen der diesjährige Frauentag statt. Durch die Emmafraktionen der Stadt ging vor dem Frauentag ein leises Raunen, danach dann aber begann ein lautes Geschrei. Sport und Internationaler Frauentag? Das passt doch überhaupt nicht. Sport kann frau die restlichen 364 Tage machen, so die noch sachlichste Kritik. Beim Frauentag sollte frau die wichtigen Probleme debattieren: Gleichstellung im Beruf, beim Lohn, bei den Aufstiegschancen usw. usf.

Warum die Aufregung? Ich finde die Idee gut. Die Sportwelt wird doch ständig und dazu noch fälschlicherweise für Fairplay und selbstlosen Sportsgeist von den Politikern in den Himmel gelobt, da sollten wir dankbar sein, endlich ein Thema gefunden zu haben, das zum Sport passt: die Diskriminierung der Frau. Heimliche Fouls, Tätlichkeiten, abgesprochene Spielausgänge, Wettskandale, Doping, Korruption. Sport ist nichts anderes als das Spiegelbild unseres gesellschaftlichen Lebens: Mobbing, Gewalt in der Schule, die falsche Fahrtkostenabrechnung, Steuerhinterziehung, Schmiergelder. Deshalb passt das Thema "Frauen:Bewegung!" in die männerdominierte Sportwelt geradezu ideal. Zumindest beispielhaft für das große Ganze.

Dabei war das Marathonlaufen lange eine Männersache. Kathrine Schwitzer hat Sportgeschichte geschrieben, als sie als Mann verkleidet, mit offizieller Startnummer und registriert unter K. V. Schwitzer, verbotenerweise als Frau 1967 beim Boston Marathon teilnahm. Ihr mitlaufender Freund musste sie vor Angriffen von Streckenposten schützen.

Und bei den Olympischen Spielen durften die Damen erst 1984 in Los Angeles einen Marathon laufen. Warum sollte beispielsweise Skispringen für Frauen gefährlicher sein, als mit dem Bob die Höllenbahn von Vancouver hinunterzurasen? Logische Argumente gibt es meist nicht. Trotzdem bleibt es auch bei den nächsten Olympischen Spielen dabei: Skispringen nur für Männer.

Auf die Frage, warum es bei Frauenwettbewerben meist sehr viel weniger Geld zu verdienen gibt, wird oft auf die zu geringe Konkurrenzdichte verwiesen. Weniger Top-Frauen, also weniger Geld. Wohlgemerkt, das sagen die Herren Funktionäre. Funktionärsfrauen gibt es so gut wie nicht, zumindest in keiner herausragenden Position. Auch so eine Parallele zum richtigen Leben. Aufstiegschancen für Frauen? Im Sport? Nahezu ausgeschlossen. Bei Vermarktungsfragen werden die TV-Quoten ins Spiel gebracht. Eine männerdominierte Sportmedienwelt zeigt, was Männer interessiert, und eine männerdominierte Wirtschaft unterstützt das, was Männer schauen, um dort die Produkte zu zeigen, die Männer kaufen sollen. So ungefähr funktioniert der Sport. Wie sich die Welten doch gleichen, das richtige Leben und der Sport.

Doch weil Sport funktioniert, wie er funktioniert, sollten sich die Frauen diesen Mechanismus zunutze machen. In den vergangenen Jahren haben sich reine Frauenläufe unglaublich entwickelt. Die Anmeldezahlen bei normalen Straßenrennen stagnieren, bei den Frauenläufen sind die Zuwachsraten enorm. Frauenmagazine berichten darüber, Firmen mit frauenbezogenen Produkte entdecken neue Werbemöglichkeiten.

Ich persönlich finde das natürlich schade, denn ich laufe gern mit Frauen, und wenn die Entwicklung so weitergeht, dann werde ich als Frau verkleidet an einem solchen Rennen teilnehmen. Meine Frau wird mich begleiten und vor angreifenden Streckenposten beschützen. Schließlich gilt es, Sportgeschichte zu schreiben.

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