Luis Román Ibarra, St.Pauli-Fan: "Unser Tribut an den Club"

Die mexikanische Band Panteón Rococó ist ein eingeschworener Fanclub des FC St. Pauli. Ein Gespräch mit dem Sänger Dr. Shenka über St.Pauli-Trikots in Mexiko, Solidarität als Prinzip und die Sympathie für Piratenflaggen

Alle Fans des FC St.Pauli: die mexikanische Band Panteón Rococó mit Frontmann Ibarra Bild: PROMO

Der FC St. Pauli steigt in die Bundesliga auf und Du und die anderen Bandmitglieder von Panteón Rococó habt im fernen Mexiko mitgefiebert - warum?

Sankt Pauli ist nicht gerade der populärste Fußballclub in Mexiko Stadt. Doch als wir zum ersten Mal nach Deutschland kamen, um dort zu spielen, haben wir uns sehr über die Philosophie hinter diesem Club gefreut. Solidarität und Widerstand und die Suche nach Alternativen sind Teil unserer Identität als Band - das bei einem Fußballclub zu finden ist nicht gerade typisch. Uns hat das sehr gefallen, auch wenn der Fußball, den Sankt Pauli damals spielte, alles andere als berauschend war. Wir standen im Stadion und dachten: Na ja. Aber dieses Publikum und die Gegengerade mit dem Fahnenmeer, das hat uns damals gepackt und nicht wieder losgelassen.

Erstaunlich für eine Band vom anderen Ende der Welt, die gerade mal ein paar Brocken Deutsch versteht.

alias "Dr. Shenka", ist der Sänger der mexikanischen Ska-Punk Band Panteón Rococó. Ibarra ist in einem Arbeiterviertel, der Colonia Guerrero, in Mexiko Stadt aufgewachsen.

Seine Eltern stammen aus der Mittelschicht - der Vater ist Buchhalter, die Mutter Telefontechnikerin - doch sozialisiert wurde er als Arbeiterkind und dem Stadtviertel hat er die Treue gehalten.

Neben der Arbeit für Panteón Rococó steht Dr. Shenka als DJ an den Reglern und seit einigen Monaten sitzt er auch am Mischpult im eigenen Studio - dem "Cocodrilo Solitario". Das im Herzen von Mexiko Stadt liegende Studio haben die neun Bandmitglieder von Panteón Rococó gemeinsam aufgebaut, um endlich unabhängig zu sein. Ihrem Plattenlabel gaben sie 2009 den Laufpass.

Kann schon sein, aber wir sind nicht die einzigen, die dem Club auf den Leim gegangen sind. Unsere Kollegen von Molotov sind auch schon mal mit Sankt Paulis Trikots auf der Bühne zu sehen und T-Shirts mit dem Totenkopf bekommt man in Mexiko Stadt inzwischen ohne Probleme. Man muss nur wissen, in welchen Parks sich die Punks treffen. Die haben etwas übrig für Solidarität und Widerstand und dort finden sich dann auch die fliegenden Händler mit den T-Shirts.

Warum haltet Ihr dem FC St. Pauli die Treue und nicht einem anderen Club aus Mexiko? Da wird es doch auch etwas mit Anspruch geben, oder?

Es gibt zwei Clubs, die mehr oder minder attraktiv sind. Zum einen Cruz Azul, der etwas Besonderes war, weil er ein klassischer Arbeiterclub war, wo Genossen spielten. Das Zementunternehmen ist nämlich in der Hand der Arbeiter, die sich genossenschaftlich organisiert haben. Das gilt jedoch nicht mehr für den Club, der heute genauso organisiert ist wie alle anderen auch, so dass er für uns von der Philosophie her nicht mehr sonderlich attraktiv ist. Ganz anders sieht es bei den Pumas aus, dem Club der autonomen Universität von Mexiko Stadt, der UNAM. Ich drücke ihnen als ehemaliger Student die Daumen, denn die Uni und der Club stehen für ein anderes Mexiko. Letztlich kann man die Pumas am ehesten mit dem FC St. Pauli vergleichen, denn die Fans sind in erster Linie Studenten und Leute aus dem alternativen Spektrum von Mexiko Stadt.

Und was ist so attraktiv an einem Club aus Deutschland?

Nichts anderes als das, was ich in Mexiko an einem Club gut und spannend finde. Eine Mannschaft, die etwas Alternatives repräsentiert, im Stadtteil verwurzelt ist und der die Leute im Stadtteil nicht egal sind. Eine Mannschaft, die nicht in erster Linie wie ein Unternehmen funktioniert wie Bayern München oder Werder Bremen. Genau deshalb ist St. Pauli für uns attraktiv.

Wie haltet Ihr Euch auf dem Laufenden über den Club?

Die Ergebnisse und manchmal auch Teile der Partien sehen wir im Internet. Manchmal kriegen wir frische Informationen auch von Leuten, die in Hamburg leben und ab und zu nach Mexiko kommen. Was mir besonders gefällt, ist, dass man bei den großen Festivals in Mexiko immer öfter Fahnen, T-Shirts und andere Devotionalien mit dem Logo des Clubs sieht. Nicht immer kennen die Leute den Club und wenn wir dann erklären, dass der FC St.Pauli antifaschistisch ist und sich für Projekte wie "Viva con Agua de St.Pauli" engagiert, dann finden die Leute es phantastisch, dass ein Fußballclub sich so verhält.

Welchen Stellenwert hat der Totenkopf des FC St. Pauli in Mexiko?

Für uns Mexikaner ist es außergewöhnlich, dass ein Fußballclub den Totenkopf zum Logo gemacht hat. Mexiko ist das Land des Totenkults, am Tag der Toten ist das ganze Land von Skeletten und Totenschädeln dominiert und dann kommt ein deutscher Fußballclub und macht den Totenkopf im Fußball salonfähig. Das ist schon ungewöhnlich, das bringt einen Mexikaner zum Schmunzeln und macht Eindruck. Zudem genießt die Piratenflagge ohnehin eine gewisse Sympathie. In Mexiko weiß mittlerweile die ganze alternative Jugend des Landes, dass St. Pauli unter dem Logo des Totenkopfs auf Punktejagd geht.

Spielst Du selbst Fußball?

Nur äußerst selten, aber mir gefällt es sehr, ins Stadion zu gehen und zu sehen, wie mein Team gegen einen Rivalen spielt. Ich bin ein typischer Fan und auf den Tourneen in Deutschland schauen wir, dass wir auch ins Stadion kommen.

Wie kam es zu Eurem ersten Besuch am Millerntor?

Wir haben damals vor einem Gefängnis gespielt und da hat uns ein Mann, der eine Band für ein Festival in Europa suchte, gefragt. Ich habe mir erst einen Tag vor dem Abflug einen Pass besorgt, denn so recht glauben konnte ich die ganze Geschichte lange nicht. In Deutschland angekommen, landeten wir schließlich in St. Pauli, denn die Leute, die uns für das Festival gebucht hatten, kamen eben aus diesem Stadtteil. Wir hatten damals nicht allzu viele Auftritte und sind von Hamburg aus auf die Reise zu den Konzerten gegangen. Als uns jemand erzählte, dass der lokale Fußballclub eine lange Geschichte und eine antifaschistische Tradition hat, wurden wir neugierig. In Mexiko gibt es so etwas nicht, keine Mannschaften, die gemeinsam mit ihren Fans gesellschaftliche Alternativen verfolgen. Der tiefere Grund, weshalb wir uns mit St. Pauli identifizieren, ist der politsch-alternative Background.

Der für die Bandphilosophie und für Dr. Shenka ebenfalls entscheidend ist.

Wir sind eine Band, die von unten kommt und die sich zu ihren Wurzeln bekennt. Ich komme aus einem einfachen Arbeiterviertel aus Mexiko Stadt, Schulfreunde von mir sitzen im Gefängnis, andere sind längst tot, weil sie sich mit den falschen Leuten angelegt haben, wieder andere sind gewöhnliche Diebe und ich lebe nach wie vor in diesem Stadtviertel.

Aus Prinzip?

Für mich ist das eine Notwendigkeit, ein Bedürfnis, denn ich muss doch wissen was in meinem Viertel und mit meinen Leuten passiert. Die Verhältnisse sind schwieriger geworden: Es werden harte Drogen konsumiert, bei Konflikten wird schneller zu Waffe gegriffen und Kids von fünfzehn, sechzehn Jahren denken, dass es am einfachsten ist, zu stehlen. In diesem Kontext kann die Musik eine wichtige Rolle spielen, Alternativen aufzeigen, Projekte anschieben, die Leute sensibilisieren. Das ist Teil unserer Philosophie als Panteón Rococó.

Schaut oder hört Ihr Partien von St. Pauli gemeinsam im Studio oder zu Hause?

Klar, manchmal wenn wir Zeit haben und nicht gerade wieder auf Tournee sind, schauen wir übers Internet einzelne Partien oder Zusammenfassungen über die Liga. Aber nun wird es noch einfacher St. Pauli zu folgen - als Erstligist ...

...dessen Logo sich auch auf Eurer Homepage findet.

Ja, wir schätzen das soziale Engagement und haben deshalb auf unserer Internetseite einen Link zum Club und zum Wasserprojekt "Viva con Agua de Sankt Pauli". Wir freuen uns mächtig, dass wir beim Festival Ende des Monats am Millerntor mit von der Partie sind.

Wird es von Euch eine Hymne zur Party geben?

Ja, das ist eine große Ehre für uns und wir werden natürlich etwas Besonderes beisteuern - unseren Tribut an einen ungewöhnlichen Club. Uns gefällt es, dass Sankt Pauli sämtliche Einnahmen an soziale Initiativen aus der Stadt spendet, das ist doch keine Selbstverständlichkeit.

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