Tanz den Kirchentag: Aerobic-Kurs für Psalmenleser

Kirche mal anders. Doch als der 121. Psalm getanzt werden soll, bricht das religiöse Dogma freiwillig durch, die Gesten werden demütig. Aber aus den Augen der Tänzer strahlt Seeligkeit.

So könnte es auch gehen: Die katholische Kirche muss aus ihrer fundamentalen Krise der verklemmten Körperlichkeit herausfinden. Bild: Pink Sherbet Photography / Lizenz: BY

MÜNCHEN taz | Getanzte Worte sind nun wirklich nichts Neues. Sei es die Eurythmie der Anthroposophen oder modernes Tanztheater: Das Geschriebene nicht zu sprechen, sondern mit dem eigenen Körper in der Bewegung auszudrücken, wird von vielen Menschen in Kunst und Therapie praktiziert. Deshalb scheint auch die Idee auf dem Ökumenischen Kirchentag nicht absonderlich, sich einem biblischen Psalm einmal nicht geistlich oder intellektuell, sondern rein fleischlich und sinnlich zu nähern. Wenn es denn so wäre.

Beim Tanzworkshop „Getanztes Gebet“ auf dem Kirchentag müssen viele Interessierte vor der Sophienkirche bei den Messehallen draußen bleiben, so voll ist es. Die 50 Glücklichen, die rechtzeitig gekommen sind – bis auf vier Männer und zwei Kinder fast ausschließlich Frauen 50plus –, stehen gut verteilt im Raum. Jeder erhält der Tanzpädagogin Antje Alberts einen Textzettel. Alberts will heute den 121. Psalm choreographisch erarbeiten. Doch zunächst einmal sollen sich die steif-müden Körper aufwärmen: rechts, links, rechts, links – schön wippend im Wiegeschritt.

Die Sophienkirche ist dabei in ihrer frischen Architektur wie geschaffen für eine unvorbelastete Begegnung mit dem Wort Gottes. Hier gibt es keine heiligen, weihrauch-behangenen Hallen, sondern einen modernen, hellen Bau mit weißen Holzpaneel-Wänden.

Doch so gut die Theorie und die räumlichen Voraussetzungen auch sind: Der Psalm 121 an sich findet in den eineinhalb Stunden gerade einmal zehn Minuten Beachtung. Dann nämlich, wenn ihn die Teilnehmenden laut und durcheinander sprechen sollen, ebenso gefolgt von einem jeweiligen Lieblingssatz und Lieblingswort. Letzteres soll dann in einer Art beweglichen Skulptur mit dem eigenen Körper geformt werden. So weit, so gut. Doch das war es dann schon mit der intensiven Bibelarbeit, der Rest der Veranstaltung steuert unweigerlich in die Falle einer Pseudo-Körperlichkeit.

Eine Körperlichkeit, die deshalb keine ist, weil sie sich in ihren Bewegungen nicht frei machen kann von einem religiösen Dogma: Wie auf einen heimlichen Befehl nehmen die Teilnehmenden Positionen ein, die allesamt demütige Gesten vor Gott symbolisieren. Da beugt sich ein Oberkörper nach vorn, den Blick gen Boden. Arme werden hoffnungsvoll zum Himmel gestreckt. Hände falten sich zum Gebet. Und Augen werden geschlossen.

Tanz den Psalm. Bild: Smechowski

Der Bibel-Ausdrucks-Tanz ist an dieser Stelle zu Ende, denn was jetzt folgt, erinnert schlicht und ergreifend an Aerobic-Kurse für Anfänger, gepaart mit etwas geselliger Tanztee-Stimmung. Schlimmer macht es da nur noch die Musik: feinster Sacro-Pop erklingt zu schmusigem Gitarren-Riff. Da hilft es auch nicht, dass Antje Alberts aufmunternde Worte in die Runde ruft: „Der Herr sieht eure Schritte, er stellt eure Füße auf weiten Raum. Nehmt euch diesen Raum!“

Und dennoch: Die Tanzenden sehen beseelt und glücklich aus. Kann man sich als Außenstehender überhaupt das Recht herausnehmen, das Ganze als peinlich und esoterisch zu empfinden? Kann man. Denn es muss gerade in der heutigen Zeit, in der vor allem die katholische Kirche aus ihrer fundamentalen Krise der verklemmten Körperlichkeit herausfinden muss, erwartbar sein, dass ein getanzter Psalm mehr ist ein als Sich-Recken Richtung Himmel und Erde, verfeinert von ein paar Drehungen um die eigene Achse.

Wie bisher ist auf diesem Münchener Kirchentag festzuhalten: Für eine echte Auseinandersetzung mit welchem Gegenstand auch immer braucht es Ehrlichkeit, Authentizität und Mut. Der Tanzworkshop hat nur eins demonstriert: Die Kirche scheint als Raum und Institution noch nicht bereit für eine unbeschwerte Körperlichkeit.

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