Kommentar Integration in Deutschland

Es fehlt das Nachwuchskonzept

Migranten werden dank der Fußball-WM nicht mehr lediglich als Problem, sondern auch als Potenzial begriffen. Der Alltags ist noch lange nicht so rosig, zeigt der Integrationsbericht.

Plötzlich hat Multikulti wieder einen guten Ruf. Dank der Erfolge, die das deutsche Nationalteam mit einer Rekordzahl an Migrantenkindern in seinen Reihen bei der Fußball-WM in Südafrika feiern konnte, werden Zuwanderer hierzulande von Medien und Öffentlichkeit nicht mehr lediglich als Problem, sondern auch als Potenzial begriffen. Und die schwarz-rot-goldene Euphorie, die in vielen deutschen Einwandererbezirken vorherrscht, macht deutlich, wie viele sich diesem Land zugehörig fühlen.

Dass der Alltag in Sachen Einwanderung noch lange nicht so rosig ist, wie es ein paar tolle Fußballspiele suggerieren, zeigt der Integrationsbericht der Bundesregierung. Zwar ist Einwanderung heute schlicht bundesdeutsche Normalität, wenn in manchen Städten bis zu zwei Drittel aller Kinder im Kita-Alter einen Migrationshintergrund besitzen.

Auch haben sich die privaten Lebenswelten vieler Zuwanderer den Normen der Mehrheitsgesellschaft angenähert, was etwa Heiratsalter, Kinderzahl oder Scheidungsrate betrifft. Andererseits werden Migranten und ihre Kinder durch das deutsche Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt weiter benachteiligt. Nicht nur haben sie es schwerer, einen Ausbildungsplatz zu finden, sie sind auch fast doppelt so oft arbeitslos wie andere Deutsche.

"Dramatisch" nennt die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer diese Situation. Auf einen vergleichbar niederschmetternden Befund reagierte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) vor zehn Jahren, indem er ein neues Nachwuchskonzept initiierte. Etwas Ähnliches sollte man jetzt von der Bundesregierung erwarten. Sonst bleibt es dabei, dass sich für Migranten hierzulande im Sport und bei "Deutschland sucht den Superstar" die größten Aufstiegschancen bieten.

.

Jahrgang 1970, ist seit 1998 bei der taz. Er schreibt über Migration und Minderheiten, über Politik und Popkultur. Sein Buch "Angst ums Abendland. Warum wir uns nicht vor Muslimen, sondern vor den Islamfeinden fürchten sollten" ist gerade im Westend Verlag erschienen.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben