Protest: Die Drei-Euro-Jobber

Wer Psychotherapeut werden will, hat einen teuren und harten Weg vor sich. In Hamburg wollen Hochschul-Abgänger nicht länger für wenig Gehalt Therapeuten ersetzen.

Wird definitiv besser bezahlt: Psychotherapeut Paul Weston (Gabriel Byrne, l.) in der Fernsehserie "In Treatment". Bild: Paul Schiraldi/ZDF

Thomas Schön hört zu. Tag für Tag. Der 35-Jährige will Psychotherapeut werden. Manchmal aber - wenn die Tür nach einem Tag in der Klinik zugeht - glaubt er, selbst ein Fall für den Therapeuten zu sein.

Schön hat sein Psychologiestudium vor einem Jahr abgeschlossen, trotzdem bekommt er für seine Arbeit im Krankenhaus so gut wie kein Geld. Deswegen arbeitet er nebenher: Er ist Praktikant, Hausmeister und sozialpädagogischer Familienhelfer. Von seiner 50-Stunden-Woche hat er am Ende des Monats gerade so viel Geld über, dass er keine Schulden machen muss.

Der Weg zum Psychotherapeuten ist steinig - besonders für den, der selbst einer werden will. Drei bis fünf Jahre dauert die Ausbildung nach dem Studium und kostet zwischen 20.000 und 60.000 Euro; ein einjähriges Psychiatrie-Praktikum gehört dazu. Das macht Schön im Uniklinikum Hamburg. Vier Patienten pro Woche betreut er. Gruppen leitet er gemeinsam mit einer ausgebildeten Therapeutin. Wenn sie im Urlaub oder krank ist, übernimmt er den Part - für drei Euro die Stunde.

Damit ist er nicht allein. Mehr als jeder dritte Psychotherapeut in Ausbildung (PIA) arbeite gratis, stellte eine Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministerium 2009 fest. Nur jeder fünfte verdient mehr als 900 Euro. Faktisch lebt die Mehrheit an der Grenze zum Existenzminimum. Ohne Kredite oder Unterstützung der Eltern schaffen nur wenige die Approbation.

Warum gehen Kliniken so mit ausgebildeten Diplom-Psychologen und -Sozialpädagogen um? Schuld ist eine Gesetzeslücke, die den PIA-Status nicht regelt. Als vor elf Jahren das jahrzehntelang diskutierte Psychotherapeutengesetz in Kraft trat, war das eine Errungenschaft für Psychologen, Pädagogen und Sozialpädagogen. Erstmals erhielten sie die Befugnis zur Heilkunde, konnten Therapien über die Krankenkasse abrechnen. Bis dato war das Medizinern vorbehalten. Wie die Psychotherapeuten ausgebildet werden sollten, legte der Gesetzgeber fest. Die Ausbildung gab er in private Hand. Zur Vergütung der Praktika schweigt er sich aus. Es bleibt den Kliniken überlassen, ob sie zahlen oder nicht.

"Das ist eine Frage von Angebot und Nachfrage", sagt Michael Stock von der Gewerkschaft Ver.di in Hamburg. Seit drei Jahren unterstützt er die PIA im Kampf um angemessene Entlohnung - bisher erfolglos. Es lohnt sich aber zu kämpfen, weiß Stock. In Damp an der Ostsee haben sich die PIA einen Haustarif erstritten. Mit 1.400 Euro sind sie Sozialpädagogen im Anerkennungsjahr gleichgestellt. Auch im Kieler Uniklinikum werden die PIA mit 1.200 Euro vergütet.

In Hamburg aber müssen die angehenden Psychotherapeuten ihre Bezahlung erstreiken. Die versprochenen 300 Euro monatlich hat Lena Wede erst gesehen, als sie dafür demonstrierte. "Stopp. Ausbeutung im UKE. Im Zentrum für Psychosoziale Medizin arbeiten ca. 30 Diplom-PsychologInnen ohne jegliche Bezahlung", stand auf den Flugblättern, die die PIA im Januar vor dem Uniklinikum verteilten. Das Ergebnis: Psychiatriechef Dieter Naber zitierte zwei Demonstranten zu sich. Ihren richtigen Namen wollen die beiden deshalb nicht in der Zeitung lesen. Eine "ziemlich idiotische Aktion von Ver.di" nennt Naber die Flugblätter auf Nachfrage und rechtfertigt sich: "Das ist eine Ausbildung, wir sind nicht verpflichtet zu zahlen." Zudem ist er überzeugt: "Wir haben sicher genug Bewerber, die auch ohne Geld bei uns arbeiten wollen."

Schön und Wede gehören nicht dazu. Die 27-Jährige wohnt in einer WG, ein Ticket für den Nahverkehr hat sie nicht. In die Klinik bringt sie sich Brote mit. Ihre Eltern greifen ihr finanziell unter die Arme. "Manchmal, wenn ich sehr frustriert bin, weine ich mich bei den Putzfrauen aus. Die bekommen acht Euro die Stunde. Die haben immer Mitleid mit mir", sagt Wede. Eine Patientin ist so alt wie sie. Dass die mit Krankengeld mehr Geld als ihre Therapeutin hat, weiß sie nicht. "Das macht man nicht", sagt Wede. "Es sagt niemand: Guten Tag, ich bin Ihr Therapeut. Übrigens, ich bekomm drei Euro dafür, dass ich Ihnen zuhöre."

Wer Psychologie studiere, belege sowieso Selbstausbeutung, sagt eine von Wedes DozentInnen. Vielleicht spielen die PIA deshalb mit. Vielleicht ist es der Tunnelblick. Wer zwischen mehreren Jobs, Seminaren und einem Rest Privatleben jongliert, wehrt sich nicht. Schuld sind auch fehlende Alternativen. Wer klinisch arbeiten will, braucht eine Therapieausbildung.

Dass die einer Reform bedarf, haben auch Ausbilder erkannt. "Tragende Säulen im Klinikalltag" nennt Gerhard Zarbock die PIA. Manche würden ganze Stationen mitleiten, sagt der Leiter des Hamburger Instituts für Verhaltenstherapieausbildung und fordert angemessene Vergütung. Als Richtlinie nennt er das frühere "Arzt im Praktikum-Gehalt", etwa 1.100 Euro brutto. Geregelte Arbeitsverträge, definierte Tätigkeiten, die Ausbildungskosten - es gäbe viel zu reformieren.

Vielleicht profitiert Schön davon noch. Er braucht noch einige Jahre, bis er den Selbstversuch in Frustrationstoleranz bestanden hat. An die Zukunft, an eine Familie denkt er nicht. Vor kurzem ist er Onkel geworden. Gerne würde er seinen Neffen in Berlin besuchen. Am Wochenende aber wird er auf 400-Euro-Basis Rasenmähen, damit er es sich leisten kann, anderen für drei Euro zuzuhören.

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