Kurzgeschichten über Techno-Szene: Notgeil auf der Loveparade

Anton Waldts Kolumnen über den Raver Tom sind die genauesten Szenebetrachtungen, die bisher aufgeschrieben wurden. Ideale Klolektüre für diejenigen, die es ertragen.

Yippie yippie yeah! Bild: ap

Tom ist gestört. Tom ist Abschaum. Tom ist polytoxisch unterwegs. Tom ist der Sozio-Punchingball der Möchtegern-Rave-Intelligenzia, die den Großraum-Raver ja gerne dazu nutzt, sich auf seinen Schultern größer zu machen. Tom wichst. Immer. Überall. Und Tom schliddert durch den Rausch - was man halt so macht.

Tom, so heißt die Hauptfigur in den Kurzgeschichten vom jetzigen Chefredakteur der Zeitschrift de:Bug, Anton Waldt, die er zwischen den Jahren 1998 und 2006 erst für den Partysan Berlin und in den letzten beiden Jahren dann für den Flyer des Berghains unter dem Titel "Auf die Zwölf" schrieb und die jetzt als hübsch verkappt-schwuchtel-rosafarbenes Buch erschienen sind.

Schon nach wenigen Geschichten hat man einiges durch: notgeil auf der Loveparade, diverse Höhepunkte, Festnahme, Ohnmacht und Intensivstation. Tom wird erst gehasst und schnell bemitleidet, irgendwann fasziniert beobachtet. Und nach einer Zeit muss man das Buch auch weglegen, weil der imaginäre Spermageschmack im Mund, die ständige Hand am Geschlecht dann doch anfängt unangenehm zu werden.

Dieses Dauerfeuer an Geilheit wird irgendwie zur deprimierenden Kleinschwänzigkeit. Der Waldtsche Menschenhass allerdings macht diesen Pickel-Porno erträglicher. Dieses Buch taugt nicht so sehr als Roman, sondern zum Beispiel als Klolektüre für die Jungs-WG, der die Vice zwar etwas zu blöd ist, aber findet, dass da manchmal auch ganz gute Interviews drin stehen.

"Auf die Zwölf" ist ein Gesellschafts-Porno, eine ekel-erotische Abhandlung über den Zustand der Stadt in den Jahren um den Jahrtausendwechsel. Ein Porträt der Technoszene, wie es die Blogger der nuller Jahre gerne geschrieben hätten, die aber einfach nicht genau hingesehen haben, weil sie den Blick nicht von sich abwenden konnten (siehe Überschrift).

In Geschichten, die so lang sind, wie die natürliche Aufmerksamkeitsspanne dieser Tage eben misst, erzählt Waldt abgeklärt von den Unterschieden, von den versteckten Verzweiflungen und malt dabei die Raveschleife mit auf: Geschichten und Redewendungen, die sich mit den Jahren wiederholen wie Disco-Beats und somit auch exemplarisch stehen. "Ohne Drogen, aber mit Geld ist schlimmer, als ohne Geld, aber mit Drogen!"

Das sind so Rave-Weisheiten, die Anton Waldt cool formuliert hat, die auch ihren Weg auf die Clubtoiletten gefunden haben und auf die man sich beim Feiern gerne reduziert, damit man sich nicht mittags im Club eingestehen muss, dass man entweder sein Leben verraved oder gar keines hat.

"Kotzefresser-Lars will heute unbedingt noch eine Frau mit Knüppelhand ficken, weil sein Schwanz dann so geil groß aussieht, aber die Barschlampe auf Spermapatrouille hat anderes im Sinn." So klingen typische Sätze des Buches, zwischen sprachlicher Genialität und Unzurechnungsfähigkeit, die mal Lachen, mal Übelkeit hervorrufen. Hier darf der Leser noch prollig sein, seine verzweifelten Machtfantasien gegenüber weiblichen Körperöffnungen erträumen. Und der Autor scheint immer auch zwischen Ekel und Anerkennung zu pendeln. Deswegen ist dieses Buch dann auch uneingeschränkt empfehlenswert, für diejenigen, die es ertragen.

Anton Waldt: "Auf die Zwölf". Verbrecher Verlag, Berlin 2010, 128 Seiten, 13 Euro

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