Drogen-Gefechte in Rio de Janeiro

Polizei spricht von "Krieg"

Großeinsatz der Polizei in Rio de Janeiro: Mit Hubschraubern und Panzern versuchen die Staatskräfte, Stadtviertel von Drogenbanden zurückzuerobern. Kritiker halten den Einsatz für wirkungslos.

Mit schwerem Gerät im Einsatz: Polizeikräfte in Rio de Janeiro. Bild: reuters

RIO DE JANEIRO dapd/afp | Mit einer Großoffensive will die brasilianische Polizei die Kontrolle über die Elendsviertel von Rio de Janeiro zurückgewinnen. Mit gepanzerten Fahrzeugen der Marine und unter dem Schutz von Hubschraubern rücken die Sicherheitskräfte immer weiter in die von Drogenbanden seit Jahrzehnten beherrschten Stadtteile im Norden und Westen der Millionenmetropole vor und liefern sich blutige Feuergefechte mit Kriminellen. Es ist der erste Einsatz solcher Panzer im Kampf gegen die Drogenbanden.

Wie die Behörden mitteilten, wurden bei Straßenkämpfen am Donnerstag acht Menschen getötet, ein Polizist wurde verwundet. Damit ist die Zahl der Toten seit Beginn einer Welle von Razzien am Sonntag auf mindestens 23 gestiegen. Andere Quellen sprechen von bereits 30 Toten. Bei den meisten Opfern soll es sich um Bandenmitglieder handeln. In fast 30 Slums wurden mehr als 150 Verdächtige festgenommen.

Nach Angaben der Behörden sollen am Freitag Bundespolizisten in die Elendsviertel einrücken, um sie vor erneuten Angriffen der kriminellen Banden zu schützen. Mindestens 350 Beamte einer Eliteeinheit der Polizei von Rio de Janeiro seien in dem Slum Vila Cruzeiro stationiert worden.

Unbeteiligte unter den Opfern

Der Erfolg der Razzien blieb unklar. Fernsehbilder zeigten, wie zahlreiche bewaffnete Drogenkriminelle die Flucht ergriffen und sich in eine benachbarte Favela absetzten. Der regionale Abgeordnete Marcelo Freixo kritisierte das Vorgehen der Polizei als wirkungslos: "Die Polizei kann in Vila Cruzeiro einmarschieren und weitere hundert Menschen töten, das wird das Problem in Rio de Janeiro nicht lösen". Die Behörden gingen lediglich gegen die Kriminellen in den Straßen vor; gegen die Hintermänner etwa des Waffenhandels hingegen nicht.

Die Banden reagierten auf die Razzien mit Barrikaden auf größeren Straßen. An diesen Straßensperren wurden Autofahrer ausgeraubt. Mehr als 40 Autos und Busse seien angezündet worden, hieß es. Auch Polizeistationen sollen angegriffen worden sein. Viele Geschäfte blieben geschlossen und für rund 12.000 Schüler fiel der Unterricht aus. Zahlreiche Bewohner der umkämpften Viertel konnten nach der Arbeit nicht in ihre Häuser zurückkehren.

Bislang haben die Sicherheitskräfte die bei den Kämpfen Getöteten noch nicht identifiziert, doch Polizeisprecher Henrique de Lima Castro Saraiva räumte bereits ein, dass auch Unbeteiligte unter den Opfern sein könnten. Im Getulio Vargas Krankenhaus wurde nach Angaben der Gesundheitsbehörde ein 81-Jähriger mit einem Streifschuss und ein zehnjähriges Kind mit Schrapnell-Verletzungen eingeliefert.

Polizei: "Wir wurden provoziert"

"Wir haben diesem Krieg nicht angefangen", sagte Polizeisprecher Lima Castro. "Wir wurden provoziert. Aber wir werden siegreich sein." An den Razzien in den vergangenen Tagen seien 17.500 Polizisten beteiligt gewesen, sagte Lima Castro.

Jose Beltrame, der Direktor für öffentliche Sicherheit des Staates Rio de Janeiro, sagte: "Wir nehmen den Kriminellen, was ihnen vorher noch nie genommen worden ist - ihr Territorium, ihren sicheren Hafen.“ Es sei wichtig, sie zu verhaften, aber noch wichtiger sei es, ihr Territorium einzunehmen. „Gelingt uns das nicht, können wir keine Fortschritte erzielen", so Beltame.

Die Razzien sind Teil der Bemühungen der Regierung, die Gewalt in der Stadt in den Griff zu bekommen und Rio de Janeiro mit Blick auf die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 sicherer zu machen.

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