Bild-Kolumnist Wagner stellt Buch vor

Das Urviech

Franz Josef Wagner hat sein Buch über Deutschland vorgestellt. Und der erste Satz liest sich gleich mal wie ein CDU-Wahlplakat. Matussek darf trotzdem lobhudeln. Ein Ortstermin.

"Bild"-Kolumnist und Buchautor: Franz-Josef Wagner. Bild: dpa

BERLIN taz | Das Herrenklo ist nicht eben geräumig, aber hübsch sauber, auch wenn das Handwaschbecken gerade mal so groß ist, dass man maximal eine Hand einzeln waschen kann. Die Enge bedrückt, am Becken nebenan steht Matthias Matussek, in der Kabine raschelt Deutschlandradio-Gründungsintendant Ernst Elitz mit dem Papier, und es ist nicht mal ein Albtraum, aus dem man schweißgebadet aufwachen könnte, sondern Franz Josef Wagners Buchvorstellung in der Paris Bar. Kantstraße, ältestes Westberlin. Und alle, alle sind sie gekommen.

Sonst schreibt Wagner ja Briefe, (fast) jeden Tag einen, auf der zweiten Seite von Bild. "Brief an Deutschland" heißt jetzt auch das Buch, aber es ist natürlich kein Brief, eher ein biografischer Essay, tieftraurig zwischendurch und anrührend, und schon der Anfang ist großer Wagner: "Gegenüber gehen jetzt die Lichter aus. Es ist 0 Uhr 21. Niemand wird die Schlafenden wecken, keine Gestapo, keine Stasi. Ist das ein guter erster Satz? Deutsche schlafen sicher." Okay, man muss das mögen, es ist auch gar nicht wirklich der erste Satz im Buch, sondern erst der fünfte, aber heute Abend stehen alle gedrängt in der Paris Bar und loben und rauchen, was das Zeug hält.

Eigentlich will Matussek anfangen, dann darf aber erst mal der Verleger vom Buch ran (weil Springer ja so richtig keine Buchverlage mehr hat, erscheint es bei Bertelsmann) und sagt, "Brief an Deutschland" wär ein Buch "für alle und für keinen", was bitte als größtmögliches Kompliment zu verstehen sei, denn "ein echter Wagner kennt keine Zielgruppe".

Alfred Draxler darf dann für die Bild-Chefredaktion loben und witzelt, man habe "gehört, mit dem Abgabetermin gab es ein paar Probleme", weil der Franz Josef Wagner ja berüchtigt ist für seinen entspannten Umgang mit Redaktionsschlusszeiten und sie ihn bei Springer als B.Z.-Chefredakteur damals sogar gefeuert haben, weil er alles immer zu spät abgab.

Dann sagt die Kollegin neben mir, ich solle jetzt nicht alle "Ähs" notieren, weil anschließend der ehemalige Bild-Chef und Springer-Vorstand Claus Larass spricht, und dann spricht Larass und sagt als Erstes "Äh" und dann noch, dass von diesem Buch "eine eigenartige Kraft" ausgehe und er vom Franz Josef Wagner ohnehin immer ganz viel Energie mitnehme.

Der Wagner sieht auch tatsächlich ein bisschen schlaff und ausgelaugt aus, was aber nicht daran liegt, dass sich der Larass zu viel Energie abgesaugt hätte, sondern daran, dass er krank war und immer noch erkältet ist.

Larass hat sich warmgeredet und sprüht vor schiefen Bildern und Gedanken an die guten alten Zeiten und sagt, dass der Wagner in der Lage ist, mit seinen Texten "entweder die Laterne anzuzünden oder gleich einzuschmeißen", während heute Chefredakteure mit Nutella aufwachsen. Da guckt Mathias Döpfner dann doch ein bisschen verkniffen, obwohl der ja nur ganz kurz Chefredakteur war und längst oberster Springer-Chef ist, aber dass der "Herr Doktor Döpfner" da ist, freut den Franz Josef Wagner schon immens.

Nur dass er ihn durchweg "Herr Doktor Döpfner" nennt, ist komisch: So ein Verlagsurviech wie Wagner sollte doch über frömmelnde Förmlichkeiten erhaben sein, zumal der Doktor Döpfner auch ganz leger in Zivil und Fischgrätenmuster und mit seiner Frau gekommen ist und den Wagner wirklich mag.

Immer weiter geht die Würdigung eines journalistischen Lebens - "dass du betrunken warst, kann ich auch bezeugen, ob du geweint hast, weiß ich nicht", irgendwann ist Larass dann alle, und Franz Josef Wagner sagt, "wir beide sind keine großen Redner", was schon ein bisschen gemein ist, weil sich der Larass alle Mühe gegeben hat und auf jeden Fall besser war als der Matussek, der dann endlich durfte und sagt, dass dieser angeblich erste Satz mit den sicheren Deutschen sich ja "erst mal wie ein CDU-Wahlplakat" liest, "aber bei dir klingt er wie Raymond Chandler". Und dann sagt der Matussek noch über den Franz Josef Wagner, "du warst nie ein Linker", was ja 'ne dolle Beobachtung ist.

Aber da rede ich schon mit dem netten älteren Herrn neben mir, den ich auch schon mal irgendwo gesehen hab, über Berlin und dass es in seiner Jugend mal minus 39 Grad kalt war und er analysiert mir die Erfolgschancen der Grünen in Berlin und scheint ein bisschen von Politik zu verstehen, und am Ende gibt er mir seine Karte und es ist Klaus Landowsky.

Leider kam dann später, als wir beim Essen saßen, niemand rein und hat gebrüllt, dass die Mauer wieder aufgebaut wird, sondern nur Kai Diekmann, der die Bild-Zeitung noch fertig machen musste. Aber schön war's trotzdem.

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