Rainer Langhans übers Dschungelcamp

"Ich muss erst mal Scheiße fressen"

Ab Freitag müssen ehemalige Prominente in der RTL-Sendung "Dschungelcamp" wieder Insekten essen. Nur Rainer Langhans nicht, für den Vegetarier gibt es eine Ausnahme.

Rainer Langhans: "Ich lebe seit Langem ja in einem Harem, habe fast nur Frauen gesehen. Jetzt komme ich wieder in die Mitte der Gesellschaft." Bild: dpa

taz: Herr Langhans, es ist Sonntagabend, Sie sitzen gerade am Flughafen München. In wenigen Minuten startet Ihr Flieger nach Frankfurt, von da aus geht es ins RTL-Dschungelcamp nach Australien. Wie fühlen Sie sich?

Rainer Langhans: Ich glaube, ich bin ganz entspannt. Ich freue mich darauf, ich bin neugierig. Ich freue mich auf den Dschungel, ich mag ja Tiere. Es ist eine wunderschöne Gegend, gerade herrscht dort der Sommer. Was will ich mehr?

Was ist Ihre Mission im Dschungelcamp?

Es gibt bisher kein Format im Fernsehen - abgesehen davon, dass man es mir nicht anbot -, das so die Urszene der Kommune wieder errichtet wie das Dschungelcamp.

Das können Sie doch nicht ernst meinen?

Als wir 1967 das "Pudding-Attentat" auf den US-Vizepräsidenten Hubert H. Humphrey planten, haben wir uns drei Monate in eine winzige Wohnung gesperrt, vollkommen von der Außenwelt abgeschottet. Wir haben uns Tag und Nacht einander angeschaut, analysiert und geredet. Wir haben versucht, uns neu zu erfinden. Wir haben versucht, etwas anderes in uns zu finden als die vermutlichen Mörderkinder von Mördereltern, die nicht darüber redeten, auf welchem Leichenhaufen wir damals saßen und warum …

Rainer Langhans, 70, ist eine der Symbolfiguren des undogmatischen Teils der 68er Bewegung. 1967 zog er in die legendäre Wohngemeinschaft "Kommune 1" in Berlin. Heute lebt er als Autor zusammen mit mehreren Frauen, dem sogenannten Harem, in München.

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Das Dschungelcamp

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Das Format: Am Freitag startet die 5. Staffel von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus". Wenn RTL abends gegen 22.15 Uhr live auf Sendung geht, ist es im australischen Dschungel in etwa 6.15 Uhr am Morgen des darauffolgenden Tages. Das Camp liegt nahe der Stadt Gold Coast an der Ostküste Australiens. Nach der ersten Dschungelwoche fliegt täglich ein Teilnehmer aus dem Camp, und die Zuschauer entscheiden per Telefonvoting, wer bleiben darf und nach zwei Wochen täglicher Sendung "Königin oder König des Dschungels 2011" wird.

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Die Teilnehmer: Insgesamt sind es zehn Leute, unter anderem diese hier: Schauspieler Mathieu Carrière (60), Schwimmer Thomas Rupprath (33), Ex-Playmate Gitta Saxx (45) und Rainer Langhans (70) sind ganz sicher im Camp.

mir wird der Zusammenhang mit dem Dschungelcamp nicht ganz klar …

… diese Neuerfindung musste bei uns anfangen. Da nutzte es gar nichts, an den Symptomen zu kurieren, wie Rudi Dutschke nur wollte: Kapitalismus abschaffen, das System verändern und so weiter. Aber wenn die Menschen sich nicht ändern, dann wird das gierige Kapitalismusding weiter durchgezogen. Die Kommune wollte den Menschen verändern, dazu ist sie nicht rausgegangen zum Demonstrieren. Sie ist nach innen gegangen und hat sich in wechselseitiger Analyse verändert. Wir kamen raus und waren die ersten deutschen Popstars. Die Alten haben uns massivst bekämpft, die witterten die Zerstörung des Abendlandes, weil die Kleinfamilie angegriffen war. Und dann haben sie uns natürlich in die Sexecke gestellt, weil das Schönste, was sich die verklemmten Spießer vorstellen konnten, war Sex …

aber Herr Langhans, was hat das mit dem RTL-Dschungelcamp zu tun?

Genau das alles macht auch das Dschungelcamp. Es ist eine hochisolierte Situation, uns wird alles vorher abgenommen. Wir dürfen nichts zum Schreiben mitnehmen, keine Spiele, geschweige denn irgendwelche Medien. Man kann nur aufeinanderhocken und sich fertigmachen. Es ist also eine Urgemeinde, so wie bei den ersten Menschen. Wir müssen uns gegenseitig dabei helfen, zu überleben, Essen zu besorgen und unsere Körper zu erhalten - und das ist Kommune. Das mache ich seit 40 Jahren, im Gegensatz zu meinen früheren Genossen.

Die Kommune hatte aber politische Ziele, die das RTL-Dschungelcamp ganz sicher nicht hat.

Falsch, falsch - es ist genau das Gleiche. Das Private ist politisch. Aber das ist für die normalen Leute völlig unpolitisch. Das ist neue Politik. Wer heute noch in der normalen Politik arbeitet, der ist für mich unpolitisch.

Aber in der Kommune konnten Sie sich wenigstens Ihre Mitbewohner aussuchen, in Australien nicht.

Das stimmt nicht. Das waren nur verzweifelte Leute damals in der Kommune, die sich aus irgendwelchen Gründen da reingetraut haben. Als es darum ging, wer einzieht. ist Rudi Dutschke sofort abgesprungen. Er sei doch verheiratet und könne nicht mit seinem Gretchen da rein, sagte er. Er war ja auch ein evangelischer Christ. Bernd Rabehl hat sich auch nicht getraut. Dann blieben diese acht Hanseln übrig und sind in die Kommune eingezogen. Weil sie so kaputt waren, weil es ihnen so schlecht ging. Und genau das Gleiche gilt für das Dschungelcamp: Es sind erfolglose, kaputte, abgehalfterte Leute, die beruflich nicht mehr genügend in der Gesellschaft vorkommen. Die müssen dringend etwas ändern, damit sie wieder ins Geschäft kommen.

Und Sie zählen sich auch zu den Abgehalfterten?

Nach den Maßstäben der unterhaltungsbedürftigen Gesellschaft bin ich das auch. Ich war einmal berühmt, und dann bin ich abgestürzt. Ich kam nicht mehr vor, es gab mich nicht mehr. Ich hoffe, wie die anderen Dschungelbewohner auch, mich durch das Camp zu resozialisieren. Ich lebe seit Langem ja in einem Harem, habe fast nur Frauen gesehen. Jetzt komme ich wieder in die Mitte der Gesellschaft.

Herr Langhans, Sie haben eben den Kapitalismus kritisiert und tun das auch sonst immer wieder gern. Wie passt das mit Ihrer 50.000-Euro-Gage von RTL zusammen?

Das ist ein großes Problem für mich. Ich muss jetzt erst mal Scheiße fressen, bekomme schon Hassmails. Dieses ungewohnt viele Geld - bisher habe ich viel Geld gemieden -, mit dieser Schwierigkeit muss ich mich erst mal beschäftigen. Ich mache das jetzt nacheinander. Werde die erste Scheiße durchziehen und dann die zweite dafür bekommen.

Das Dschungelcamp hat ja eher ein Schmuddelimage. Bereitet es Ihnen keine Sorge, dass Sie damit für andere Jobs oder mediale Angebote erledigt sein könnten?

Wenn man sich mit dieser Art der Politik beschäftigt, dann landet man nicht bei den bürgerlichen Medien. Pfui, pfui, es ist verpönt, an sich selbst zu arbeiten und darüber zu reden. Ich lande bei der Bild, bei den Unterschichten, bei den ganzen Schmutzblättern. Selbst die taz bleibt bei dem gutbürgerlichen Milieu.

Also keine Angst um den Ruf?

Nein, überhaupt nicht. Der ist sowieso zerstört. Das ist aber ganz gut, denn dann kann man frei leben, man kann sich frei erfinden.

RTL hat Sie schon einmal gefragt, ob Sie ins Dschungelcamp einziehen möchten. Damals wollte der Sender nicht auf Ihre Bedingung eingehen, dass Sie keine Tiere essen müssen. Warum wurden dieses Mal die Regeln für Sie geändert?

Das weiß ich auch nicht, aber ich finde es natürlich gut. Jetzt hieß es plötzlich: "Wir machen alles, damit Sie reinkommen."

Sie leben in einer Gemeinschaft mit mehreren Frauen, die Sie Harem nennen. Außerdem gelten Sie als sexuell sehr experimentierfreudig. Werden die Zuschauer des Dschungelcamps etwas davon mitbekommen?

Ganz sicher. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind da richtig schöne, junge Frauen dabei. Damit kenne ich mich ein wenig aus. Meine einfachen Triebreflexe sind natürlich nicht mehr wie früher. In der Kommune haben wir damals gesagt: keine Zweierbeziehungen, kein Sex. Es gibt so viel bessere Sachen. Mich interessiert nicht das, was der hechelnde Bürger toll findet. Mich interessiert das, war wir auch in der Kommune erreichen wollten: eine allgemeine Zärtlichkeit - von Mensch zu Mensch und nicht nur von Mann zu Frau. Eine sehr viel höhere Liebe, die sich nicht im Sex erschöpft. Eine Liebe, die auch außerkörperlich stattfindet. Diesen Zustand zu erlangen, das werde ich auch im Dschungelcamp versuchen. Wie weit mir das gelingt, weiß ich nicht.

Ihre ehemalige Weg- und Bettgefährtin Uschi Obermaier sagt zu Ihrem Gang ins Camp: "Jetzt hat er endlich die Medienaufmerksamkeit, die er sich die ganze Zeit so verzweifelt gewünscht hat." Trifft Sie diese Kritik?

Uschi benimmt sich heute wie ein Groupie, das die Kommune als Sprungbrett benutzt hat, um an Promis und Rockstars heranzukommen. Viele von den Leuten, die 68 dabei waren, sehen die Sachen anders als ich heute und halten mich für einen totalen Spinner. Uschi ist eine von denen, die vieles sehr reduziert sieht. Sie erinnert sich nicht mehr an die einstige Ekstase, weil sie die nicht mehr erreichen konnte.

Möchten Sie Dschungelkönig werden?

Mein Ziel ist es, möglichst lange drinzubleiben, weil ich die Erfahrung schön finde. Ob sich das am Ende Dschungelkönig nennt, ist mir egal.

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