ARD-Doku über Schäuble und Kohl: Ende einer Dienstfahrt

Man redet nicht mehr miteinander: In ihrer "Duelle"-Reihe widmet sich die ARD am Montag (21 Uhr) dem Verhältnis von Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble.

Nervöse Intelligenz und raumgreifende Selbstgefälligkeit: Schäuble und Kohl Ende 1999, zu Beginn der CDU-Spendenaffäre. Bild: ard

Am 18. Januar 2000 besucht Wolfgang Schäuble zum letzten Mal Helmut Kohl. Schäuble ist damals CDU-Vorsitzender. Die Partei steht unter Feuer, weil Kohl illegal Millionenspenden kassiert hat und sich weigert, wenigstens die Namen der Spender zu nennen. Am Morgen dieses 18. Januar versucht Schäuble ein letztes Mal, Kohl zu überreden, die Namen doch noch preiszugeben.

Vergeblich. "Wir werden unsere Beziehung für immer beenden", sagt Schäuble. Es ist nach 30 Jahren das Ende einer Freundschaft. Kohl sagt später, er habe nie einen solchen Hass gespürt. Diese Geschichte handelt von Aufstieg und Fall, Treue und Verrat, Konkurrenz und Unversöhnlichkeit. Dieser Konflikt hatte, sagt der Grüne Hans-Christian Ströbele, "etwas von einem shakespeareschen Drama."

Die Autoren Jean-Christoph Caron und Stephan Lamby erzählen es recht brav und chronologisch: 1973 wird Kohl, damals ein entschlossener Parteireformer, CDU-Chef. Schon hier gehört Schäuble, ein junger, ehrgeiziger Jurist, zu seiner Seilschaft. Man sieht Archivaufnahmen aus dieser Zeit: Schäuble im Bundestag, ein junger Mann mit hellen Haaren, einer nervösen Intelligenz und etwas Asketischem um die Mundwinkel. Kohl wirkt schon damals, wie man ihn kennt: behäbig, raumgreifend, selbstgefällig. Als Kohl 1982 Kanzler wird, wird Schäuble Chef des Kanzleramts.

Um Schäubles Aufstieg zu symbolisieren, zeigt der Film, wie er eine Treppe hinaufgeht. Es ist diese Art von geistloser Metaphorisierung, die einem das TV-Politfeature verleiden kann. Schäuble ist Kohls treuer Vasall, der hilft, Heiner Geißlers Putschversuch 1989 niederzuschlagen, und der in der Flick-Spendenaffäre Zeugen nahelegt, sich lieber nicht so genau zu erinnern. Er liefert, was Kohl will: 150-prozentige Loyalität. "Die Nummer eins muss unbeschädigt bleiben", sagt Schäuble.

Das Drama beginnt, als Schäuble die Dienerrolle zu eng wird. In den 90er Jahren wird er zum ewigen Kronprinzen, den Kohl mit einer nicht geringen Lust hinhält. Mal kündigt der Kanzler an, 1998 nicht mehr als Kandidat anzutreten, dann überlegt er sich es wieder anders. Schäuble sagt heute: "Ich wusste immer, das er nicht von alleine geht." Beim Spendenskandal 2000 zieht Kohl ihn mit in den Abgrund. Schäuble ist bis heute verständlicherweise unversöhnlich: "Ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben", sagt er.

Das Geschehen ist solide recherchiert, die Bilder sind meist aus dem Archiv. In den neugeführten Interviews kommen fast alle vor: Jürgen Rüttgers und Brigitte Baumeister, Rita Süssmuth und Heiner Geißler. Aber Neues kommt nicht zutage, auch kein prägnanter Satz. Diesen Mangel an Verdichtung versucht der Kommentar durch Überdramatisierungen zu überspielen. "Ein Duell ohne Gnade", tönt es finster im Off. Gnadenlos ist hier vor allem die Neigung zum sprachlichen Klischee.

Manchmal greift zu dunkel dräuendem Geigenklängen eine Hand zu einem Telefonhörer. Offenbar sollen mittels solcher Nachinszenierung die Intrigen, die gesponnen werden, sichtbar gemacht werden. Man bemüht sich um einen Hauch von Politthriller-Feeling, will Politik in die Bilderwelt der Fiktion übersetzen, Spannung erzeugen. Schlimm ist in diesem Fall nicht der Versuch, sondern dessen klägliches Scheitern.

Am interessantesten ist dieser Film, wenn er mal Atem holt und die nervtötende Dynamisierung der Archivbilder und das Überlappen der Interviewtöne mit neuen Bildern beiseitelässt. In den 90ern gibt es einen Fototermin mit den Konkurrenten, es soll Einigkeit demonstriert werden. Schäuble kommt im Pullunder, Kohl holt schnell noch seine Strickjacke, um genauso gelassen und häuslich zu wirken. Die Gesichter der beiden auf dem Schwarzweißbild erzählen mehr als der Off-Kommentar.

ARD-Chefredakteur Thomas Baumann hat diesen Film bei der Pressevorführung als "idealtypisches Informationsfernsehen" gelobt. Das lässt nichts Gutes hoffen. Übersetzt heißt es wohl: Die ARD ist nicht nur so routiniert und ideenlos wie dieser Film. Sie will es auch sein.

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