Krise in der Elfenbeinküste: "Unsere Revolution ist gekommen"

Die Zeit der Manipulation der Menschen in Afrika ist vorbei. Reggaestar Tiken Jah Fakoly aus der Elfenbeinküste über die Krise in seiner Heimat.

"Meine Songs haben plötzlich eine viel intensivere Bedeutung", sagt Tiken Jah Fakoly. Bild: dpa

taz: Herr Fakoly, Sie haben sich nach der Wahl Ende 2010 sehr früh dahingehend geäußert, dass Präsident Laurent Gbagbo gehen müsse. Befürchten Sie nicht, dass sein Konkurrent Alassane Ouattara als ehemaliger Ökonom des IWF die Elfenbeinküste ausverkaufen wird?

Tiken Jah Fakoly: Ich mache mir deswegen keine Sorgen, weil Ouattara von der Mehrheit der Ivorer gewählt wurde. Jetzt ist es an uns Ivorern, Bedingungen an ihn zu stellen. Nach fünf Jahren endet seine Amtszeit und dann wählen wir erneut. Sollte das heißen, dass Ouattara gar nicht Präsident werden kann, weil er dem Westen nahesteht? Das würde doch auch bedeuten, dass die Demokratie grundsätzlich in Frage gestellt wird.

Wir können uns das einfach nicht leisten, weil die Demokratie die Übernahme der Macht durch das Volk ist. All jene, die gegen die Macht des Volkes sind, müssen wir bekämpfen. Deswegen kämpfe ich gegen Laurent Gbagbo. Er hat zehn Jahre lang regiert, und zehn Jahre lang hat er sich, seine Familie und seine politischen Freunde bereichert.

ist Reggaesänger aus der Elfenbeinküste. 1968 im nordivorischen Odienné geboren, lebt er seit acht Jahren im Nachbarland Mali. Letztes Wochenende stellte er in Deutschland sein neues Album "African Revolution" vor.

Ihr neues Album heißt "African Revolution". Verwirklichen die Revolutionen in Nordafrika, aber auch Aufstände, wie sie derzeit in Burkina Faso stattfinden, Ihre Wünsche, als Sie die Aufnahmen machten?

Genau, schon letztes Jahr im September habe ich von dieser afrikanischen Revolution gesprochen. Jetzt ist sie hier, ihre Zeit ist gekommen und sie wird weitergehen. Früher konnten die politischen Führer das Volk mit Hilfe eines einzigen Fernsehsenders manipulieren, weil die Leute nur diesen Sender empfangen konnten. Jetzt, da immer mehr Menschen in Afrika das Internet benutzen, können sie die unterschiedlichsten Nachrichten aufnehmen. Dadurch hat sich die afrikanische Bevölkerung grundsätzlich verändert.

Alle intelligenten Politiker, die länger als 20 Jahre an der Macht sind, sollten jetzt ihre letzte Amtszeit ankündigen. All diejenigen, die das nicht verstehen, werden dafür bitter bezahlen. Wie in Tunesien, in Ägypten und auch in Libyen. Gaddafi wird auch gehen müssen. Wir können Gaddafi nicht verteidigen. 42 Jahre an der Macht, das übersteigt alle Kriterien.

Wie erleben Sie den Kontrast zwischen Ihrer Konzerttour in Europa und dem politischen Drama, das sich in Ihrem Heimatland abspielt?

Wenn ich jetzt auf der Bühne stehe, haben meine Songs plötzlich eine viel intensivere Bedeutung. Die Texte sind jetzt so eng mit der Realität verbunden, dass es mich tief berührt. Es gibt Leute, die kämpfen und das Ergebnis ihres Engagements niemals sehen. Ich habe wirklich Glück, ich singe von Revolution, und sechs Monate später findet sie statt.

Welche Rolle werden Sie zukünftig in der Elfenbeinküste spielen?

Zusammen mit Musikern wie Alpha Blondy werden wir eine Versöhnungstournee durch das Land starten. Meine Botschaft ist klar: Ich bin kein Ouattara-Unterstützer, ich bin ein Unterstützer der Elfenbeinküste und des demokratischen Prozesses. Ich unterstütze das Erwachen der Menschen. Das ivorische Fernsehen war dabei bisher ein sehr großes Hindernis, weil Gbagbo ohne Ende propagandistische Nachrichten sendete. Es gelang ihm sogar für einen Moment, die komplette Situation in ihr Gegenteil zu verkehren, als plötzlich jeder in der Elfenbeinküste sagte: "Ja, es ist der Westen, der gegen uns Krieg führt!" Nein, bei uns wurden Wahlen durchgeführt, und einer ist gewählt worden. So einfach ist das.

Funktioniert das europäische Demokratie-Modell für afrikanische Länder, wenn sie in ein internationales System integriert sind, das sie massiv in ihrem Handlungsspielraum beschränkt?

Die Demokratie ist für uns ein gutes Modell. Es funktioniert allerdings nur dann, wenn Nationen wie die Elfenbeinküste vereint auftreten. Sobald sie zerstritten sind, wird es auch für den Präsidenten schwierig, bei Entscheidungen freie Hand zu haben. Deshalb sollten wir uns auf die Versöhnung konzentrieren. Wir müssen den Menschen erklären, dass wir alle die gleichen Probleme haben, unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit oder der Religion.

Unsere Kinder gehen nicht in gute Schulen, unsere Kranken liegen in schlecht ausgestatteten Krankenhäusern. Wenn wir die gleichen Probleme haben, müssen wir dafür die gleiche Lösung finden. Dann kann auch das Modell der Demokratie in Afrika Fuß fassen, daran gibt es schließlich nichts Kompliziertes. Wenn die Leute Wahlen nicht mehr als Krieg wahrnehmen, wird dem Präsidenten endlich die Macht gegeben, die nationalen Interessen zu verteidigen.

Ist Ouattara Ihrer Meinung nach der Richtige, um die Elfenbeinküste wieder zu einen?

Ich glaube heute, dass Alassane Ouattara die Interessen des ganzen Volkes verteidigen kann. Anders als Gbagbo verbreitet Ouattara keine Propagandabotschaften des Hasses. Er hatte schon immer eher eine Botschaft der Beschwichtigung und Versöhnung. Im Hinblick auf die Versöhnung hat Gbagbo dagegen in zehn Jahren rein gar nichts unternommen. Dabei war das alles, was wir als Ivorer von ihm erwarteten. Ich weiß, dass Alassane Ouattara die Versöhnung erreichen wird. Er hat keine andere Wahl.

Bemerken Sie hier bei Ihren Konzerten eine Veränderung in der Art und Weise, wie Afrika gesehen wird?

Wenn hier normalerweise über die Elfenbeinküste berichtet wird, dann geht es nicht um die schönen Strände in Bassam oder Sassandra. Es geht um Krieg. Doch die Menschen, die uns sehen, lernen ein neues Afrika kennen und verlassen unsere Konzerte mit einer neuen Perspektive. Ich sehe Afrika als einen Kontinent, der dem Schicksal der Sklaverei erst vor 400 Jahren entkommen ist und in dem die ersten freien Nationen vor 50 Jahren gegründet wurden.

Ich bin jetzt 42 Jahre alt. Als ich geboren wurde, waren die meisten afrikanischen Staaten erst acht Jahre alt. Jetzt schreiben wir unsere eigene Geschichte, während Länder wie Deutschland oder Frankreich dies bereits seit 100 oder 200 Jahren tun. Wir brauchen nur noch ein wenig Zeit.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben