James Blake im Berghain

Bass ohne Grenzen

Hypetest bestanden: Der Brite James Blake demonstriert im Berghain die Stärke seiner Musik. Dabei arbeitet er viel mit Dynamik.

Der junge Blake: schüchtern zum Kerngeschäft. Bild: screenshot/youtube.com

BERLIN taz | Im Pop verlaufen Hypes oft nach bestimmten Konjunkturgesetzen, denen auch die Popkritik gern folgt. Erst schreibt man jemanden hoch, dann verflüchtigt sich die heiße Luft allmählich wieder, so dass man bei nächster Gelegenheit gar nichts mehr vom eigenen Lob wissen will. Doch da es sich hierbei nicht um Naturgesetze handelt und die Konjunkturzyklen ebenfalls nicht mehr das sind, was sie früher einmal waren, kann es durchaus zu Abweichungen von der Norm kommen.

So auch bei dem jungen Londoner James Blake, der am Samstag im ausverkauften Berliner Club Berghain sein Debütalbum einem Bühnentest unterzog. Die Berichterstattung zu seiner im Februar erschienenen Platte hatte vorübergehend etwas hysterische Züge angenommen, und die Sorge schien berechtigt, das Konzert des zweiundzwanzigjährigen Musikhochschulabsolventen könnte sich zum großen Ernüchterungskorrektiv auswachsen.

Es kam zum Glück ganz anders. Schon mit der Vorband, dem von Meister Blake höchstpersönlich gelobten Londoner Duo Cloud Boat, empfahl sich eine neue Dubstep-Hybrid-Formation mit einer Mischung aus pointillistischen Beats, flächigen Gitarren und engelhaftem Falsettgesang. Ihr Wall-of-Sound-Step unterscheidet sich dabei mit seinem stark flächigen Klang deutlich von James Blakes sparsamen Arrangements. Auf ihre erste Veröffentlichung, die in einigen Wochen auf dem renommierten Elektroniklabel R & S Records erscheint, darf man sehr gespannt sein.

Blake selbst erschien danach fast schüchtern vor dem Berliner Publikum, das er knapp begrüßte, um sich, unterstützt von einem Schlagzeuger und einem Gitarristen, sogleich seinem Kerngeschäft an Keyboard und Klavier zu widmen. Zu Beginn des Auftritts erinnerte seine Musik mit ihren suchenden Akkorden und computergestütztem Gesang noch ein wenig an unentschlossene Hintergrundmusik mit einer deutlichen Note von britischer Distanziertheit.

Etwaige Zweifel an der Darbietung zerstreuten sich aber spätestens mit dem mehrstimmigen A-cappella-Gesang von "I Never Learned to Share", in dem sich ein anscheinend nicht ganz einfaches Erzähl-Ich beklagt, dass Bruder und Schwester nicht mehr mit ihm sprechen, "but I dont blame them". In Stücken wie diesen, deren Text aus gerade einmal zwei Zeilen bestehen, entfaltet Blake sein ganzes wunderbar schattierungsreiches Spiel mit Effekten, die in erster Linie dazu dienen, ein kurzes Melodiefragment so lange zu wiederholen, bis das Ausgangsmaterial sich zu etwas völlig anderem entwickelt.

"Post Dubstep"-Bearbeitung

Man hat James Blake vorgeworfen, die basszentrierte Clubmusik Dubstep in Richtung Indie-Songwritertum aufzuweichen. Doch mit Blakes Musik verhält es sich ein bisschen wie mit dem H-E-Kopf des Philosophen Ludwig Wittgenstein, einer Kippfigur, die man wahlweise als Hasen oder als Ente sehen kann.

Denn obwohl der Gesang ein zentraler Bestandteil der Stücke seines selbst betitelten Albums ist und Blake einen durchaus expressiven Gesangsstil pflegt, sind es keine Songs im eigentlichen Sinne, die er schreibt. Vom Aufbau her folgen seine Stücke vielmehr der Struktur von Tracks, deren Spuren aus sich wiederholenden Elementen bestehen, die verändert werden können - wie beim genannten "I Never Learned to Share".

Der einzig "richtige" Song in seinem Programm ist "Limit to Your Love", im Original von der Kanadierin Feist. Tatsächlich ist Blakes Version sein bisher größter Hit, und im Berghain bekam man körperlich zu spüren, worin die Stärke dieser "Post Dubstep"-Bearbeitung liegt: Neben einigen überraschenden Pausen ist es der unterirdische Bass, den Blake als popfremdes Mittel verwendet, durch den der Song eine Dimension bekommt, die nur mit sehr leistungsfähigen Lautsprechermembranen richtig nachvollzogen werden kann. Dank Funktion-One-Anlage bekam man diese Tiefe aufs Energischste zu spüren, was das Publikum mit befreitem Gekreische quittierte.

Dankenswerterweise setzt Blake nicht auf konstante Lärmpegel, sondern arbeitet, anders als viele Produzenten sonst, viel mit Dynamik. Dass seine Stücke meistens dem Aufbau "leise beginnen, allmählich anschwellen, wieder verklingen" folgen, störte keineswegs. Laut war es immer noch oft genug.

In seinen stilleren Momenten nähert sich Blakes Gesang dafür dem Gospel an, wodurch sein leicht klagender Tonfall etwas moderiert wird. Auch die mitunter an Nabelschau erinnernde Innerlichkeit seiner Texte erscheint plötzlich in einem anderen Licht.

Man muss das nicht gleich spirituell nennen, mehr als Indie-Gejammer ist es aber allemal. Ganz großer Jubel für ein großes Konzert.

.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de