Interview Country-Legende Emmylou Harris: "Mit Musik lässt sich etwas bewegen"

In ihrem neuen Album habe sie die wichtigen Stationen ihres Lebens Revue passieren lassen, sagt die US-amerikanische Country-Legende Emmylou Harris.

Emmylou Harris in Nashville. Bild: dapd

taz: Frau Harris, haben Sie schon als Mädchen Country abgöttisch geliebt?

Emmylou Harris: Oh Gott, nein. In meiner Jugend konnte ich mit dieser Musik nichts anfangen. Einzig für Johnny Cashs Album "With His Hot & Blue Guitar" habe ich mich auf Anhieb begeistert. Mein Bruder hatte diese Platte. Weil er sie dauernd hörte, kannte ich die Lieder bald in- und auswendig. Mein Idol war damals aber Joan Baez. Ihr wollte ich nacheifern.

Bis Sie Gram Parsons begegnet sind?

Er hat mir geholfen, meine eigene Stimme zu finden - was ja eine gute Sache ist. Ich weiß nicht, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich ihn nicht kennengelernt hätte. Womöglich säße ich jetzt nicht hier, sondern wäre Tierärztin geworden.

Tatsächlich?

Ich liebe Tiere. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Bevor ich Gram traf, ging es mir nicht besonders toll. Ich war geschieden, alleinerziehend, mit meiner Musik konnte ich mich in New York kaum über Wasser halten. Deswegen empfand ich es als Geschenk des Himmels, dass Gram mich als Backgroundsängerin engagiert hat.

Das Tourleben mit Parsons war aber ziemlich chaotisch, oder?

Aber genau deshalb hat es mir so viel Spaß gemacht. Auf jeden Fall war unser Tourbus wenig luxuriös. Es gab keine Schlafkojen. Wir mussten uns irgendwie auf den Sitzen einrichten. Oder uns auf den Fußboden legen. In der Regel war dann der Weg zur Toilette blockiert …

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geboren 1947 in Birmingham, Alabama, USA.

veröffentlichte 1970 ihr erstes, wenig erfolgreiches Album "Gliding Bird". 1972 arbeitete sie mit Gram Parsons an dessen Platte "G.P." Nach Parsons Tod konzentrierte sie sich auf ihre Solokarriere.

ausgezeichnet mit zwölf Grammys, seit 2008 Mitglied der Country Music Hall of Fame. Ihre neue CD "Hard Bargain" verbindet Country, Folk und Rock. Vom 5. bis 8. Juni 2011 ist sie in Deutschland auf Tour.

Klingt nicht sehr einladend.

Ach, ich habe mich wie im Abenteuerland gefühlt. Im Herzen war ich immer noch das graue Mäuschen vom Land. Meist saß ich still in einer Ecke und strickte. Exzesse gab es bei mir nicht.

Hat Sie Parsons Lebenswandel schockiert?

Machen wir uns nichts vor: Er hatte ein Alkohol- und Drogenproblem. Aber er wollte seine Abhängigkeit in den Griff kriegen. Während der Tournee hat das auch einigermaßen geklappt. Er sang jeden Abend ganz großartig, wirklich. Doch seine langjährige Vorliebe für Suchtmittel hatte seinem Körper schon arg zugesetzt. Kurze Zeit später ist er gestorben, mit 26.

Warum haben Sie ausgerechnet jetzt mit "The Road" einen Song für ihn geschrieben?

Ich wollte mein Album "Hard Bargain" dazu nutzen, die wichtigen Stationen meines Lebens Revue passieren zu lassen. Dazu zählt auch die Begegnung mit Gram. Meinen Eltern habe ich ebenfalls ein Lied gewidmet, es heißt "The Ship on His Arm". Meine Mutter und mein Vater waren zweimal getrennt: durch den Zweiten Weltkrieg und den Koreakrieg. Als mein Dad in Gefangenschaft kam, wusste meine Mum nicht, ob er überhaupt noch lebt. Das war sehr hart für sie.

Hätten Sie das ausgehalten?

Ich weiß es nicht. Da stößt man schon an seine Grenzen, denke ich. Andererseits beneide ich meine Mutter darum, dass sie 50 Jahre mit meinem Vater verheiratet war. Ich selber bin dreimal geschieden. Irgendwie bin ich nie dem richtigen Mann begegnet. Schade!

Haben Sie die Suche jetzt aufgegeben?

Mal ehrlich, jeder will sich doch verlieben. Das gibt uns einen Adrenalinkick, es wirkt euphorisierend. Bloß ist das, was danach kommt, so kompliziert. Eine Beziehung zu führen verlangt einem ziemlich viel ab. Vielleicht bin ich deshalb seit 20 Jahren Single.

Frustriert Sie das?

Eigentlich nicht. Sicher fürchte ich mich vor Einsamkeit. Aber mit ihr wird man ab und zu sogar in einer Partnerschaft konfrontiert. Ich habe gemerkt, dass mich das Streben nach Zweisamkeit nicht unbedingt glücklich macht. Darum fokussiere ich mich im Moment auf andere Dinge. Ich habe daheim in Nashville eine Auffangstation für Hunde gegründet. Dort nehme ich Tiere auf, die sonst eingeschläfert worden wären.

Engagieren Sie sich bei diesen Rettungsaktionen vor allem finanziell?

Nein. Ich bin diejenige, die die Hunde versorgt. Ihretwegen stehe ich morgens um halb sieben auf. Um die Wahrheit zu sagen: Jenseits der Bühne ist mein Alltag wenig glamourös. Privat investiere ich in meine Tiere statt in Luxus. Dabei verliere ich dauernd Geld. Doch das ist mir egal. Hauptsache, ich kann wieder ein Lebewesen vor dem Tod retten.

Tierschutz scheint Ihnen wichtiger als politisches Engagement zu sein?

Das stimmt so nicht. Soziale Missstände beschäftigen mich, darum ist das Stück "My Name is Emmett Till" förmlich aus mir herausgesprudelt. Ich hatte diese Geschichte nie vergessen, wie dieser schwarze Junge 1955 aus niederen rassistischen Motiven ermordet wurde. Ich versuchte mich in ihn hineinversetzen, in seine Angst, in die Erniedrigungen, die er erlitt. Aus dieser Motivation heraus ist das Lied entstanden.

Glauben Sie ernsthaft, mit Musik die Welt verändern zu können?

Mit Musik lässt sich etwas bewegen. Ein Song kann der Gesellschaft zumindest Denkanstöße geben.

Reicht das denn?

Sicher bewirkt der Präsident der Vereinigten Staaten mehr als ich. Ich bewundere Barack Obamas Intelligenz. Er verkörpert für mich den US-amerikanischen Traum.

Trotzdem ist er bei Ihren Landsleuten nicht mehr besonders populär.

Das ändert nichts an meiner Begeisterung für ihn. Unser Land profitiert von diesem Mann. Nicht nur, weil er schwarz ist.

So schnell kann sie also keiner enttäuschen?

Nun, meine Begegnung mit Bob Dylan war schon ein bisschen seltsam. Ich dachte, er wollte partout mit mir arbeiten. Dabei suchte er nur eine Sängerin. Im Studio drückte er mir die Texte in die Hand, dann wurde aufgenommen. Das war wie Action Painting: spontan und direkt.

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