DJ-Diskurs über Verantwortung: Nachhaltig tanzen

Der britische DJ Matthew Herbert spricht von seiner Verantwortung als DJ. Anschließend fliegen die Jutebeutel in die Ecken und die Arme in die Luft.

Kann man zur Revolution tanzen? Bild: apl_d200/photocase.com

BERLIN taz | Der Berliner Szenemensch trägt derzeit unbedingt einen Jutebeutel. Er ist sozusagen die "It-bag" der Stunde und nach Möglichkeit gut zehn Jahre alt. Der Jutebeutel ist ein modisches Statement - ein Bekenntnis zu trendigem Schlonz-Look und umweltbewusster Nachhaltigkeit gleichermaßen.

Insofern ist der Jutebeutel am Dienstagabend samt seiner in Hundertschaften erschienenen Besitzer im Berliner Haus der Kulturen der Welt zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn es geht hier im Rahmen des Initiativprojekts "Über Lebenskunst" um das gute Leben in Zeiten ökologischer Krisen und schwindender Ressourcen.

Darum, dass es nur eine Frage der Perspektive ist, wie angenehm, cool oder hip nachhaltige Lebensqualität sein kann. Ganz konkret sind an diesem Abend aber 500 Leute zusammengekommen, um von dem britischen Elektronikproduzenten Matthew Herbert zu erfahren, wie man als Künstler die eigene Handlungsmacht nutzen kann, ohne sich instrumentalisieren zu lassen. Herbert stellt unter Beweis, dass man als politisch korrekter Mensch großartige Clubmusik machen kann.

Dafür muss man - das ist Herberts Subtext in seiner einerseits wortreichen und etwas missionarischen, andererseits ausgefeilt-verspielten, musikalischen Antwort auf diese Fragen - vor allem genau hingucken. Herbert guckt genau hin, was um ihn herum geschieht und wie er Einfluss darauf nehmen kann. Es spielt eben eine Rolle, sagt er auf dem Podium im wie immer unbestuhltem Café Global vor seinem auf dem Boden sitzenden Publikum, wer ihn als Künstler einlädt, um auf einem Rave zu spielen und in welchem Land unter welchen politischen Bedingungen dieser stattfindet.

Bevor man ein DJ-Engagement zusagt, sollte man wissen, wer der Sponsor ist, vor dessen Werbeplakat man auflegt, wer den Flug bezahlt. Nach Möglichkeit reist Herbert der Umwelt zuliebe sogar mit dem Zug zu DJ-Gigs. Es ist ihm sehr ernst damit, trotzdem erzählt er nicht ohne Humor von der Zeit um die Jahrtausendwende, als er sich von der hedonistischen Clubkultur abwendete, um politische Statements durch seine Musik zu machen. Davon, dass ihm plötzlich Millionen Euro für ein nicht besonders gutes Musikstück angeboten wurden, um damit Shampoo verkaufen zu können. Damals habe er bemerkt, dass er keine Musik machen möchte, um einen bestimmten Markt zu bedienen. Denn als Künstler hätte man das Privileg, Dinge zusammenzubringen, zwischen denen erst einmal kein Zusammenhang besteht. Tanzen und Massentierhaltung zum Beispiel.

Eine Revolution, zu der man nicht tanzen kann

Herbert nimmt sich die großen Themen unserer Zeit vor, verarbeitet sie akustisch und setzt sie in Musik um - sei es unser Konsumverhalten mit raschelnden McDonalds-Verpackungen, den Lebenszyklus eines Schweins mit Grunz-Samples oder kriegerische Auseinandersetzungen wie den Irakkrieg mit Geräuschen von Panzern oder Maschinengewehrsalven im Loop. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, zu einem Geräusch zu tanzen bei dem womöglich jemand gestorben ist - Matthew Herbert will, dass wir uns diese Fragen stellen.

Das klingt bei allem britischen Witz dann doch ziemlich spaßbefreit - nach einer Revolution, zu der man nicht tanzen kann. Niemand möchte beim Feiern missioniert werden. Doch keine zehn Minuten nachdem das Gespräch zwischen Herbert und dem Moderator Oliver Ilan Schulz beendet ist, fliegen die Jutebeutel in die Ecken und die Arme in die Luft. Die hedonistische Clubkultur – so sehr Herbert sie auch verachtet dafür, dass bei zehn Millionen tanzenden Individuen jedes Wochenende nichts, aber auch gar nichts dabei an Initiative für eine bessere Welt heraus kommt – ist doch die Klaviatur, die er perfekt beherrscht.

In sein DJ-Set streut er Houseklassiker mit Sirenen und Piano ein - es war nicht alles schlecht in den 90ern. Damals galt das Motto, sich für nichts instrumentalisieren zu lassen und einfach nur zu tanzen - ohne Gedanken an das Morgen. Die Zeiten sind vorbei, geblieben sind die Jutebeutel mit dem grünen Punkt. Herbert ist im besten Sinne erwachsen geworden, er übernimmt Verantwortung für sich und sein Handeln und verlangt von seinem Publikum das Gleiche. Tanzen dürfen wir trotzdem zu verdammt guter Musik. Ist dafür jemand gestorben? Wir wissen es nicht.

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