Grossbrand: Nach der Feuersbrunst

Viele haben alles verloren, 200 Menschen sind obdachlos: Stadt, Hilfsdienste und Ehrenamtliche rotieren, um die Opfer einer Brandstiftung in Delmenhorst zu versorgen - und ihr neues Leben zu organisieren.

Erika Funk leitet die Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes in Delmenhorst: Es ist wie nach einem Bombenangriff. Bild: JPB

DELMENHORST taz | Mäntel, Pullover, Hausschuhe und jede Menge Bügel - Erika Funk versinkt fast in den Kleiderbergen. Um sie herum liegen Kartons, einer halb gefüllt mit T-Shirts, Shorts und Kinderwäsche. Eine Firma hat Umzugskartons gespendet. 150 Stück, aber die reichen nicht. Funk leitet die Kleiderkammer des Roten Kreuzes in Delmenhorst. Bis an die Decke sind deren Regale prall gefüllt, bunt gemusterte Sackos reihen sich über eine ganze Wandlänge. "Das habe ich lange nicht erlebt", sagt sie. Seit 50 Jahren ist die resolute Frau schon beim Roten Kreuz. "Es ist wie nach einem Bombenangriff."

Ein Großbrand hatte in Delmenhorst am Pfingstsamstag einen Wohnkomplex verwüstet. 170 Feuerwehrleute bekämpften das Feuer, aus dem Umland, auch aus Bremen kamen Löschzüge zu Hilfe. Flammen und Wasser zerstörten 30 der Sozialwohnungen komplett. Mehr als 200 Menschen wurden obdachlos. Viele von ihnen leben von Hartz IV. Ein Kind brach sich bei der Evakuierung den Arm, einige mussten wegen Rauchvergiftung ins Krankenhaus. Die Polizei ermittelt. Sie geht von Brandstiftung aus: Das Feuer war gleichzeitig an zwei Unterständen für Müllcontainer inmitten der Wohnblocks ausgebrochen. Gestern, am Freitag, wurden zwei Verdächtige festgenommen.

Es sieht wirklich aus, wie nach einem Bombenangriff: Auch Tage später noch steigt in der Gegend der Bremer Straße der beißende Brandgeruch in die Nase. Unangenehm süßlich kratzt er im Hals, legt sich auf Lungen, Bronchien, Schleimhäute. Die schwüle Luft stinkt nach verbranntem Plastik. In den Fenstern der Ruinen tauchen hin und wieder Silhouetten auf. Männer einer Spezialfirma mit roten Helmen, weißen Overalls und Atemmasken stapfen durch die Trümmer. Aus dem Eingang einer Ruine trägt ein Arbeiter einen schwarz verkohlten Rest eines Möbelstücks, ein Tisch?, ein Stuhl?, das lässt sich nicht erkennen. Ein anderer hievt einen Holzbalken aus dem Schutt, wirft ihn in den Container. Es kracht, Ruß und Staub wirbeln auf.

An den beiden Brandherden ist die Kriminalpolizei mit schwerem Gerät angerückt. Ein Polizist steht inmitten der verbrannten Überreste: Mit beiden Händen bedient er die Joysticks der Fernsteuerung. Mit der lenkt er den Kran eines grünen Unimogs. Aus einem Fenster hängt ein weißes Brautkleid. Im Gebüsch liegt ein Kuscheltier.

Viele haben alles verloren: Möbel, Kleidung, persönliche Erinnerungen. Manche standen nur in Unterwäsche und Bademantel auf der Straße. Noch in der Brandnacht hatte das Rote Kreuz auf dem Parkplatz des gegenüberliegenden Supermarktes seine grauen Zelte errichtet. Das DRK-Kreisauskunftsbüro nahm Namen und Daten der Menschen auf. Es hilft sonst in Krisengebieten Vermisste zu finden.

Erika Funk mag die schwangere Frau nicht wegschicken, die mit Kind im Arm in der Kleiderkammer aufgetaucht ist. Eigentlich hätte sie sich zuerst an die Stadt wenden müssen, so wills der Plan, der die Hilfsleistungen koordinieren soll. Nun steht sie aber vor ihr im Flur. Das Kind quängelt. Männer drängeln sich vorbei, laden gespendete Möbel in einen Kleinbus. Die Johanniter haben mit einer Lagerhalle ausgeholfen, dort stapeln sich Schränke und Sofas, auch Sperrmüll.

Funk stopft der Frau eine Daunendecke in einen Plastiksack. Dazu ein Kissen, Bettwäsche und Bezug.Die ganze Woche öffnet die Kleiderkammer nicht regulär, sondern kümmert sich nur um die Hilfe für die Opfer des Brandes.

Die meisten Betroffenen konnten bei Freunden oder Verwandten unterkommen. Etwa 50 aber wussten gar nicht, wo sie unterkommen sollten. Im Hotel "zur Riede" fand die Stadt für sie eine Herberge. Es war das einzige mit ausreichend Betten, um alle aufzunehmen. Es liegt am Delmenhorster Stadtrand, direkt neben der Autobahn 28, Richtung Bremen. Auf einer Mauer vor dem Eingang sitzen einige, sie rauchen, klönen, schimpfen, über die Gebühren der Post, die für den Nachsendeantrag anfallen. Sie seien ja nicht freiwillig ausgezogen. Gerüchte machen die Runde, vermutlich sei es eine Jugendgang aus der Nachbarschaft gewesen, die gezündelt hat, und die Delmenhorster Polizei, ach die!, die werde sie nie schnappen. Die beiden am nächsten Tag Festgenommenen sind 18 und 24 Jahre alt. Der Hinweis auf sie kam aus der Bevölkerung.

Immer wieder hätten Reporter gefragt, ob sie sich nicht von der Stadt alleingelassen fühlen, berichten die Geschädigten, und was so alles schieflaufe. Damit können sie aber nicht dienen: "Wir sind heilfroh über die Hilfe, die wir von der Stadt bekommen."

Auch Zaur Ahmadov sitzt vor dem Hotel. Erst im September war er mit seiner Familie in die Bremer Straße gezogen. "Das Schlimmste war es, das Feuer auf beiden Seiten zu sehen", sagt er. Er schläft mit Ohrenstöpseln. Plötzlich rüttelt seine Frau ihn wach. Die Drillinge, sieben Monate alt!, seine größere Tochter, Asisa! Die lacht, freut sich über die Flammen - sie ist erst vier. Die Familie kann sich retten. Nun leben die sechs in zwei Hotelzimmern.

Asisa spielt mit ein paar Kindern auf dem Boden des Hotelfoyers. Kniffel, Rummy, Schach, die Kinder haben die Teile wild verstreut. Die Spiele kommen vom Dachboden einer Delmenhorsterin. Tütenweise Kleidung hat sie direkt ins Hotel geschleppt. Teure Stücke seien dabei, sagt sie, da wolle sie sehen, wer die Sachen bekommt.

Ein Fahrdienst bringt die Leute in die Stadt. Für Einkäufe oder Behördengänge. Beim Jobcenter können sie Hilfe beantragen, für den Umzug. Sonja Küpper sitzt in der Hotel-Halle an einem Tisch vor Mappen mit Papieren. Die Sozialarbeiterin ist von der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung "Plan A". Sie und ihre KollegInnen sind täglich da, sind ansprechbar, um das Leben neu zu organisieren. Vor allem, um neue Wohnungen zu finden.

Für Zaur Ahmadovs Familie hat sie etwas gefunden. Ein Zahnarzt stellt sein leer stehendes Haus zur Verfügung, vermietet es günstiger. Wann er einziehen kann, will Ahmadov wissen. Renovieren kann er selbst, gleich morgen anfangen. Die Sozialarbeiterin soll den Arzt für ihn anrufen.

Erika Funk wuselt mit vier Frauen um einen großen Tisch. Auf ihren weiß-roten Kitteln prangt das Rote Kreuz. Sie greifen hinter sich, wühlen in den Blauen Säcken. Eine zieht eine Anzughose heraus, schwingt sie auf den Tisch. Mit erfahrenem Blick begutachtet sie die Nähte, faltet die Hose ordentlich, sortiert sie auf einen Stapel. Für Männer links, für Frauen rechts. Winterkleidung in den Nebenraum. Eben ist ein Kleinbus aus Bremen vorgefahren. Voll mit Kleidung. Jemand hat in der Nachbarschaft gesammelt. "Wir quellen über", sagt Funk.

Das DRK hatte zu Spenden aufgerufen, eine Hotline eingerichtet. Immer noch klingelt das Telefon etwa 30 mal pro Stunde. Anfang der Woche war es noch deutlich mehr. Aus dem ganzen Umkreis, Achim, Oldenburg, sogar aus Hannover fragen Menschen,wo sie ihr aussortiertes Geschirr, Schränke oder Jacken hinbringen sollen.

Möbel nimmt das DRK schon seit Mitte der Woche nicht mehr an. Auch bei Kleiderspenden bitten die Mitarbeiterinnen nun darum, die Sachen vorerst zu Hause bereitzuhalten. Geldspenden sind weiterhin willkommen. 4.000 Euro gingen auf dem Konto ein: 20 Euro für jedes Opfer. Zwei, dreimal am Tag schimpft es aus dem Hörer. Was die Spendensammelei denn solle. Es gebe doch Versicherungen. Allerdings, nur zwei Familien hatten eine abgeschlossen. Und die Versicherung der Wohnungsbaugesellschaft übernimmt nur Schäden am Gebäude.

Vorm Eingang des ausgebrannten Hauses heben drei junge Männer ein verschmutztes Ledersofa auf einen Einkaufswagen, schieben es ums ausgebrannte Haus. Sie tragen keine Atemmasken. Was sie aus ihrer verrußten Wohnung noch retten konnten, lagern sie in ihrer Garage. Vor allem Anziehsachen. Der Rauchgestank ist tief in den Stoff eingezogen. "Das kann man waschen", sagen sie.

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