Skandal-Prozess in Frankreich

"Das ist nicht Justiz, das ist Terror"

Ein Korse ist wegen der angeblichen Ermordung eines Politikers verurteilt worden. "Ein weiteres Zeichen der Arroganz des französischen Staates", sieht der korsische Politiker Talamoni.

Yvan Colonna: korsischer Nationalist und lange der meistgesuchte Mann Frankreichs. Bild: dpa

taz: Herr Talamoni, der Korse Yvan Colonna ist in dieser Woche in Paris wegen der Ermordung des französischen Präfekten Claude Erignac zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Sie protestieren dagegen. Warum?

Jean-Guy Talamoni: Ich bin bestürzt. Ein Unschuldiger sitzt im Gefängnis. Die Verteidigung hat die Widersprüche in der Darstellung der Staatsanwaltschaft belegt und bewiesen, dass die polizeilichen Ermittlungen einseitig geführt wurden. Zudem gibt es Augenzeugen, die in keiner Verbindung mit der nationalistischen Bewegung stehen, die sagen, dass es nicht Colonna war, der auf den Präfekten geschossen hat. Dennoch ist er verurteilt worden. Das ist ein Justizskandal, aber auch ein politischer Skandal, denn die Entscheidung, Colonna das Recht auf ein faires Verfahren vorzuenthalten, ist auf höchster Ebene getroffen worden.

Warum soll das denn so gelaufen sein? Weil der heutige Staatschef und ehemalige Innenminister Sarkozy aus dem Fall Erignac eine Prestigesache gemacht hat?

Selbstverständlich! Es ist kaum vorstellbar, dass dieses Berufungsgericht dem widerspricht, was die Staatsführung sagt und beschließt. Die Richter hatten keine Wahl.

Wie geht es nun weiter?

JEAN-GUY TALAMONI (51) ist Anwalt in Bastia und Mitglied der Partei "Corsica Libera", die für Korsikas Unabhängigkeit von Frankreich eintritt. Talamoni vertritt seine Partei im Regionalparlament und im Stadtrat von Bastia.

Natürlich werden Colonnas Anwälte in Berufung gehen, vor dem Europäischen Menschengerichtshof. Er hat ein Recht auf einen fairen Prozess. Es ist nicht nur für die Korsen, sondern für alle Demokraten unerträglich, dass ein Unschuldiger zu lebenslanger Haft verurteilt wird.

Hat die Verurteilung von Colonna einen Solidarisierungseffekt ausgelöst, der sich gegen die französischen Interessen kehren könnte?

Der Prozess war auf jeden Fall kontraproduktiv, weil es sich nicht um Justiz, sondern um blinde Rache handelte. Wir nennen dies im Mittelmeerraum eine "transversale Rache", wenn man eine bestimmte Person nicht angreifen kann und stattdessen einen ihrer Angehörigen attackiert. Frankreich suchte einen Schuldigen, und weil es ihn nicht fand, schnappte es sich einen korsischen Nationalisten, der ins Schema passt. Das ist nicht Justiz, sondern Terror. Den Nationalisten wird eingebläut, dass der französische Staat nicht zögert, einen Unschuldigen zu verurteilen. Wirklich kontraproduktiv wäre dies für Frankreich aber nur, wenn seine Führung an einer politischen Lösung für das korsische Problem interessiert wäre. Das ist nicht der Fall, man behandelt das Thema Korsika nur unter dem Blickwinkel der Repression.

Gibt es noch einen Dialog mit Paris?

Der einzige Dialog, der stattfindet, ist der unter den Korsen selbst. Lionel Jospin hat als Letzter aufrichtige Vorschläge gemacht.

Werden sich die korsischen Separatisten nun radikalisieren?

Wir äußern uns dazu nicht. "Corsica Libera" ist eine rechtlich anerkannte politische Bewegung mit gewählten Vertretern. Die Abgeordneten der Nationalisten repräsentieren in Korsika zusammen 36 Prozent der Wähler. Wir können also hoffen, bei den nächsten Wahlen auf legale Weise die Macht zu übernehmen, so wie die Nationalisten in Schottland.

Andere werden aber vielleicht gewaltsam reagieren?

Das weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass nicht nur der Fall Colonna für Unmut sorgt, sondern auch das seit zehn Jahren nicht eingelöste Versprechen, die korsischen Gefangenen in die Nähe ihrer Familien nach Korsika zu verlegen. Uns geht es darum, den französischen Staat dazu zu bringen, mit uns zu diskutieren, wir wollen keinen Bruch. Wir wollen eine umfassende politische Lösung, damit die Korsen in Korsika leben können.

Aber dennoch: Ist die Gewalt auf Korsika nicht ganz speziell ein Problem?

Nein! Die Gewalt ist nur die Konsequenz der Situation in Korsika. Die Gewalt kommt vom französischen Staat in Form eines Machtmissbrauchs. Frankreich hat alles getan, um unsere Wurzeln, Sprache und Kultur zu unterdrücken. Heute können die Korsen nicht mehr in Korsika leben, weil Wohneigentum wie auch die Mieten zu teuer sind. Und jene, die sich dieser Immobilienpolitik widersetzt haben, wurden systematisch kriminalisiert. Wir distanzieren uns nicht von den Korsen, die gegen diese Gewalt rebellieren.

Selbst wenn dies bis zur Ermordung eines Vertreters des französischen Staates geht?

Die nationale korsische Bewegung hat damals 1998 das Attentat als Tat verurteilt, ohne aber die Täter zu verurteilen. Das ist eine politische Stellungnahme.

Wie verhält sich der korsische Nationalismus zur Immigrationsfrage? Vor einiger Zeit war die Rede von rassistischer Gewalt …

Diese angeblichen rassistischen Zwischenfälle - das ist eine Erfindung gewisser Kreise, vor allem als Jean-Pierre Chevènement Innenminister war. Rassisten gibt es in Korsika nicht mehr als in Deutschland. Korsika hat immer Leute von anderswo aufgenommen und integriert. Der Antirassismus ist ein Teil unseres Engagements.

Es stimmt also nicht, dass es eine Fremdenfeindlichkeit der korsischen Separatisten gibt? Auch nicht gegen Touristen?

Wir wären völlig verrückt, wenn wir etwas gegen die Touristen hätten, da der Fremdenverkehr einen der wichtigsten Wirtschaftszweige Korsikas darstellt. Die Feriengäste aus Frankreich, Deutschland, Italien etc. wurden immer sehr freundlich empfangen. Heute ist dieser Tourismus aber schlecht organisiert. Und problematisch ist, wenn die Fremden mit enormen Budgets kommen, um Immobilien aufzukaufen. Das führt zu Reaktionen, denn in den letzten zehn Jahren sind die Bodenpreise um 2.000 Prozent gestiegen. Sie haben richtig gehört: 2.000 Prozent! Das hat schlicht zur Folge, dass viele Korsen in ihrem Dorf oder Quartier nichts mehr kaufen können und früher oder später nicht mehr bei sich zu Hause leben können. Diese Spekulanten sind nicht willkommen. Alle anderen nehmen wir mit offenen Armen auf.

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