Farin Urlaub über seinen neuen Bildband: "Ich bin nicht gelangweilt"

Am Samstag erscheint der neue Bildband von Farin Urlaub, Gründungsmitglied der Punkband Die Ärzte. Ein Gespräch über Punk, Langeweile und Paul McCartney.

Farin Urlaub liegt nicht gern am Strand, sondern meint es Ernst mit dem Reisen. Bild: dpa

taz: Farin Urlaub, Sind Punks und Hippies eigentlich noch Antipoden?

Farin Urlaub: Ach, ich bin ja selber kein Punk mehr, eher ein neureicher rumreisender Musiker mit Punkwurzeln. Mit Bäumeumarmen hab ich aber noch immer ein Problem.

1977, als Punk entstanden ist, sind Hippies noch nach Goa gefahren und Punks nach London.

Jetzt versteh ich die Frage von eben - und jetzt macht's ein alter Punk umgekehrt. Ich bin ja nicht nach Indien oder Australien gefahren, um mich selbst zu finden, sondern das Land. Und ich bin kein Punk geworden, weil ich den Nihilismus geteilt habe, sondern weil die Musik geil war. Heute kannst du dir unbemerkt ein Kaninchen auf den Kopf tackern und Hippies haben diese seltsame Ernsthaftigkeit in ihrer vermeintlichen Leichtigkeit. Das habe ich in den Achtzigern gemerkt, als ich noch regelmäßig Tramper mit durch Deutschland genommen habe. Da stellt sich mir die Frage nach dem Sinn und was man tut, um seinem Leben einen zu geben (zeigt auf den Bildband auf dem Tisch).

Es gibt allein in Deutschland ein paar tausend guter Fotografen, die bei aller Professionalität selten mal 300 Bildbände verkaufen. Der Amateurfotograf Farin Urlaub schafft locker das Zehnfache.

Ich betrachte die Welt nicht als Nullsummenspiel. Es gibt auch Leute, die besser als ich Gitarre spielen, aber weniger Erfolg damit haben. So fucking what? Ich finde den Denkansatz, nur Kompetenz verdiene Anerkennung, falsch, und glaube nicht, auch nur einer von denen hätte auch nur einen Bildband weniger verkauft, weil ich jetzt zufällig da mitspiele. Ich will, wenn möglich, die ganze Welt bereisen, und bei Bedarf auch fotografieren. Das macht mir keine Gewissensbisse.

47, bürgerlicher Name Jan Vetter, ist Rockmusiker und Mitglied der Punkband Die Ärzte. Der bekennende Pescetarier fotografiert seit 2004.

Und Ihr ökologischer Fußabdruck?

Der schon eher. Ich muss so viel Regenwald aufforsten, dass ich kaum zum Musizieren komme. Andererseits erlebe ich Leute, die die absurdesten Theorien über die Welt haben, aber nur Österreich, Deutschland und Schweden kennen. Das geht so nicht! Wer einen Sweatshop in Ostasien verstehen will, dem reicht keine Reportage, da bleiben zu viele Fragen offen. Vor Ort kann ich die Fragen gegebenenfalls selber stellen.

Als was sind Sie auf Reisen - als Fotograf, als Tourist, als Rockstar?

Als Rockstar jedenfalls nicht. Ich wurde immer mehr zum Fotografen, aber das Foto ist auch nur Mittel zum Zweck. Wenn ich unterwegs beschließe, ein Buch über die Reise zu machen, ändert sich mein Aktionsradius sofort.

Und dann sehen Sie die Welt fortan mit den Augen potenzieller Betrachter statt mit den eigenen?

Nee, so Fotograf bin ich noch nicht, aber mit der Zeit hab ich das Geschehen ohne Kamera gesehen und konnte trotzdem erfassen, wie es durchs Objektiv wirkt. Das kommt von ganz allein.

Was unterscheidet eine gelangweilte Hausfrau, die zum Ausgleich einen Makrameekurs belegt, vom Rockstar, der zum Ausgleich Bildbände macht.

Der Unterschied ist: Ich bin nicht gelangweilt. Außerdem muss ich niemandem was beweisen, dass ich noch was anderes kann als Gitarre spielen zum Beispiel. Geld brauch ich auch keines, zumal ich daran nichts verdiene. Mein gesamtes Honorar ging beim ersten Bildband an Ärzte ohne Grenzen, das sind echt Helden; diesmal spende ich es an eine Klinik auf Osttimor. Es klingt vielleicht pathetisch, aber ich hab schon so viel gesehen und darf so ein tolles Leben führen, dass ich nun ein bisschen zurückgeben möchte.

An wen genau denn, wer sind Ihre Kunden?

Wer in den Signierstunden eine Widmung wollte, war wohl Ärzte-Fan. Aber das waren 200. Aber unter den paar Mails an mich war eine ältere Dame, die meinte: Ich hab mir mal Ihre Musik angehört, die ist ja furchtbar, aber die Fotos gefallen mir gut (lacht sein Farin-Urlaub-Ganzgesichts-Lachen). Wenn Paul McCartney, den ich sehr verehre, einen Roman geschrieben hat, guck ich mir das vielleicht mal an, aber kauf ihn nicht notwendigerweise - außer natürlich, er wäre wirklich gut. So weit geht die Liebe nicht. Und wenn alle Ärzte-Fans jetzt einen Bildband von mir hätten, hätte er nicht zwei, sondern zweihundert Auflagen.

Gibt es denn jetzt durchs Buch neue Punkfans?

Das wohl weniger, aber mein Bekanntheitsgrad hat sich natürlich in Bereiche erweitert, wo Punkrock bislang womöglich nicht so verbreitet war.

Mittlerweile erscheinen immerhin mehr Bildbände als Ärzte-Alben.

(lacht) 2007 war das letzte, zeitgleich mit dem Buch. Dann müsste dieses Jahr also wieder … Stimmt, Mist. Die Musik ist in Verzug.

Ist das bereits ein Schwerpunktwechsel?

Also in zehn Jahren sehe ich mich garantiert nicht mehr auf der Bühne. Aber hinterm Fotoapparat kann man so alt aussehen, wie man will, und muss auch nicht witzig sein, sondern bloß abdrücken. Von daher hat die Fotografie eine langfristigere Perspektive für mich, genau wie das Reisen.

Sind Sie mehr unterwegs als zu Hause?

Definitiv, schon immer. Ich reise, seit ich 9 bin, seit ich 16 bin, auch allein, und seit ich volljährig bin, war ich stets mehr unterwegs als an einem Punkt. Im Moment ist es so, dass ich nur in Jahren mit Ärzte-Touren musikalisch mehr unterwegs bin als fotografisch. Ich lebe in Berlin, zahle meine Steuern in Deutschland, bin aber von Natur aus nicht sesshaft. Ein großer Teil von mir will immer weg. Immer. Wenn ich in Afrika bin, will ich gleichzeitig irgendwie auch nach Asien und umgekehrt. Dadurch bin ich heimwehfrei und auch nicht durch ständige Hotelwechsel genervt.

Haben Sie dennoch eine häusliche Seite?

Auf jeden Fall, das ist aber weniger eine Immobilie als ein Bewusstseinszustand, dort, wo ich meine Sachen aufnehmen kann zum Beispiel. Das bezieht sich eher auf ein Zimmer mit Gitarre und Mikro, weniger auf ein Sofa oder die Hollywoodschaukel. Mein Heimatbegriff ist weniger lokal als menschlich. Zurzeit trifft er auf Berlin zu. Aber auch nur bis zum nächsten Jahr.

Haben Sie das Zeug zum Aussteiger?

Um das herauszufinden, war ich unter anderem ein ganzes Jahr unterwegs - und habe dann gemerkt: Nein, ich will meine Freunde wiedersehen, ich will zurück. Ich hab das Jahr dann trotzdem durchgezogen, auch wenn der Bauch nach zwei Dritteln zurückwollte. Als ich dann drei Wochen nach meiner Rückkehr mit dem Racing Team …

Ihrer Zweit-Band …

… unterwegs war, wollte ich aber danach gleich wieder los. Eine einsame Insel würde mich erschrecken; mich reizt das Unterwegssein, weil ich nicht so in mir ruhe, dass mir ein Blick in die Ebene reicht, um glücklich zu sein.

Welche weißen Flecken gibt's noch auf Ihrer Landkarte?

Viele. Alle -stans, also große Teile der ehemaligen UdSSR. Zentralafrika, die Südsee, überhaupt: Inseln. Und beide Pole.

Immer mit Fotoperspektive?

Nein. Eine Kamera hab ich jetzt nicht immer dabei, aber ob ich mal wieder was in dieser Richtung mache, hängt auch wieder vom Erfolg des zweiten Bildbandes ab.

Deswegen steht auch Farin Urlaub, nicht Jan Vetter drauf.

Nein, sondern weil "Urlaub" andeutet, dass es hier jemand ernst meint mit dem Reisen.

Werden Sie Deutschland irgendwann ganz verlassen?

Ich fühle mich zwar ganz wohl hier, aber als Perspektive ist das denkbar. Deutschland schockt mich zwar selten, aber es überrascht mich noch seltener.

INTERVIEW: JAN FREITAG

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