Türkischer Europascout im Interview: "Diese Jungs sind immer im Zwiespalt"

Vor dem Länderspiel gegen die Türkei spricht Erdal Keser über Fußball und sein professionelles Abwerbungsgeschäft in Deutschland.

Viele in Deutschland geborene Spieler tragen das Trikot der Türkei. Bild: dapd

taz: Herr Keser, Sie kamen mit 10 Jahren nach Deutschland. Wie war es, als Ausländer in dieses Land zu kommen?

Erdal Keser: Ich gehöre zur zweiten Generation, mein Vater hat die Familie nachgeholt. Ich habe kein Wort Deutsch gesprochen, als ich ankam. Aber nach den ersten sechs Monaten konnte ich mich ausdrücken, weil ich die Sprache sprechen musste. Damals gab es noch nicht an jeder Ecke Landsleute. Das hatte für mich den Vorteil, dass ich umso schneller Deutsch lernen musste.

Welche Rolle hat der Fußball bei Ihrer Integration gespielt?

Ich war immer mit den Jungs vom SSV Hagen unterwegs und hatte meinen Anteil am Erfolg. Dadurch wurde ich schnell in die Gemeinschaft aufgenommen. Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn ich fußballerisch nicht so sehr begabt gewesen wäre.

Haben Sie sich als Exot gefühlt?

Es gab vor mir einige Türken in der Bundesliga, aber es waren nicht besonders viele. Damals durfte man ja ohnehin maximal nur zwei Ausländer in der Mannschaft haben. Daher war es schon etwas Besonderes, überhaupt in der Bundesliga zu landen. Weil Fremde so selten waren, waren automatisch die Augen auf uns gerichtet.

Was meinen Sie?

Bei Auswärtsspielen hat noch das ganze Stadion "Ausländer raus!" gerufen. Das war ganz normal, niemand hat sich daran gestört. Und umso mehr hat man sich natürlich auch als Ausländer gefühlt.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Erdal Keser (50) absolvierte zwischen 1980 und 1987 insgesamt 106 Bundesligaspiele (27 Tore) für Borussia Dortmund, unterbrochen von einer Station bei Galatasaray Istanbul (1984-1986). Es folgte ein Engagement beim Sariyer Genclik Külübü (1987-1989), ehe er zu Galatasaray zurückkehrte, wo er 1995 seine Karriere beendete. Heute ist er Europakoordinator des türkischen Fußballverbandes und lebt mit seiner Familie in Hagen.

Diese Rufe haben mich nur motiviert. Wenn ich auswärts getroffen habe, bin ich danach in die gegnerische Kurve gelaufen und habe Handküsschen verteilt.

Wie war es bei den eigenen Fans?

Ich war schon beliebt, weil ich auch Spiele entscheiden konnte. Aber ich wurde immer mit einem anderen Maßstab beurteilt. Ich musste besser sein als die Deutschen. Wenn ich durchschnittlich gespielt hatte, war ich schlecht.

Was war es für ein Gefühl, wenn sich die BVB-Fans gegnerischen Spielern gegenüber rassistisch geäußert haben?

Wenn ich am Ball war, war Ruhe. Aber bei den anderen wurden Ausdrücke benutzt, die man heutzutage gar nicht mehr verwenden kann. Das war nicht angenehm, zum Glück hat sich das geändert. Heutzutage kennt man das fast gar nicht mehr.

Hat sich für Sie später jemals die Frage gestellt, für welche Nationalmannschaft Sie auflaufen wollen würden?

Theoretisch hätte ich auch den deutschen Ausweis bekommen können. Aber zu meiner Zeit war das noch kein Thema. Ich bin in der Türkei geboren, das ist mein Vaterland. In Deutschland habe ich mich als Gast gefühlt.

Mittlerweile sind Sie als Europa-Koordinator des türkischen Fußballverbandes tätig …

Es geht darum, Talente zu sichten, die wir den Nationalmannschaften zuführen. Dabei geht es nicht nur um Deutschland. Wir haben auch viele Landsleute in Österreich, in der Schweiz, in Holland, England, Belgien und Schweden, die von unseren Scouts gesichtet werden. Den Talenten, die gerne für ihr Vaterland spielen würden, ebnen wir den Weg.

Der Disput: Der Deutsche Fußball-Bund, der zumeist die Ausbildung der jungen, in Deutschland lebenden Talente mit türkischen Wurzeln übernimmt, kämpft mit dem türkischen Verband um die begabten Kicker, die sich erst mit einem Einsatz in der A-Nationalmannschaft "festgespielt" haben und dann nicht mehr wechseln können. "Die Türken sind da sehr aktiv, das spürt man", sagt Oliver Bierhoff, Manager des Nationalteams, nicht ohne Argwohn.

Die Umworbenen: Zuletzt gings um Ömer Toprak, 22, Verteidiger bei Bayer Leverkusen, der 2008 im DFB-Dress U19-Europameister wurde. Er hat sich nun für die türkische Nationalelf entschieden. Anders Ilkay Gündogan (Borussia Dortmund), der im Kader fürs Länderspiel der Deutschen am Dienstag gegen Belgien steht. Im aktuellen türkischen Aufgebot stehen 6 Spieler, die auch für den DFB hätten auflaufen können: Mehmet Ekici (Werder), Gökhan Töre (HSV), Hamit Altintop (Real Madrid), Tunay Torun (Hertha), Toprak und Hakan Balta (Galat. Istanbul). Anders Mesut Özil, Leistungsträger der deutschen Elf. (taz)

Wie sieht Ihre Tätigkeit konkret aus?

Ich sichte Spiele in ganz Europa, studiere Spielanalysen und sichte die Formgrafiken der Spieler. Das fängt bei den 13-Jährigen an und geht bis zur A-Nationalmannschaft.

Schmerzt es Sie, dass bei der U17-WM ein Drittel der deutschen Nationalmannschaft türkischstämmig war?

Jeder Spieler trifft seine eigene Entscheidung, und die muss man respektieren. Einige von den Jungs haben mir aber gesagt: "Wir sind ja nie gefragt worden, sonst hätten wir auch für die Türkei gespielt." Um diese Aussagen künftig zu vermeiden, sprechen wir die Spieler wieder an. Wir wollen ihnen vermitteln, dass unsere Tür offen steht.

Wird es mittlerweile schwieriger, Spieler für die türkische Nationalmannschaft zu begeistern?

Natürlich, wir reden von der dritten, fast schon vierten Generation von Einwanderern. Diese Jungs sind immer im Zwiespalt, wohin sie sollen. Die Familie spricht auch noch gerne mit, das ist nicht leicht. Aber wenn mir einer sagt: "Ich fühle mich hier wohl und will für Deutschland spielen", dann akzeptiere ich das und freue mich, wenn er ein guter Fußballer wird. Der Beste wird sich in beiden Nationalteams durchsetzen. Er soll sich einfach für das Land entscheiden, für das sein Herz schlägt.

Gibt es eine Tendenz, dass sich die jüngeren Spieler eher für Deutschland entscheiden?

Wenn man das mit meiner aktiven Zeit vergleicht, ist das mit Sicherheit so. Weil aus dem deutschen Jugendlager nicht mehr so viel nachkommt, hat der DFB den richtigen Weg eingeschlagen und ist in die Internationalisierung gegangen. Das betrifft nicht nur türkischstämmige Jungs, sondern auch sehr viele Serben, Kroaten, Ghanaer und andere Nationalitäten. Diese neue Generation fühlt sich hier wohl und identifiziert sich mit Deutschland, daher ist das doch in Ordnung.

Der DFB ist nicht gerade begeistert davon, dass Talente von Ihnen abgeworben werden.

Es wird ja niemand abgeworben. Ich sag das mal ganz offen: Der DFB hat es ebenso wie der englische oder der österreichische Fußballverband zu akzeptieren, wie sich die Spieler entscheiden. Matthias Sammer ist mal ein bisschen persönlich geworden, aber ich sehe die Sache sehr nüchtern: Die Entscheidung steht jedem Spieler frei. Jeder Verband hat das Recht, die Spieler zu fragen. Der DFB sieht das wohl anders.

Was meinen Sie?

Es kam auch schon vor, dass Jungs vom DFB zu Sichtungslehrgängen eingeladen werden, obwohl wir sie schon vorher nominiert hatten. Das akzeptieren wir ja auch.

Sind Sie bei einem Spieler besonders stolz, dass Sie ihn für die Türkei gewinnen konnten?

Da gibt es schon einige. Aber ich möchte niemanden hervorheben, schließlich sind alle wertvolle Spieler.

Wo würde die deutsche Nationalmannschaft stehen, wenn man nicht die Spieler mit Migrationshintergrund dabei haben würde?

Die U17 wäre sicher nicht bis zur WM gekommen. Und auch bei der A-Nationalmannschaft hat schon fast die Hälfte ausländische Wurzeln. Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Anteil in den nächsten Jahren auf 70 Prozent steigt.

Sie haben Ihr halbes Leben in Hagen verbracht. Fühlen Sie sich immer noch als hundertprozentiger Türke?

Mittlerweile war ich zeitlich genau eine Hälfte in Deutschland, die andere in der Türkei. Hälfte, Hälfte - so fühle ich mich auch.

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