11. Biennale von Lyon : Die Kapitulation der Vögel

Das ganze Kunsttheater niederzureißen, das versucht ein nackter Mann auf der 11. Biennale von Lyon. Doch dazu besteht kein Anlass. Denn es gibt dort viel zu entdecken.

Laura Limas Performance "Puxador" bei der Eröffnung der 11. Biennale in Lyon. Bild: reuters/Robert Pratta

LYON taz | Von Bodyguards keine Spur. Anlass, einen Schritt näher zu treten und noch einmal genauer hinzuschauen, war allein die extreme Eleganz der älteren Dame. Sie entpuppte sich als Niederlands Königin Beatrix. In Begleitung von Kronprinz Willem Alexander und Prinzessin Máxima machte sie ihren Rundgang durch die 11. Ausgabe der Kunstbiennale von Lyon. Am Ende erschien die kleine Gruppe, die inmitten der Journalisten gar nicht weiter auffiel, als symptomatisch für das - trotz auffällig vieler Großformate - unprätentiöse Gesamtbild der Ausstellung.

Der paradox-deplatzierte Park etwa des argentinischen Künstlers Jorge Macchis auf einer Industriebrache in Vaulx-en-Velin, einem Vorort von Lyon, ist eine dieser monumentalen Arbeiten. Die zentralperspektivische Allee mit Rasen, Blumenkübeln und falschen Marmorstatuen zitiert Alain Renais Film "L'année dernière à Marienbad".

Allerdings warfen nicht nur die Besucher, sondern auch die Buchsbäumchen und Skulpturen Schatten. Deren schattenloser Existenz verdankt sich bei Resnais aber die unwirkliche Atmosphäre der Szene, die im Park von Schloss Schleißheim gedreht wurde. Für das surreale Moment sorgt jetzt in Lyon die uniforme Satellitenstadt-Architektur, die die Brache um die ehemalige Textilfabrik T.A.S.E., einen der vier Biennale-Standorte, umgibt.

Gackerten Laura Limas glamouröse Hühner im Inneren der Fabrik womöglich gegen diese Jacques-Tati-Welt an? Das Rendezvous mit der niederländischen Königsfamilie jedenfalls nahm das Hühnervolk gelassen hin, so prächtig hergerichtet es mit seinen zusätzlichen, exotisch-buntgefärbten Federn war.

Zugegeben, so hätte man sich die Umsetzung des Biennale-Mottos "A Terrible Beauty is Born" nicht unbedingt vorgestellt. Viktoria Noorthoorn, die Leiterin der 11. Kunstbiennale, hat es dem Gedicht "Easter" entnommen, das William Butler Yeats in Gedenken an den irischen Osteraufstand von 1916 verfasste.

Die junge argentinische Kuratorin verzichtet allerdings auf jeden konkreten Bezug zur Politik. Stattdessen fragt sie, ob jeder Schrecken nicht auch Schönheit und jede Schönheit Schrecken in sich birgt. Da scheint Limas biologisch-organische Installation dem Motto doch auf vertrackte Weise gerecht zu werden. Denn sie ist an wissenschaftliche Versuchsanordnungen angelehnt, in denen das Sozialverhalten von Vögeln durch Federverlängerung massiv verändert wurde.

Schönheit manipuliert

Nicht, dass wir durch Schönheit nicht ebenso leicht zu manipulieren wären. Hier am Ende der Biennale-Stationen erinnert man sich plötzlich wieder an das Gefühl der eigenen Großartigkeit, das einem Ulla von Brandenburg gleich beim Betreten der Biennale-Bühne vermittelte. Am zentralen Ausstellungsort nämlich, den abgedunkelten Hallen einer ehemaligen Zuckerfabrik am Ufer der Saône, hat die in Paris lebende deutsche Künstlerin farbenprächtige Theatervorhänge gleich mehrfach hintereinandergestaffelt und bereitet so den Besuchern einen großartigen Empfang.

Gut, die Aussage des zur Seite gerafften, schweren Tuchs hat sich mit dem Eintreten auch schon erschöpft. Aber es wurden uns schon sehr prachtvolle Federn aufgesetzt, bevor wir dann gegen eine schwarze Wand stoßen; eine hohe Rotunde, die ihr Geheimnis erst beim Blick von oben aus dem zweiten Stockwerk der Sucrière preisgibt.

Man könnte Ulla von Brandenburg wie Robert Kusmirowski, dessen "Stronghold" uns den Weg verstellt, unter die Ausstatter des Kunstbetriebs zählen. Kusmirowski hat im Innern seines monumentalen Zylinders eine enorme, halb zerstörte Bibliothek installiert, Regale sind eingestürzt, Bücher liegen am Boden, und zwischendrin steht ein Ofen, in dem die Folianten verbrannt werden. Der aufsteigende Rauch hüllt das Szenario in mysteriösen Nebel: ein düsteres, mit der Last der Geschichte beladenes, anspielungsreiches Bühnenbild.

Glücklicherweise ist es von einer solch Staunen erregenden, akribischen Perfektion, dass es den Status der Kulisse hinter sich lässt und das Motto "A Terrible Beauty is Born" - dieses Mal ganz umstandslos - in ein großartiges Bild transformiert.

Nicht immer gelingt diese Transformation. Ins Kleinteilige allerdings rutscht sie nie. Auch dort nicht, wo die Kuratorin auf die Zeichnung (Marlene Dumas, Alberto Giacometti) statt auf die große Leinwand und Video setzt, auf das konkrete Gedicht (Augusto de Campos) an der Wand statt auf die vielstimmige Soundinstallation.

Der Schrecken und der Müll

Eher endet das Motto im Bombast wie bei Diego Bianchi am zweiten Ausstellungsort, dem Musée dart contemporain (MAC). Bianchi hat seinen schwarzen Raum mit dysfunktionalen Gerätschaften wenigstens ebenso vollgemüllt wie Daniela Thomas den Bühnenboden für Samuel Becketts "Breath" in der Sucrière: Dreimal ertönt schrill die Hupe, bevor das Licht kurz die müllbedeckte Bühne sichtbar macht, der grelle Schrei einer Frauenstimme erfolgt, worauf man langsames Aus- und Einatmen hört. Alle 20 Minuten wird das 35 Sekunden kurze Stück wiederholt.

Unweit davon versucht ein nackter Mann, den Laura Lima in ein Geschirr aus langen schwarzen Gummibändern gesteckt hat, mit den Säulen auch das ganze Kunsttheater niederzureißen. Doch dazu besteht kein Anlass. Auch wenn ein paar Schritte weiter Eduardo Basualdos Brunnen Blut zu spucken scheint. Denn der schweren, wuchtigen Theatralik solcher Exponate stehen punktgenau reduzierte Installationen und sachliche Hängungen gegenüber.

So lässt etwa Ernesto Ballesteros dort, wo der 73-jährige Slowake Stano Filko monumentale Mongolfièren im Raum platziert hat, libellenzarte Leichtflugzeuge in die Luft steigen. Und der Belgier Michel Hiusmans treibt mit dem Motto seinen Scherz, indem er eine Wand mit 75 selbst gebastelten kleinen Vögelchen bestückt, die alle die weiße Fahne hochhalten: "Surrending Birds".

Ja, was Viktoria Noorthoorns übergreifendes Konzept angeht, möchte man schon zur weißen Fahne der Kapitulation greifen. Denn einerseits scheint es so rigoros ausformuliert, dass es im Museum für zeitgenössische Kunst gar eine strikte Besucherführung erzwingt: von unten nach ganz oben, um dann erst, in absteigender Richtung, Zugang zu den Ausstellungsräumen zu erhalten.

Scharze Wollfäden

Andererseits wuchert es in den diffusen Statements des Kurzführers durch die Abteilungen der Theorie, der poetischen Beschreibung und der persönlichen Absichtserklärung, so wie die endlosen schwarzen Wollfäden von Cildo Meireles Hexenbesen durch die Etagen des MAC mäandern. Beide Male verheddert man sich gewaltig.

Auch der Katalog schafft keine Abhilfe. Er ist gewiss eine schrecklich schöne Geburt, ein schwarz-weißer Triumph des Buchdesigns, dessen Texte einen überallhin führen, freilich nur selten zu den Kunstwerken der 78 Künstler aus 25 Ländern - darunter zahlreiche aus Südamerika und Afrika, die in Europa kaum bekannt sind -, die Viktoria Noorthoorn ja durchaus sinnfällig ausgesucht und inszeniert hat - wie etwa die überschaubaren, weniger performativ als diskursiv angelegten Videoarbeiten.

Aurélien Froments "La tectonique des plaques" ist beispielsweise eine kleine, feine Metaerzählungen des Kunstgenusses und zeigt ein Paar, das durch den Wald spaziert, als bewege es sich durch ein Kunstmuseum.

Christoph Kellers "Retrograd" wiederum kompiliert Lehrfilme der Berliner Charité, begleitet von Stellungnahmen des wissenschaftlichen Personals zu deren Sinn, Zweck und Ästhetik. Nichts spricht wohl mehr für die unhintergehbare Ambivalenz visueller Erfahrung als die Tatsache, dass ausgerechnet Mediziner auf einem Ärztekongress bei der Vorführung einer mit großer Sorgfalt gefilmten Amputation in schallendes Gelächter ausbrachen, wie die wissenschaftliche Mitarbeiterin sich noch heute empört.

In dieser Anekdote findet sich nun wirklich die Quintessenz von "A Terrible Beauty is Born". Es wunderte, unterlägen die Freunde der Kunst, die Kritiker, Kuratoren und Künstler selbst nicht auch der Mehrdeutigkeit der ästhetischen Erfahrung.

Bis 31. Dezember 2011, 11. Biennale de Lyon, Kurzführer gratis. Katalog 30,- EUR

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de