Arabische Frühlingsklänge: "Syrien geht's gut"

Das Assad-Regime setzt regimetreue Popmusik ein, um die Jugend bei der Stange zu halten. Zu hören gibt's HipHop und Metal - eigentlich der Sound der Subversion.

Die syrische Deathmetal-Band Eclipse. Bild: promo

Seit der tunesische Rapper El General mit seinem Track "Rayis li Blad" die Hymne für den Arabischen Frühling lieferte, gilt HipHop als das politische Medium, in dem sich die junge Generation Tunesiens, Ägyptens und anderer arabischer Länder ausdrückt. Unzählige Rap-Crews haben sich formiert, Unmengen Musikvideos mit aufrührerischen Texten zirkulieren im Netz.

Metal gilt zwar als weniger politisch, hat aber gerade in konservativen autoritären Regimes wie Ägypten unter Mubarak und Syrien unter Assad eine besonders subversive Funktion.

Gerade in den vergangenen zehn Jahren fanden seitens der Regierungen vieler arabischer Staaten wie beispielsweise Ägypten, Marokko oder Jordanien regelrechte Kampagnen gegen dort lebende Metalheads statt, Fans und Musiker wurden verhaftet, und es wurde gezielt propagandistische Hetze gegen die "Teufelsmusik" betrieben.

Nicht anders war die Situation in Syrien. Doch nun, da das Regime ernsthaft bedroht zu sein scheint, geschieht eine merkwürdige Kehrtwende in der syrischen Politik: Die Regierung benutzt Rap und Metal, um sich selbst in ein positives Licht zu rücken.

Im konterrevolutionären Raptrack "Ded Al Balad" (Gegen das Land) beschwört ein Rapper namens Murder Eyez im "Be positive"-T-Shirt die syrische Einheit. "Ich bin Syrer (…) mein Motto ist die Einheit". Und weiter: "Du beschwerst dich über Korruption, beende erst mal dein eigenes Betrügen." Murder Eyez warnt vor fremden Mächten, die einen zunächst täuschen, dann zerstören. Ein international gesteuerter Medienkrieg wird heraufbeschworen.

Das Regime will die junge Generation einbinden

In Aleppo wurde im Zuge der Propagandakampagne "Syria bi-Khayr" (Syrien gehts gut) ein Metal-Konzert veranstaltet, das implizieren sollte, die Aufständischen seien bereits geschlagen und die regimetreuen Kräfte wären wieder im Aufwind. Sechs Bands nahmen daran teil, darunter auch die Deathmetal-Band Eclipse.

Wie es scheint, verfolgt das Regime die Strategie, die junge gebildete Mittelschicht mit Musik an sich zu binden, ihr die Illusion von mehr Freiraum zu geben, indem sie sich ihrer Sprache und Kultur bedient. Denn genau diese junge Generation bildet die potenzielle intellektuelle Basis eines möglichen Umsturzes.

Integrieren statt diffamieren? In einem Musikvideo zu der Fernsehserie "al-Khatt al-Ahmar" (Die rote Linie) aus dem Jahre 2008 singen Menschen aller Gesellschaftsschichten vereint zu den Gitarrenriffs einer Metal-Band auf dem Damaszener Hausberg Quasiyun den "Aufschrei" gegen das Übel dieser Welt. Wie das Video impliziert, soll das vor allem in den USA und Israel liegen.

Das ist nur ein Beispiel, wie die syrische Bevölkerung jahrzehntelang mit den wildesten Verschwörungstheorien gefüttert wurde und Präsident Baschar al-Assad als starker Mann und Beschützer des arabischen Volks dargestellt wurde. Vor allem seit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes haben sich Ober- und Mittelschicht, städtische Händler und Bildungsbürger mit der Situation arrangiert. Angst vor einem Zerfall des multiethnischen und multikonfessionellen Landes wurde und wird propagandistisch seitens des Regimes aufrecht erhalten.

Fingerzeig auf den Konflikt im Nachbarland Irak

"Schaut, was im Irak passiert ist!" heißt es mit Fingerzeig auf den blutigen Konflikt im Nachbarland. Auch im Irak treibt die Musikszene merkwürdige Blüten. In einem Land, das von religiöser und ethnischer Zugehörigkeit geprägt ist, wuchs ein zartes Pflänzchen namens Janaza. Ein explizit antiislamisches Ein-Frau Blackmetal-Projekt. Die Musikerin, die aus nachvollziehbaren Gründen ihre wahre Identität verbirgt, produziert Songs wie "Islamic Lies" oder "Burn The Pages Of Quran". Wie künstlerisch wertvoll ihre Arbeit ist, darüber lässt sich trefflich streiten - mit ihrem kontroversen Konzept beweist sie jedoch allemal mehr Mut als die meisten ihrer männlichen syrischen Musikerkollegen.

Ähnliche Tabubrüche würden in Syrien bedeuten, das Regime direkt zu kritisieren. Aber: "Syrien gehts gut".

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