Studie zu Deregulierung bei Partnerwahl

Liebeskummer soll sich lohnen

In "Warum Liebe weh tut" zeigt die Soziologin Eva Illouz, dass auch die Liebe ökonomischen Prinzipien unterworfen ist. Sie bricht eine Lanze für die Leidenschaft.

Die Ironie von "Sex and the City" wird laut Eva Illouz zur vorherrschenden Form, über Liebe zu reden.

Die Liebe ist nicht die Liebe ist nicht die Liebe. Dass Begehrensstrukturen und die Auffassungen von Liebe sich historisch wandeln, ist keine neue Einsicht. Einleuchtend ist auch, dass nicht nur die Liebeskonzepte, sondern auch die dazugehörigen Gefühle wesentlich durch den gesellschaftlichen Rahmen geprägt sind, in dem sie gelebt werden.

In "Warum Liebe weh tut" unternimmt Eva Illouz den anspruchsvollen Versuch, mit soziologischen Mitteln zu erklären, warum unser Liebeskummer nicht mehr der des 19. Jahrhunderts ist. Das Projekt ist dezidiert gegen Psychologisierung und Therapeutisierung gerichtet. Der Kummer, den die Liebe bereitet, sei kein persönliches Versagen, meint Illouz, sondern klar durch gesellschaftlich geregelte Bindungsformen geprägt.

Die Hauptthese ihres Buches ist, dass sich im Übergang zur Moderne etwas qualitativ vollkommen Neues mit dem Liebeskummer zugetragen habe. In Anlehnung an den Ökonomen Karl Polanyi spricht Illouz von einer "great transformation" der Gefühle, die darin bestand, "dass die individuelle Liebeswahl aus dem moralischen und sozialen Gewebe der Gruppe herausgelöst wurde und selbstregulierende Kontaktmärkte entstanden".

Der wesentliche Mechanismus der Transformation heißt "Deregulierung". Während bis ins 19. Jahrhundert hinein die Kriterien für die Partnerwahl relativ klar in ein Korsett aus Anstand, Moral und sozialem Status eingebunden waren, sind sie jetzt freigesetzt. Die Bedingungen der Partnerwahl - Illouz spricht von der "Ökologie und der Architektur der romantischen Wahl" - haben sich grundsätzlich verschoben.

Transformation der Gefühle

In fünf großen Kapiteln zeigt Illouz, wie diese Transformation vor sich geht und was sie mit dem Gefühl der romantischen Liebe anstellt. Die Liebeskandidaten treffen sich nun auf "sexuellen Feldern", in denen der Wert, aber auch die Währung dessen, was eine gute Partie ausmacht, immer neu ausgehandelt wird. Aussehen und Sexiness werden zu relevanten Entscheidungskriterien.

Gleichzeitig erweitern sich die Wahlmöglichkeiten bis ins beinahe Unendliche, weswegen die "Suche" nach dem oder der absolut Richtigen zu einem zentralen Lebensmotiv mutiert. Die so genannten "Maximiser" hören gar nicht mehr damit auf, immer noch nach etwas Besserem zu fahnden.

Liebe sei unter den modernen Bedingungen einerseits emotional stark aufgeladen, andererseits aber unterliege sie der allgemeinen Rationalisierungs- und Entzauberung durch den Diskurs der Naturwissenschaft, der Psychologie und auch des Feminismus, konstatiert Illouz. In einem schönen Kapitel beschreibt sie, wie Ironie nach dem Muster von "Sex and the City" zur vorherrschenden Form wird, über die Liebe zu reden.

Die Crux an der "großen Transformation" ist, dass die Liebeswahl, so gefühlsbetont sie auch daherkommt, im Grunde den ökonomischen Prinzipien von Konkurrenz, Knappheit, Angebot und Nachfrage unterliegt. Ein für Illouz wichtiger Punkt ist, herauszuarbeiten, dass dies zu einer neuen Ungleichheit der Geschlechter führe. Wo die Individuen nicht mehr sicher in eine gesellschaftliche Rangordnung eingebunden sind, wird die Liebe auch viel bedeutender für das Selbstwertgefühl und die soziale Anerkennung.

Aufgrund von Interviews, Gesprächen und Auswertungen von Literatur kommt Illouz zu dem Schluss, dass Männer und Frauen unterschiedliche Strategien verfolgen, um Statusgewinn über Liebe zu erzielen. Während nämlich Männer eher auf serielle Sexualität setzen, um sich aufzuwerten, finden Frauen ihre Anerkennung durch emotionale Exklusivität.

Kurz gesagt: Frauen möchten sich binden, Männer agieren mit Bindungsangst. Sie tun dies nicht aufgrund einer biologischen, neurologischen oder psychischen Grundstruktur, sondern weil es der gegenwärtigen gesellschaftlichen Logik entspricht, meint Illouz. Doch in dieser Missachtung der weiblichen Bindungssehnsucht übten sie "emotionale Herrschaft" über Frauen aus.

Groß angelegte Thesen bestätigen oft nur Klischees

"Warum Liebe weh tut" öffnet ein ganzes Universum, es beeindruckt mit der großen Belesenheit der Autorin, einer Fülle an Material, an Ideen und Zugängen. Man liest das Buch mit Gewinn. Und doch bleibt ein ungutes, etwas klebriges Gefühl. Der Vergleich mit dem Liebesethos des 19. Jahrhunderts ist zwar erhellend, es bleibt aber die Frage, ob man klassische Romanliteratur - wie Illouz es tut - mit den gegenwärtigen Selbstoffenbarungen in Blogs, Kolumnen, Internetforen und Liebesratgebern auf eine Ebene stellen kann. Wie aussagefähig kann solch eine Konfrontation sein?

Zudem sind Illouz' Thesen so groß angelegt, dass sie in mancher Hinsicht Gefahr laufen, nur Klischees zu bestätigen. Das gilt auch für die Aussagen zur Bindungsfähigkeit von Männern und Frauen. Es ist wie verhext mit der Verwendung von Geschlechterkategorien: Sobald man den empirisch vorhandenen Geschlechterbinarismus auch als Analysekategorie verwendet, kommen notwendig die nervtötend immer gleichen Weisheiten heraus.

Illouz will mehr, doch sie müsste kühler sein. Wider Willen begibt sie sich in manchen Passagen auf das Niveau der bekannten Sachbücher zu Mars und Venus, da hilft auch der Verweis auf die gesellschaftliche Bedingtheit der Verhältnisse nicht.

Sympathisch und richtig ist trotzdem, dass das Buch zum Schluss eine Lanze für die leidenschaftliche Liebe bricht und für mehr Verantwortlichkeit im Raum des Begehrens. Liebe dürfe ruhig weh tun, findet Illouz, solange man es nur ernst mit ihr meine. Die freien Märkte müssen eingehegt werden, Deregulierung braucht Grenzen. Die Ethik soll die Liebe retten.

Eva Illouz: „Warum Liebe weh tut“. Aus dem Englischen von Michael Adrian. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 467 Seiten, 24,90 Euro

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