Geschasster V-Mann kämpft um Anerkennung: Der Mann, der zu viel wusste

Er wusste vom VW-Skandal, Jahre bevor er aufflog, er war den Hells Angels in Hannover auf der Spur - dann wurde Bernd Kirchner als V-Mann kaltgestellt. Seitdem kämpft er um sein Geld. Und um seine Ehre.

Hier arbeitete Kirchner undercover: Steintorviertel in Hannover. Bild: Daniel Wiese

HANNOVER taz | Er steht auf dem Provinzbahnhof, als Begrüßungskomitee in eigener Sache, und obwohl es zugig ist, trägt er nur ein dünnes weißes Hemd. Wenn man genau hinschaut, erkennt man auf der Brust den Schriftzug "Boss". Seine schwarzen Lederschuhe haben goldene Schnallen.

"Hab ich von einem Nachbarn geliehen", brummt Bernd Kirchner, 60, und quetscht seinen Körper in den Kleinwagen, der vor dem Bahnhof parkt. Es geht an Wäldern vorbei und an einer Müllverbrennungsanlage, Kirchner fährt schnell. Früher habe er sich alle zwei Jahre einen neuen Mercedes 500 geholt, sagt er, "immer die lange Version".

Heute hat Kirchner kein Auto mehr, und er hat einen neuen Namen bekommen, damit er untertauchen kann. Post an Bernd Kirchner landet beim Polizeipräsidium Hannover, Waterloostraße 9. Für die Polizei hat Kirchner gearbeitet, als verdeckte "Vertrauensperson". Heute denkt er, dass das ein Fehler war.

Bernd Kirchner war der erste V-Mann in Niedersachsen, der auf organisierte Kriminalität angesetzt wurde. Er berichtete aus der Hannoverschen Rotlichtszene, dank seiner Kontakte wusste er von der Sexparty-Affäre bei VW, lange bevor der Skandal aufflog.

Er machte Schießübungen mit den Hells Angels, er sah die Geldkassette, aus der sie ihre Scheine nahmen. "Niemand war näher an den Hells Angels dran als er", sagt einer aus dem Polizeiapparat, der lieber ungenannt bleiben möchte.

Als Frank Hanebuth, der Hells Angels-Chef von Hannover, 2001 vor Gericht erscheinen musste, wusste Kirchner schon vorher, was Hanebuth sagen würde. "Ich hab der Polizei mitgeteilt, wo seine Kuriere das Geld abholen, wie die Frauen nach Deutschland kamen, wo ihre gefälschten Papiere gemacht worden sind", sagt Kirchner.

Das Steintorviertel ist Hannovers Ausgeh- und Rotlichtbezirk.

Kontrolliert wird es von der Sicherheitsfirma "Bodyguard Security", die den Hells Angels gehört.

Am 11. November wurde der Chef der niedersächsischen Bereitschaftspolizei, Christian Grahl, zwangsversetzt, weil er seinen Geburtstag in der Hells Angels-Kneipe Sansibar gefeiert hatte.

Am 14. November kündigte Hanebuth an, dass er seinen Sicherheitsdienst aus dem Steintorviertel zurückziehen werde.

"Ich kann es nicht mehr ertragen - jetzt darf nicht einmal mehr ein Polizist in seiner Freizeit in unseren Läden ein Bier trinken", sagte Hanebuth dem NDR. Seine Bordelle wolle er aber behalten.

In Hannover geht nun die Furcht vor Bandenkriegen um. Weitere Player im Steintorviertel sind die Albaner, die Russen und der Bordellbesitzer und Hanebuth-Konkurrent Marcel R.

Es ging um Delikte wie Förderung der Prostitution, Schutzgelderpressung, Menschenhandel. Doch zu einem Verfahren kam es nie. Immer wenn die Polizei eine Razzia machte, waren die illegalen Prostituierten aus Osteuropa plötzlich weg.

Andererseits beobachtete Kirchner, wie Staatsanwälte bei Prostituierten verkehrten, wie sie Bordell-Besitzerinnen, die im Gefängnis saßen, übers Wochenende eine Ausgangserlaubnis beschafften. Es habe geheißen, "wenn du dem einen umsonst bläst, gibts später keinen Ärger", sagt Kirchner. Die Staatsanwälte gaben an, selbst verdeckte Ermittlungen zu führen, doch zu einer Anklage führten diese Ermittlungen nie.

Erst vor zwei Wochen wurde der niedersächsische Polizeichef Christian Grahl zwangsversetzt, weil herauskam, dass er seinen Geburtstag in einer Bar gefeiert hat, die Hells Angels-Chef Hanebuth gehörte. Hanebuth hat in Hannover beste Kontakte, sein Anwalt ist Götz von Fromberg, ein Freund von Gerhard Schröder. Fromberg war mal Präsident des Fußballclubs Hannover 96, seine Herrenabende sind in Hannover ein gesellschaftliches Ereignis. Zu den Gästen gehört auch Hanebuth.

"Ich bin da wohl einigen zu nahe getreten", sagt der Mann, der einmal Kirchner war. Er sitzt auf einer winzigen Terrasse, die schreiend rot gefliest ist, seine Ehefrau spricht mit russischem Akzent und serviert Pferdewürste und Kartoffelsalat.

Später wird sie Kaffee bringen, Kirchner trinkt ihn mit viel Süßstoff. Seine Hand greift in die Tasche seines weißen Hemdes und holt Zigaretten raus, Rothändle ohne Filter. Er sagt, 200 Euro im Monat gingen für Zigaretten drauf. Wenn man auf Hartz IV ist, bleibt da nicht mehr viel.

In seinem früheren Leben hatte Bernd Kirchner auf großem Fuß gelebt. Als Bauunternehmer in Kiel, da war er nicht mal 30, feierte er seinen Geburtstag in einem Bordell, "nicht um zu ficken, einfach so". Sein Pool, sagt Kirchner, sei 120 Quadratmeter groß gewesen, seine Freunde zahlreich.

In einem Jahr, als es ihm besonders gut ging, kaufte er zwei Mercedesse auf einen Schlag, einen für sich und einen für seine Frau. Der Verkäufer, der ihn nicht kannte, wollte ihm die Autos nicht gleich mitgeben. Kirchner rief den Chef an, der kannte ihn. "Dem Verkäufer war das sehr peinlich", sagt Kirchner und lehnt sich zurück.

Wenn er jetzt auf seiner Terrasse sitzt, das Hemd etwas zu weit aufgeknöpft, die Brille in die Stirn geschoben, blickt er auf eine Windmühle und zwei Dinosaurier-Figuren, um die Wäscheleinen streichen die Katzen. "Mietz mietz", sagt der Mann, der einmal Kirchner war.

"Diese Katzen", sagt er und schüttelt den Kopf. Die schwarz-weiß Gefleckte da hinten, im Nachbargrundstück, sei eine Killerkatze. "Die beißt alle tot." Alle Katzen.

In Hannover gab sich Kirchner als Zuhälter aus dem Ruhrgebiet aus, seine Freunde waren Kiezgrößen wie der Bordellbesitzer Marcel R. Auf Staatskosten fuhr V-Mann Kirchner zweimal nach Gran Canaria, zu einem Treffen von Rotlichtgrößen und Geschäftsleuten in einem Luxushotel, abends nahm er mehrere Prostituierte mit aufs Zimmer. "Musste ich ja, die dachten ja, ich bin ein Zuhälter."

Dass Kirchner als V-Mann ausgedient hatte, merkte er daran, dass plötzlich gegen ihn selbst ermittelt wurde - wegen Verdachts auf Vergewaltigung, Zuhälterei, Menschenhandel. Es waren dieselben Delikte, denen Kirchner auf der Spur war, als V-Mann steckte er mitten in dem Sumpf, den er bekämpfte.

Kirchner sagte, alles sei mit seinen Führungspolizisten abgesprochen gewesen. Die Staatsanwaltschaft glaubte ihm nicht. Zwei Jahre später sprach ihn das Landgericht Hannover vom Vorwurf der Vergewaltigung frei, die anderen Verfahren wurden gegen Auflagen eingestellt - wegen "geringfügiger Schuld".

Seitdem wartet der Mann, der einmal Bernd Kirchner war, auf seine Rehabilitierung. Die erste Wohnung, in der man ihn unterbrachte, sollte in München sein, doch es wurde ein Dorf 50 Kilometer davor. Am Anfang, sagt Kirchner, habe er noch nicht mal einen neuen Ausweis gehabt, eine neue Biografie lasse bis heute auf sich warten.

Bis heute streitet Kirchner mit dem Polizeipräsidium Hannover über ausstehende Erfolgshonorare. Die Polizeiführung sagt, so toll seien Kirchners Informationen nicht gewesen. Die Polizisten, denen Kirchner berichtete, haben dem vor Gericht widersprochen.

Kirchner erhebt sich schwerfällig und greift nach dem Futternapf, die Katzen warten. Er habe Anzeige gegen den Polizeipräsidenten von Hannover gestellt, sagt er. Nicht in Hannover, das sei sowieso aussichtslos, sondern bei der Polizeidienststelle an seinem jetzigen Wohnort. "Darin schreibe ich, dass der Polizeipräsident lügt."

Die Polizei habe ihm versprochen, die Anwaltskosten bei seinen Prozessen zu übernehmen, sagt Kirchner, das könne er beweisen, darüber gebe es Akten. Sowohl der alte als auch der neue Polizeipräsident hätten diese Abmachung bestritten. Also würden sie lügen.

Vergeblich hat Kirchner in den letzten Jahren um seine Ehre gekämpft, er hat Briefe geschrieben und Petitionen eingereicht. Mit der Anzeige hofft er, eine Reaktion auszulösen. "Ich hoffe, dass es zu einem Prozess kommt", sagt er. Dann könnte er es endlich allen beweisen. Dass er recht hat, und die Polizeiführung in Hannover unrecht. Dass ihm übel mitgespielt wurde, weil er zu viel wusste.

Bevor er als V-Mann anheuerte, machte Kirchner Geschäfte im großen Stil. Riesige Lagerflächen habe er angemietet, ganze LKW-Ladungen in den Osten vertickt. Kirchner schaut von seiner Terrasse in den winzigen Garten, über den sich die Dunkelheit senkt. "Wenn ich noch mal was mache, dann nur international", sagt er versonnen.

Bis dahin bleibt ihm nur, die Katzen zu füttern. Und wenn die Sonne untergegangen ist, kommen die Igel. Die füttert er auch.

Einmal zahlen
.

Fehler im Text entdeckt? Wir freuen uns über einen Hinweis!

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben