Biografie des mächtigsten SS-Mannes: Der mörderische Karrierist

Robert Gerwarth hat eine Biografie von Reinhard Heydrich vorgelegt. Der Historiker erklärt die Logik der Radikalisierung des Antisemitismus bis zum Holocaust.

SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich mit Untergebenen in der Prager Burg. Bild: reuters

Erst sein Tod hat ihn berühmt gemacht: Am Morgen des 27. Mai 1942 war Reinhard Heydrich, mächtigster Mann der SS und Stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren in Personalunion, im offenen Mercedes von seinem Landgut zu seinem Dienstsitz im deutsch besetzten Prag unterwegs. Die beiden Attentäter Jan Kubis und Josef Gabcik warteten an einer Haarnadelkurve, wo der schwere Wagen seine Geschwindigkeit reduzieren musste.

Gabcik nahm seine Maschinenpistole, zielte auf Hedyrich, betätigte den Abzug. Doch nichts geschah: Die Waffe hatte eine Ladehemmung. Hedyrich seinerseits zog seine Pistole und zielte auf Gabcik. In diesem Moment traf die von Kubis geworfene Granate das Fahrzeug. Heydrich wurde schwer verletzt. Er starb am 4. Juni im Alter von 38 Jahren.

Die Nazis verabschiedeten sich von dem Mann einerseits mit einem gigantischen Staatsbegräbnis. Andererseits ließen sie das Dorf Lidice nordwestlich von Prag einebnen, ermordeten alle 172 Männer zwischen 14 und 84 Jahren und verschleppten die Frauen ins KZ Ravensbrück.

Robert Gerwarth: "Reinhard Heydrich. Biographie". Siedler, München 2011, 480 S., 29,99 Euro.

Neun "germanisierbare" Kinder kamen zu deutschen Pflegefamilien, alle anderen wurden getötet. Seitdem steht der Name Lidice für die mörderische Brutalität des Naziregimes. Schon kurz darauf erschienen die ersten Bücher, die Tat wurde verfilmt. Wer aber war Reinhard Heydrich?

Todesurteil für 1,8 Millionen Juden

Fast 70 Jahre nach Lidice hat der Historiker Robert Gerwarth eine erste umfassende und sorgfältig recherchierte Biografie über den Mann vorgelegt, dessen Vorname noch nach seinem Tod den Code für eine der furchtbarsten Mordaktionen im Rahmen des Holocaust hergab: Der "Aktion Reinhard" fielen 1942 in Polen etwa 1,8 Millionen Juden zum Opfer.

Nun muss man gewiss nicht wissen, dass Heydrich als Sohn eines damals bekannten Komponisten und einer Klavierlehrerin in Halle aufwuchs. Es zählt auch nicht zum Bildungskanon, dass Heydrich später eine akademische Karriere ausschlug und stattdessen bei der Marine als Offiziersanwärter anfing. Es mag von Bedeutung für sein späteres Verhalten gewesen sein, dass er dort zunächst als Einzelgänger geschnitten wurde.

Dankenswerterweise hält sich Gerwarth nicht allzu lange mit privaten Nebensächlichkeiten auf, wie er es auch vermeidet, sozialpsychologischen Erklärungsmustern nachzugehen, wie es andere Biografen bei Nazi-Größen zum angeblichen Verständnis von deren Mordgelüsten gerne tun.

Dieses Buch ist ein Sachbuch im besten Sinne: Es beschreibt die Fakten eines Lebens und stellt sie in einen Zusammenhang mit den damals gültigen Werten der Gesellschaft. Gerwarth unterstellt seinem Protagonisten auch keinen vorgegebenen Lebensweg zum Massenmörder, im Gegenteil:

Seine Hinwendung zur SS erscheint als eine Verkettung von Zufällen - geschuldet zuallererst der Tatsache, dass Heydrich wegen einer unschicklichen Liebesaffäre 1931 aus der Marine entlassen wurde, und dann, weil es seiner späteren Frau Lina von Osten, einer glühenden Anhängerin Adolf Hitlers, gelang, den unpolitischen Heydrich für die NSDAP zu interessieren. So schlug der Arbeitslose nach einem Treffen mit Heinrich Himmler eine neue Laufbahn ein: als Chef des SD, des Nachrichtendienstes innerhalb der SS.

Nun war die SS damals noch nicht die später gefürchtete Terrororganisation, sondern stand im Schatten der SA. Zudem war der Laden klamm, mit nur wenigen Mitarbeitern ausgestattet und er arbeitete bisweilen dilettantisch. Es war Heydrichs "Erfolg", dass die SS in den Folgejahren nach der Machtübernahme der Nazis mehr und mehr Einfluss gewann, vor allem aber federführend auf einem Gebiet wurde, das mit "Schutzstaffel" - so der vollständige Name der Organisation - nichts mehr gemein hatte: der Verfolgung der Juden.

Radikale Karrieresucht

Ausschlaggebend dafür aber war auch die gnadenlose Karrieresucht Heydrichs, der, jeglichen moralischen Erwägungen fern, das Programm zur Diskriminierung der Minderheit immer mehr radikalisierte. Der breiten Öffentlichkeit blieb Heydrich dabei weitgehend unbekannt, er zählte auch nicht zur Spitze von Staat und Partei.

An diesem Punkt ist Gerwarths Buch weit mehr als eine Biografie Reinhard Heydrichs: Der Autor zeigt akribisch auf, wie diese Radikalisierung unter den Nazis bis hin zur Vernichtung zustande kam. Noch 1939, mit der Invasion Polens, hatten weder Hitler noch die SS einen Plan zur Ermordung der Juden Europas, wiewohl schon damals Einsatzgruppen hinter der Wehrmacht mordeten und brandschatzten.

Als "Lösung der Judenfrage" hatte Heydrich zunächst die Emigration der deutschen Juden betrachtet und zum Teil unter Zwang durchgesetzt. Nun aber lebten allein in Polen 3,5 Millionen Juden, und mit jedem von der Wehrmacht besetzten Land kamen mehr hinzu, so dass das von den Nazis behauptete "Problem" immer größer zu werden schien.

So entstanden zunächst Pläne, die Menschen in eine Art Reservat in Polen zu deportieren, was sich aber nicht realisieren ließ, weil große Teile Galiziens an die Sowjetunion fielen. Dann verfiel die SS auf den Gedanken, die Juden bei Lublin in einem "Reichsghetto" zu konzentrieren. Und schließlich entwickelten SS und Auswärtiges Amt 1940 konkurrierende Pläne, diese auf die Insel Madagaskar zu deportieren - eine alte Idee notorischer Antisemiten. Doch auch dieser Plan zerschlug sich.

So reiften in der obersten Führungsschicht der Nazis Vorstellungen einer genozidalen Vernichtung - erst recht, als unter ihnen die Pläne Hitlers zum Angriff auf die Sowjetunion bekannt wurden. Um das Reich und die Wehrmacht zu versorgen, wurde nun der Hungertod "vieler 10 Millionen von Menschen" eingeplant. Von dort aber zum gezielten Massenmord an den Juden war es nur noch ein kurzer Weg.

Mit Beginn des "Unternehmens Barbarossa" ermordeten die Einsatzgruppen der SS in der Sowjetunion nicht nur die Funktionsträger des angegriffenen Staates, sondern alle Juden, derer sie habhaft werden konnten - vom Baby bis zum Greis. Und kurz darauf - im Oktober 1941 - begannen die Deportationen deutscher Juden nach Riga und Lodz, wo sie entweder sofort erschossen wurden oder im Ghetto dahinvegetieren mussten, bis man auch sie ermordete.

All diese Fakten sind nicht neu. Gerwarths Verdienst ist es, die mörderische Logik dahinter aufzuzeigen, die erst nach dem Tod Heydrichs in der "Aktion Reinhard" gipfelte. Dieses Wissen sollte zum deutschen Bildungskanon gehören.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben