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Lieber langweilig ins Leere laufen

Wenn das Leben ein hyperaktives Drama voller Events ist, wird Langeweile zur Exit-Strategie.

Manchmal kommt es zu Koinzidenzen, bei denen man sich nicht sicher sein kann, ob sie auf mehr verweisen und damit zu Symptomen taugen. Nun sind Symptome aber Material, auf das der Kulturkommentator besonders angewiesen ist. Akutes Interesse weckten deshalb zuletzt Erscheinungen, die allesamt mit Langeweile zu tun hatten.

Hier die krude Liste: Howard Devoto, der uns als Sänger der Punk-Band Buzzcocks 1977 die Ennui-Hymne "Boredom" schenkte, hat mit seiner Band Magazine erstmals seit 30 Jahren eine neue Platte veröffentlicht; Gaye Advert, die mit den Adverts einst die "Bored Teenagers" besang und in dem Film "Brennende Langeweile" mitspielte, hat gerade in London eine große Ausstellung kuratiert; in der Novemberausgabe des Merkur erschien ein Essay über Langeweile, und auch der Popjournalist Simon Reynolds dachte in seinem vielbesprochenen Buch "Retromania" über die Langeweile als kulturelles Phänomen nach.

Als Metakommentar ist beim Diskursverlag turia + kant dann noch das Buch "Die Entdeckung der Langeweile - Über eine subversive Laune der Philosophie" von Philipp Wüschner erschienen. Darin wird die Langeweile "als untrügliches Anzeichen einer idiosynkratischen Überempfindlichkeit" bezeichnet, "die auf eine Fehlfunktion des Systems selbst hinweist".

ARAM LINTZEL ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Grünen-Bundestagsfraktion und freier Publizist in Berlin

Wenn es ums ganze System geht, was will uns das Langeweile-Revival dann sagen? Zu Punkzeiten war die kollektive Langeweile ein fordistisches Gefühl, das an das symbolische Grau der (Kultur-)Industriegesellschaft gebunden war: Eine Leere tat sich auf angesichts uniformer Charaktermasken und der Diktatur der Angepassten. Zugleich hat man die Langweiligkeit der Umwelt angeeignet, strategisch überaffirmiert und in eine symbolische Waffe verwandelt: "Wir sind gelangweilt/langweilig und so soll es sein!"

Im Sinne der "Politics of Boredom" wurde die Langweile zum falschen und doch passenden Gefühl im drögen Ganzen hochstilisiert. Dieses Verhältnis hat sich seither längst umgekehrt: Während früher zuerst mal die Außenwelt grau und boring war, ist es unter den Bedingungen des Neuen Kapitalismus die Innenwelt des Einzelnen geworden. Bekannt ist die narzisstisch-regressive Formel von Extremsportlern, Sexsüchtigen, Ritzerinnen und anderen gelangweilten Subjekten: "Ich will mich spüren!" Nicht mehr in der Umwelt, in uns selbst sind die Ursachen für das unterkomplexe Dasein zu suchen. Jeder ist sein eigener Langweiler, und daran selber schuld.

Kein kultureller Appetit

Auch in anderen Zusammenhängen hat sich die Langeweile-Kausalität verkehrt. Simon Reynolds beschreibt in "Retromania" anhand der Rezeption von Popprodukten, wie der Ursprung der Langeweile gleichsam von außen nach innen gewandert ist: In der digitalen Ära langweilten wir uns nicht mehr wegen eines Mangels an aufregendem Zeug, sondern weil es uns an "kulturellem Appetit" fehle, hervorgerufen durch ein Zuviel an Input, auf das wir im digitalen Strom nicht mal mehr gelangweilt warten müssen.

Die Antwort auf diese endogene Ödnis ist aber nicht mehr die smarte Langeweile des Punk, sondern die Hyperaktivität des angeödeten Selbst. Dem ist die reflexive Geste der Aneignung nicht mehr möglich. Nach Reynolds Analyse wäre das ständige Downloaden etc. denn auch nur noch Ausdruck einer tumben Gefräßigkeit, welche die grundlegende Appetitlosigkeit überspielt.

Allerdings sollte all das kein Grund für kulturpessimistische Klagen sein; "Langeweile ist tief und geheimnisvoll", so lautet ein Zitat des Dandy-Komponisten Eric Satie. Worin nun besteht ihr Geheimnis heute, wofür könnte das erneuerte Interesse an ihr - genau! - symptomatisch sein? Einen Hinweis gibt der US-amerikanische Kulturkritiker Mark Greif in seinem gerade erschienenen Essayband "Bluescreen". Greif, Herausgeber des Kulturmagazins n+1, diagnostiziert darin eine "Ideologie, die Erfahrungen als alleinigen Weg zum Glück anpreist" und fasst zusammen: "Leben lässt sich heute fassen als Produktion von Erfahrungen, es folgt den Strukturen des Dramas."

So gesehen könnte die Neue Langeweile von einer Verweigerungsgeste künden, die dem Über-Ich, das uns ohne Unterlass zu intensivem Erleben mahnt, ein entschieden indifferentes "Ich bin lieber langweilig" entgegnet. Erfahrungsverweigerung als Exit-Strategie? Wie meist im Leben droht auch hier die Vereinnahmung: "Auszeit", "Entschleunigung" und "Muße" - die derzeit gerne gegen sogenannte Burn-outs empfohlenen Maßnahmen - sind funktionale Zurichtungen, die sicherstellen, dass man nachher nur umso mehr dabei ist. Soll die Neolangeweile aber wirklich eine kritische "Fehlfunktion" anzeigen, dürfte sie uns weder in Ruhe lassen noch eine Erlösung im Drama versprechen. Richtig langweilige Langeweile läuft ins Leere oder dreht sich gar im Kreis.

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