Österreichs Ein-Mann-Opposition: Ein Kino der Verletzten

Peter Kern ist Schauspieler, Filmregisseur und Enfant terrible im österreichischen Kulturbetrieb. Jetzt erscheint erstmals eine Auswahl seines umfangreichen Filmschaffens auf DVD.

Eine Schlüsselszene aus Peter Kerns "Gossenkind" von 1993: Karl Heinz Brenner (Winfried Glatzeder) löst sein Konto und gleichzeitig seine gesamte bürgerliche Existenz auf und herrscht bei der Gelegenheit den Bankangestellten an: "Bitte zahlen Sie aus und reden Sie mich nicht an!" Vorher lernt er den jugendlichen Stricher Axel kennen und verfällt ihm sofort. Das "Gossenkind" Axel, das mit Unschuldsmiene und Elvis-Fönfrisur am Bahnhof herumhängt und reiche alte Männer abschleppt, um seiner brutalisierten Familie zu entkommen, hat sein Leben transformiert.

Im Bankangestellten tritt ihm ein letztes Mal all das gegenüber, was er nun hinter sich zu lassen können glaubt: Respektabilität, Notlügen, Kosten-Nutzen-Rechnungen: "Ich finde Sie grässlich." Das andere Leben, das er sucht, wird er nicht finden, es gelingt ihm noch nicht einmal, sich von diesem einen Begriff zu machen, der über "Liebe machen im Wald" hinausgehen würde.

Doch in den verachtungsvollen Sätzen, die er seinem Gegenüber und gleichzeitig der verwalteten Welt schlechthin entgegenschleudert, artikuliert sich ein unbedingter Freiheitsdrang, der nicht in demokratischer Manier abstrakte Rechte einfordert, sondern unmittelbar dem gelebten Leben entspringt, als Rückseite von Schmerz.

Peter Kern ist vieles auf einmal: ein ehemaliger Wiener Sängerknabe zum Beispiel, als Schauspieler in wichtigen Filmen Fassbinders, Syberbergs, Wenders ein Veteran - ein Überlebender, ein Erbe - des Neuen Deutschen Films, heute vor allem auch das Enfant terrible der österreichischen Kulturszene, eine Einmannopposition gegen den Status quo, die sich lustvoll und unnachgiebig mit allen auf einmal anlegt, mit Presse, Politik, Filmfestivals, Opernhäusern.

Filmografie mit 30 Titeln

Seltsamerweise geht neben all dem oft fast unter, dass Peter Kern seit mittlerweile drei Jahrzehnten auch und vielleicht vor allem ein Filmregisseur ist; und zwar einer der interessantesten und vielseitigsten im deutschen Sprachraum. Um die 30 Titel umfasst seine Filmografie inzwischen: Dokumentarfilme und Spielfilme, Langfilme und Kurzfilme, für Fernsehen und Kino.

In die Kinos finden seine Werke nur selten, auf DVD ist sehr wenig verfügbar. Immerhin Letzteres wird sich demnächst bessern: Die Filmgalerie 451 veröffentlicht im Januar den ersten Teil einer Peter-Kern-Edition mit den Filmen "Haider lebt", "Hamlet: This Is Your Family" und "Blutsfreundschaft", ein vierter, "Domenica", wird per streaming verfügbar gemacht. Zwei weitere zentrale Werke, "Gossenkind" und "Knutschen kuscheln jubilieren" sind vor ein paar Jahren bei Pro-Fun Media erschienen.

Gerade "Knutschen kuscheln jubilieren" ist mindestens ein kleines Wunder. Gewissermaßen komplementär zu "Gossenkind" porträtiert der Film eine Gruppe alter Schwuler, die in einer Kölner Kneipe ihrer Einsamkeit zu entfliehen suchen und mit jungen, oft migrantischen Strichern Kontakt aufnehmen. "Knutschen kuscheln jubilieren" beginnt dokumentarisch, die Freier erzählen aus ihrem Leben und klagen ihr Leid, später spielen sie sich selbst in einem rührenden, wehmütigen Spielfilmplot: Die Kneipe muss schließen, die Gruppe droht zu zerfallen, dann gewinnt einer eine Venedig-Reise und lädt seine Freunde mit ein.

Kerns Film verleugnet nie die Härten des Milieus, in dem er sich bewegt, und umarmt seine Protagonisten doch gleichzeitig bedingungslos. Gewidmet ist "Knutschen kuscheln jubilieren" dem philippinischen Regisseur Ishmael Bernal, dessen libidinös-ausuferndes Meisterwerk "Manila by Night" im Kino des Österreichers einen unerwarteten Widerhall erlebt.

Hamlet mit aussteigewilligen Nazis

Nachhaltig geprägt hat das Filmschaffen Kerns außerdem eine längere Arbeitsbeziehung mit Christoph Schlingensief. An dessen umstrittener Hamlet-Inszenierung am Schauspielhaus Zürich im Jahr 2001, die vor allem aufgrund der Beteiligung einiger angeblich ausstiegswilliger Neonazis von sich reden machte, wirkte Kern nicht nur als Schauspieler mit, er begleitete das Team außerdem mit seiner Kamera.

Die Dokumentation "Hamlet: This Is Your Family" hält das Projekt in seiner ganzen Ambivalenz fest, die Rechten inszenieren sich auch für Kerns Film auf fadenscheinige Weise (inklusive ausgiebiger "Versöhnung" mit einem Antifa-Bühnentechniker), doch Kerns "Kino der Verletzten", das mindestens so inklusorisch ist wie Schlingensiefs Theaterpraxis, wendet sich deswegen nicht von ihnen ab.

Die Schlingensiefschen Provokationen (nicht aber die zugehörigen Theorieversatzstücke) sind seit "Hamlet" allgegenwärtig im Kern-Werk, zum Beispiel auch in den beiden jüngsten Arbeiten, "King Kongs Tränen" und "Mörderschwestern", zwei komplexen Metafiktionen zwischen Trash, Pathos und Agitation. Am deutlichsten in der Politgroteske "Haider lebt - 1. April 2021", seinem vermutlich bekanntesten Film. Sechs Jahre vor der tatsächlichen Todesfahrt des österreichischen Rechtspopulisten entwarf Kern eine krude Fantasie über das Ableben und die nachfolgende Wiederauferstehung Jörg Haiders.

Blickt man heute, da der langjährige Landeshauptmann Kärntens zu einer Art bösem Geist der österreichischen Politik avanciert ist, auf diesen starbesetzten Film, wirkt "Haider lebt" nicht nur prophetisch, sondern, bei aller Lust am Spekulativen, fast noch zu optimistisch; einen großangelegten Aufstand auch nur der alternativen Kulturschickeria gegen den Alltagsrassismus, wie ihn der Film nicht nur in seiner Fiktion heraufbeschwört, sondern der er in gewisser Weise selber ist, einen solchen Aufstand kann man sich heute, zu Zeiten des geschickteren Populisten H. C. Strache, jedenfalls kaum noch vorstellen.

Verschobenes ästhetische Referenzsystem

"Blutsfreundschaft" von 2009 beschäftigt sich ein weiteres Mal mit der rechtsextremen Jugendkultur und ist einer der sonderbarsten Filme Kerns. Helmut Berger spielt Trintzinsky, einen alten Schwulen, der in Wien ein Reinigungsgeschäft leitet. Aber "spielt" ist vielleicht schon das falsche Wort, weil die Rolle den Schauspieler kaum zur Hälfte zudeckt: Es ist immer zuerst Berger, der da wehmütig vor dem Spiegel steht und seine faltig gewordene Haut betastet.

Und es ist auch zuerst Berger, der den jungen Neonazi Alex bei sich aufnimmt und durch einen melodramatischen Plot begleitet, der bis nach Casablanca führt und auf seine Weise die wahnwitzigeren Filme Bergers und seines Lebensgefährten Luchino Visconti wiederauferstehen lässt.

Das ästhetische Referenzsystem des Regisseurs mag sich im Laufe des letzten Jahrzehnts von Bernal/Fassbinder zu Schlingensief verschoben haben, aber das sind nur Differenzen an der Oberfläche; die eigentlichen Motive und Antriebskräfte dieses außergewöhnlichen Werks sind konstant geblieben.

Oft drehen sich die Filme um Kneipen und Nachtclubs, um ranzige Kneipen und uncoole Nachtclubs, genauer gesagt, "Etablissements" eben, meist irgendwo zwischen Alkoholikerstammtisch und besserem Bordell angesiedelt, auf Äquidistanz jedenfalls zu hipper Subkultur und bürgerlicher Respektabilität.

Das "Bel Ami" in "Gossenkind", das "Le Clou" in "Knutschen kuscheln jubilieren", die Schwulenbar in Blutsfreundschaft (als Gegenstück zur Nazikneipe "Knecht") sind die Orte, an denen das Kern-Kino ganz bei sich ist. Rückzugsorte sind das, abgeschieden von der feindseligen Außenwelt, aber deshalb noch keine Schutzräume, denn auch dann, wenn man sich hier seine Wunden zu heilen versucht, fügt man sich immer schon gegenseitig neue zu. Aber immerhin unter den eigenen Bedingungen. Es gibt keine Unschuld im Kino des Peter Kern, auch keine Sehnsucht nach Unschuld; wohl aber eine Sehnsucht nach Freiheit.

Peter Kern: "Haider lebt", "Domenica", "Hamlet: This is Your Family", "Blutsfreundschaft". Auf DVD und als Download ab 20. 1. bei Filmgalerie 451

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