"Gólgota Picnic": Töten, Entfremdung und Gier

Die Inszenierung "Gólgota Picnic" wird massiv von christlichen Fundamentalisten kritisiert. Dabei handelt es sich eigentlich um eine zutiefst moralische Veranstaltung.

Gar nicht unmoralisch: Gólgota Picnic. Bild: Davir Ruano

HAMBURG taz | Auf der Bühne des Thalia Theaters liegen 25.000 Hamburger-Brötchen fein säuberlich nebeneinander, ein elastischer, süßlich riechender Teppich. Zwei Klappstühle, eine Picknickdecke, frisches Gemüse liegt herum. Die Stirnseite der Bühne ist eine einzige große Videoleinwand. Die Zuschauer blicken von einer aufsteigenden Tribüne aus auf das Geschehen herab.

Das ist der Schauplatz des Stückes "Gólgota Picnic", das am Montag trotz heftiger Proteste unter anderem der Piusbrüderschaft am Hamburger Thalia Theater im Rahmen der Lessingtage gezeigt wurde. Fundamentalistische Christen hatten das Thalia Theater mit Protestmails und -faxen bombardiert.

Es gab indirekte Drohungen, die Aufführung mit Tränengas zu stören. Außerdem ging die Strafanzeige einer christlichen Gruppe bei der Hamburger Staatsanwaltschaft ein. Das Hamburger Verwaltungsgericht lehnte noch am Montag in einem Eilverfahren einen Antrag auf ein Aufführungsverbot ab.

Aufführungsverbot abgelehnt

Vorgeworfen wurde dem Stück des spanisch-argentinischen Regisseurs Rodrigo García Blasphemie und Pornografie - wie bereits bei den Aufführungen des Stücks in Madrid, Paris und Graz. Nicht ganz frei von Sensationslust, teilte das Thalia Theater im Vorfeld mit, die Aufführung werde möglicherweise "bei manchen die Grenze der Wahrnehmungsbereitschaft überschreiten". Von "Zumutungen" war die Rede und von "radikalen und verstörenden Gesten".

Und dann? Betreten drei Männer und eine Frau den Brötchen-Teppich und tragen Texte auf Spanisch vor, die in Deutsch die Leinwand füllen. Es geht um Luzifer, der den Menschen nichts mehr beibringen könne, weil sich die Menschen vom Kindesmissbrauch bis zum Völkermord alle Grausamkeiten schon selbst angeeignet hätten. Es geht um Jesus, der verrückt sei, ein Tyrann, der nur Zwietracht bringe. Es geht um die Ikonografie der Kirche, die eine Ikonografie der Grausamkeit und des Schmerzes sei. Und es geht um MP3-Player, um Fußballstadien, Nikon-Kameras und Duschgel.

Nackt am Klavier

Parallel zu den Texten gibt es abstrakte szenische Umsetzungen, deren Details die Schauspieler auf die Leinwand hinter der Bühne projizieren. Da wird Fleisch durch einen Fleischwolf gedreht, lebende Würmer und Hamburger-Brötchen werden zu einem kleinen Turm von Babel gestapelt, ein Hackfleisch-Hamburger wird zerkaut und der Schauspieler drückt den Nahrungsbrei in Großaufnahme wieder aus dem Mund. Drei farbbespritzte Schauspieler in Unterhosen verknoten sich ineinander, drei nackte Schauspieler modellieren ihre Schamhaare mit Duschgel zu Zöpfchen. Am Ende spielt ein hervorragender Pianist, nackt, über 40 Minuten lang Joseph Haydns "Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze".

Der rote Faden der Texte und Szenen ist die Haltlosigkeit in einer metaphysisch leeren, von Gewalt und Konsum zerrütteten Zeit. Die Inszenierung ist ein Panoptikum der Klage aus der Perspektive der auf sich gestellten und damit überforderten Existenz. Dabei ist die Religion nur eine der angeklagten Instanzen. Die anderen sind der Kapitalismus und die zerstörerischen menschlichen Triebe, die er unterstützt: das Töten, die Entfremdung vom eigenen Körper, die Gier. Insofern ist "Gólgota Picnic" keine blasphemische, sondern eine zutiefst moralische Veranstaltung.

Ein wiederkehrendes Motiv der Inszenierung ist der freie Fall, szenisch übersetzt durch ohrenbetäubend laute Videobilder eines Fallschirmspringers bei seinem Flug Richtung Erdoberfläche. Der freie Fall kommt zu Beginn des Stücks und er kommt am Ende, ein brutaler Schlusspunkt nach dem meditativen Haydn-Konzert. Haydn und die bürgerliche Kultur sind auch keine Lösung, will der Regisseur damit sagen. Und schickt ein erschöpftes Publikum raus in eine verregnete Nacht.

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