Sommerserie „Geschmackssache“

Auf der grünen Wiese

Bei Obst und Gemüse gibt es ein „Geschmacks-Ertrags-Dilemma“, sagt Biogärtner Heiko Weider. Seine Tomaten sind kapriziös und schmecken.

Nicht auf Leistung getrimmt: Die Ruthje-Tomaten in Heiko Weiders Gewächshaus. Bild: Foto: Gabriela Keller

LEITZKAU taz | Satte, saftige Insekten torkeln über hüfthohen Gräsern. In den Bäumen leuchten Pflaumen und dottergelbe Myrobalanen. Heiko Weider steht in seinem Garten, er lächelt fein und sagt: „Mein eigenes Königreich.“ Dann schlurft er in Crocs über die Wiese, zu dem halbrunden Gewächshaus, das zu DDR-Zeiten einmal ein Kino war.

Weider hat es verlassen nahe dem Plattensee gefunden. Er hat es abgebaut, auf seinem Land neu errichtet und die stählernen Bögen mit durchsichtiger Folie bespannt. Drinnen stehen Tomatenpflanzen. Der Biogärtner angelt eine rote, leicht herzförmige Frucht aus den Blättern hervor. Sie schmeckt kräftig, süß und würzig. Ruthje, so heißt die Sorte.

Draußen wächst „Klapproths Wintertomate“, die im Gewächshaus schimmeln würde und unter freiem Himmel auch. Heiko Weider hat für sie eine spezielle Konstruktion gebaut, ein Spitzdach auf Holzbeinen, unter dem sie geschützt ist, aber genug Luft kriegt. „Die baut keiner mehr an, weil sie wenig Ertrag hat und ein bisschen kompliziert ist“, sagt er.

Dioxin in Bioeiern, Darmkeime an Salatgurken, Pferdefleisch in Fertiglasagne - die Liste der Unappetitlichkeiten wird von Jahr zu Jahr länger. Lebensmittel sind Industriegüter - möglichst viel, möglichst billig, möglichst lange haltbar. Ist der Niedergang des Lebensmittelhandwerks besiegelt? Oder kann das Handwerk dazu beitragen, ein neues Bewusstsein fürs Essen und Trinken zu wecken? Kann es dem Kunden das zurückgeben, was die Industrie verspielt hat: Vertrauen, Tradition, Regionalität? Acht Erkundungen in Deutschland. Nächsten Montag (26.08.08.) in der gedruckten taz: die Bäckerei Faber im thüringischen Geisa.

Anspruchsvolle Tomate

Das ist einerseits kein Wunder, so anspruchsvoll, wie die Pflanze ist, andererseits aber auch ein Jammer wegen ihres umwerfenden Aromas, und genau darin besteht der Zwiespalt, in dem jeder steckt, der Gemüse pflanzt. Der Dualismus, den Weider das „Geschmacks-Ertrags-Dilemma“ nennt. Man kann sich die Sache vorstellen wie eine Leiste zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite steht die industrielle Landwirtschaft, wo die Tomaten auf Steinwolle wachsen, egal zu welcher Jahreszeit.

Neue Sorten, die auf Leistung getrimmt sind, synthetisch gedüngt und mit Fungiziden, Herbiziden, Insektiziden gespritzt, schnell im Wachstum, robust beim Transport. Blass im Geschmack. Auf der anderen Seite steht Weider, ein armer König in einem zugewucherten Reich, in dem paradiesische Früchte reifen.

In guten Monaten verdient er damit 2.000 Euro. In schlechten gerade 600. Dafür steht er um 4 Uhr früh auf, arbeitet bis zu 14 Stunden am Tag. „Es ist schwierig“, sagt er, „sehr schwierig.“

Heiko Weider ist ein schlanker Mann, 36 Jahre alt, blonder Zopf, Schmutzstreifen auf der Latzhose. Er ist in Leitzkau aufgewachsen, einem Ort im Jerichower Land, Sachsen-Anhalt. Das Haus, in dem er lebt, gehört seinem Vater. Er hat sich an den abgeschabten Holztisch in der Küche gesetzt und Tee eingegossen. „Japanische Minze“, sagt er, „die fetzt richtig.“ Aus eigenem Anbau, natürlich.

Durch die Glastür neben ihm ist ein kleiner Garten zu sehen, ein halbes Dutzend Hähne reckt die Hälse. Auf den Fliesen schnarcht Paule, die Riesenschnauzermischung. Heiko Weider ist gelernter Steinmetz. Sein erstes Stück Land hat er nach der Wende gekauft. 1,5 Hektar Streuobstwiese, für 7.300 D-Mark.

Nach und nach kamen weitere Flächen dazu. Er begann auszuprobieren, was sich damit anfangen lässt. Erst als Experiment. Dann wurde die Sache ernster. Vor drei Jahren hat er seine Stelle als Steinmetz gekündigt. „ ’Beruf‘ kommt von ’Berufung‘, find‘ ich“, sagt er, die eine Hand aufgestützt, in der anderen eine selbst gedrehte Zigarette, er sinniert: „Was mich angekotzt hat, das waren die Chefs, diese dicken, feisten Typen, die du noch dicker und feister machst.“

„Du hast ja ’ne Macke“

Weider wollte selbstständig sein, mehr noch: selbstversorgend. Inzwischen isst er fast nur noch das Fleisch der Hühner, die er selbst großzieht, und Obst und Gemüse aus seinem Garten, je nach Saison. „Wie zu DDR-Zeiten. Da gab’s ja auch keine Südfrüchte.“ Das Geschäft aber läuft noch recht zäh. Weider arbeitet zwar mit einem Biolieferservice zusammen, der sein Erntegut zu Kunden zwischen Halle und Magdeburg bringt. Er verkauft jeden Freitagnachmittag in seinem Garten, und einmal im Monat in Dessau auf dem Markt.

Aber ihm fehlt die Kundschaft, eine bestimmte Masse von Menschen, die sein Biogemüse zu schätzen wissen und bereit sind, dafür den entsprechenden Preis zu zahlen. „Sachsen-Anhalt ist ’ne Ökobrache“, sagt er. „Das Verständnis ist nicht da.“ Im Supermarkt gibt es Tomaten für ein Euro das Kilo. Bei Weider kosten sie fünf, und es passiert, dass die Leute den Kopf schütteln und sagen: „Du hast ja ’ne Macke.“

Dann steht er auf, tritt aus dem Haus und steigt in seinen staubigen Nissan Navara. Er lässt die Siedlung hinter sich, schaukelt über ungepflasterte Feldwege, der Horizont weitet sich. Von seinem Schlüssel baumelt eine Plastikkuh. Chemie im Garten, das kam für ihn nie infrage. Noch heute muss er oft an seinen Onkel denken, der als Brigadier in einer Spritzkolonne gearbeitet hat. „Der ist daran gestorben“, sagt er, „an einer Blählunge.“

Er bremst den Wagen. Eine Kuh trabt zwischen Apfel- und Kirschbäumen heran. „Das ist Peggy. Die ist so lieb, die kannste umschubsen“, sagt er, klettert er über den Zaun und deutet auf ein zweites Tier, das hinten stehengeblieben ist, „Gescha ist böse.“

Er krault den Nacken der Rotbunten. Die legt seine Nase an seine Schulter. Die zwei sind ein wichtiger Teil seiner kleinen ökologischen Kreislaufwirtschaft. „Biste bio, brauchste Mist“, sagt er, „dann brauchste Kühe.“ Auch Bienen gehören dazu. Weider hat sie angeschafft, damit sie seine Pflanzen bestäuben, und er verkauft ihren Honig. „Was mir noch fehlt, ist ’n Schwein im Garten. Schafe hatte ich mal, 30 Stück, die hab ich wieder verkauft, weil ich’s nicht geschafft hab.“

Auf der anderen Seite der Wiese erhebt sich eine Hütte. Ein Rabe flattert auf, die Luft vibriert vom Zirpen der Grashüpfer. Plötzlich ein lautes Dröhnen, das das idyllische Audiorama überschallt. Weider hat den Generator angeworfen, um Wasser in den Trog der Kühe zu pumpen.

Er hockt auf der Ladeklappe des Nissan und blinzelt ins Licht. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein Neo-Hippie, ein Loha-Eigenbrötler, mit seiner Latzhose und der Selbstgedrehten im Mund. Aber mit dem, was er tut, führt er auch eine Tradition weiter, die es in dieser Region seit Ende des Zweiten Weltkriegs gibt.

DDR-Tradition

Die Menschen begannen, selbst anzubauen, um nicht hungern zu müssen. In der DDR nutzten sie ihr Land weiter, denn in den Geschäften fehlte es an Obst und Gemüse. Der frühere Besitzer der Wiese hat 20.000 Ostmark mit dem Verkauf von Äpfeln verdient. „Da haste mit deiner Hände Arbeit noch Geld gemacht“, sagt Heiko Weider.

Aber dann kam die Wende, und mit ihr kamen die Supermärkte und Discounter, die ganze globalisierte Warenwelt. Die Leute verkauften ihr Land, und Weider begann, sich sein Reich zusammenzustückeln, das insgesamt 3,5 Hektar misst. Eine eigene Garde hat er auch. „Da stehen meine Soldaten“, sagt er, deutet durch die Seitenscheibe. Auf der Wiese neben der Straße stehen 168 junge Obstbäume in Reih und Glied.

Heiko Weider hat viel Zeit damit verbracht, Sorten aufzutreiben, die fast ausgestorben sind. Er hat in Archiven gesucht und in Baumschulen, die sich auf alte Sorten spezialisiert haben, und so wachsen nun Äpfel in seinem Land, deren Namen klingen wie aus einem Märchen von Hauff. „Hasenkopf“ oder „Prinz Albrecht“. „Die neuen Sorten, die schmecken alle einfach süß“, sagt er. Das sei etwa beim Hasenkopf anders. Wie der schmeckt? Schulterzucken. „Nach Hasenkopp.“

Weider hat keine Ausbildung als Gärtner. Das Fachwissen hat er sich angelesen. Im Fundus eines Trödlers hat er Bücher über den Gemüseanbau aus dem 19. Jahrhundert gefunden. außerdem ein paar Seminare beim Verbund Ökohöfe belegt. Manches hat ihm auch ein alter Bauer im Ort beigebracht, etwa wie man mit Kühen umgeht. „Der Ewald, mein Mentor“, Weider fragt ihn noch manchmal um Rat, wenn er im Zweifel ist, etwa ob es schon zu spät ist, Blumenkohl zu säen. „Nur, der schüttelt den Kopf, wegen dem Biozeugs.“

Aber der Lernprozess ist längst nicht abgeschlossen. In seinem Gewächshaus hebt er eine Paprika auf; die gelbe Schote hat ein Loch; ringsum ist sie dunkel verfärbt. Die Schnecken. Sie haben so einiges von Weiders Ernte zunichtegemacht. Unter dem Stroh auf dem Boden ist Folie ausgelegt. Er hatte sich gedacht: Darunter bleibt es feucht, nützliche Mikroorganismen siedeln sich an. Nur hat er jetzt das Problem, dass sich die Schnecken unter dem Plastik tummeln. „Ich hab denen ein Paradies gebaut“, sagt er ohne Bitternis.

Er hat überhaupt für ziemlich viele Tierarten ein Paradies gebaut. Vor einigen Wochen legte er 150 Holzpfosten für einen neuen Zaun im Gras ab. Dort blieben sie eine Weile. „Und als ich die wegnehmen wollte, waren da die Eidechsen drin. Da musste ich neue kaufen“, sagt er. Aber es geht langsam voran mit seinem kleinen Betrieb. Bald wird er ein zweites Gewächshaus bauen. Noch bewirtschaftet er alles allein, mit einem Helfer, „dem Harry“, der in einem nahen Waldstück lebt. Der arbeitet für 100 Euro im Monat ab und an mit. „Ernten und Unkraut“, sagt Weider, „das ist sein Ding.“

Kein Verkaufsgenie

Im Moment arbeitet er daran, den Direktverkauf auszubauen. Alles, was er selbst vermarktet, bringt ihm doppelt so viel wie das, was er über den Handel absetzt. „Da ist noch mehr drinne. Man muss sich nur reinfuchsen.“ Allerdings liegt ihm das Verkaufen nicht. Auf dem Markt wurde er anfangs kaum etwas los. Bis ihm ein Freund, der ihn manchmal begleitet, erklärte, dass er Schilder und Flyer braucht. „Du musst die Leute kosten lassen“, hat der ihm geraten, „dann fühlen die sich verpflichtet, etwas zu kaufen.“ Da hat Weider geantwortet: „Das ist doch gemein.“

Gerade hat er eine Edelstahlküche im Keller seines Hauses eingerichtet. Bislang kommen alle Früchte, die er nicht verkaufen kann, auf den Kompost oder enden als Tierfutter. Demnächst will er sie zu Mus oder Soße verarbeiten und im Internet vertreiben. „Die Etiketten sind schon fertig“, sagt er. „Gerade probieren wir mit Rezepten herum.“

Dann wird es allmählich Zeit; am Nachmittag muss er Feld- und Bataviasalat aussäen. Noch ist nicht klar, ob seine Pläne aufgehen werden. Nur zwei Dinge stehen fest: Weider wird immer etwas zu tun haben. Und er wird immer etwas zu essen haben. Obst und Gemüse, gewachsen in seinem Garten im Jerichower Land, wo er ganz allein regiert.

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