Zum Tode Otto Sanders: Von einer anderen Welt

Es war diese Stimme: Ob stoisch oder anarchischer Komiker – Otto Sander war einer der markantesten Schauspieler Deutschlands.

Otto Sander 2012 bei einem Auftritt. Bild: imago/rudolf gigler

Es war diese unglaubliche Stimme, die man ganz einfach hat und die nicht allein durch intensiven Zigarettengenuss zu erwerben ist. Sie klang wie Schmiergelpapier, sonor und kraftvoll, in zurückgenommenen Momenten aber auch ängstlich und etwas schüchtern oder ganz zärtlich.

Otto Sander war ein Schauspieler, der kaum wahrnehmbar irgendwo hinten auf der der Bühne erscheinen konnte und sofort den Raum ausfüllte, ohne einem Kollegen Platz wegzunehmen. Da betrat nicht nur einer der markantesten Schauspieler der Nachkriegszeit die Bühne.

Sobald er auf der Bühne zu sehen war, hatte man immer auch den Eindruck, als ginge ihn dieses Getue auf der Welt und in Berlin nicht wirklich was an. Und dann sprach er Sätze wie „Lieber etwas dümmer als geistig entwurzelt“. Man hörte sie und wünschte sich, kein anderer möge den Satz noch einmal sprechen.

Das war 1982. Er spielte an der Seite von Edith Clever in Botho Strauß’ „Kalldeway, Farce“: sie eine Violin-Virtuosin, er ein Querflöten-Männchen, das von seiner zur Hysterie neigenden Frau in die Enge getrieben wird. Die Schaubühne war gerade an den Lehniner Platz umgezogen und schon zu schick, um wahr sein zu können. Otto Sander, der am Anfang seiner Bühnenkarriere unter anderem in Heidelberg spielte und 1968 von Claus Peymann an die Freie Volksbühne Berlin geholt wurde, gehörte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr fest zum Ensemble von Peter Stein.

Ein Engel über den Dächern Berlins

Er gastierte an unterschiedlichen Bühnen und stand zunehmend vor der Kamera. Ein Jahr bevor er an der Schaubühne einen verlorenen Mann in den Wirren frauenbewegter Zeiten spielte, war er ein melancholisch-mürrischer Kapitänleutnant Thomsen in Wolfgang Petersens Verfilmung von Lothar-Günther Buchheims „Das Boot“. 1987 kam dann der Film, in dem er zusammen mit Bruno Ganz im Mittelpunkt stand und die Kamera ein anrührend stoisches Gesicht umrundete. In Wim Wenders „Der Himmel über Berlin“ schwebte Otto Sander als Engel über den Dächern der Stadt, verfolgte mit traurigen Blicken das Treiben der Menschen und wirkte allein durch seine stoische Gelassenheit, als sei er nicht von dieser Welt.

Will man Otto Sander auf ein Genre festlegen, dann war er wohl Komiker, ein melancholischer, leiser, manchmal aber auch anarchistischer oder verzweifelter Komiker. In einem Interview bekannte er sich zu den Marx-Brothers, zu Curt Bois und Samuel Beckett als Vorbilder. „Sie haben diese Art von Anarchie betrieben. Und ich tue es auch – stellvertretend – auf der Bühne und im Film.“

Von „Himmel über Berlin“ an folgten pro Jahr zwei, manchmal auch drei Filme mit so unterschiedlichen Regisseurinnen und Regisseuren wie Margarethe von Trotta, Joseph Vilsmaier und Rosa von Praunheim. Es gab aber auch Jahre, in denen man nichts von ihm hörte.

Hauptrollen bis zuletzt

Er hatte die Diagnose Krebs erhalten, und wenn man ihn in der Berliner Paris Bar oder in einem italienischen Restaurant sah, schien er immer mehr zu verschwinden. Aber auch da war er immer noch einer, der im wahrsten Sinne des Wortes in vollen Zügen weiterlebte und dem die Zigaretten und der Alkohol gute Freunde waren.

Dass er mit dem Krebs kämpfte, wusste man schon einige Jahre. Und da stand er dann noch einmal in einer Hauptrolle auf der Bühne: in Bochum und als Hauptmann von Köpenick in der Regie von Matthias Hartmann. In der Folge sah man ihn als Bühnen- und Filmschauspieler immer seltener, dafür aber immer wieder bei den Öffentlich-Rechtlichen, unter anderem im „Polizeiruf 110“.

Vor allem aber war da diese Stimme im Hintergrund von Fernsehdokumentationen. Man hatte den Eindruck, Otto Sanders sonoren Schmirgelsound immer und überall zu hören, sobald ein Sender eine Tierdokumentation oder eine kulturhistorische Zeitreise ausstrahlte. Zur Ruhe gesetzt hatte sich dieses 1941 in Hannover geborene Stimm- und Schauspielphänomen wohl nie. Vor zwei Jahren machte dann die Nachricht die Runde, er wolle Meret und Ben Becker adoptieren – seine beiden Stiefkinder, die die Schauspielerin Monika Hansen mit in die Ehe gebracht hatte. Schließlich „sollte man mit siebzig seine Angelegenheiten regeln, Ordnung in sein Leben bringen“. Am Donnerstag ist Otto Sander im Alter von 72 Jahren gestorben. (mit epd)

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben