Künstler Javier Mayoral über „Cheap Art“

„Was ich mache, ist nicht billig“

Er bietet seine Bilder für 9,99 Dollar im Netz an. Ein Gespräch mit Javier Mayoral über das Verhältnis von Kunst und Geld, Gift im Rotwein und Hitler.

„Outsider Folk Art Painting“ nennt Mayoral seine Arbeit. Sein selbstgewähltes Dasein als „Outsider“ am Kunstmarkt funktioniert bestens. Bild: Screenshot Ebay

taz: Herr Mayoral, Sie malen surrealistisch anmutende Bilder mit lakonischen Kommentaren auf kleine Holzplatten und verkaufen sie auf der Internetplattform Ebay. Wie fing das an?

Javier Mayoral: Das war Zufall. Ich male schon immer, seit ich denken kann. Malen ist für mich totale Erholung. Ich wollte ein Format, das man einfach in einen Umschlag stecken und verschicken kann. Als meine Frau anfing, auf Ebay Vintage-Mode zu verkaufen und wir in Miami auf einer Messe waren, habe ich Bilder mitgenommen, und sie wurden mir aus der Hand gerissen. Seitdem biete ich sie für 9,99 Dollar bei Ebay an.

Wie viele Bilder zeichnen Sie am Tag?

Fünf am Tag. Wenn ich meine Kinder in die Schule gebracht habe, schneide ich das Holz, streiche die Grundflächen, und sobald sie getrocknet sind, beginne ich zu malen, immer mehrere Bilder gleichzeitig. Das ist fast schon ein industrieller Prozess.

Beschreibt der Begriff „Cheap Art“ Ihre Kunst?

Überhaupt nicht. Was ich mache, ist nicht billig, sondern hat seinen Wert.

Der Mann: Javier Mayoral, 1961 in Madrid geboren, studierte an der dortigen Kunsthochschule und lebt seit 1990 in den USA. Nach Stationen in New York, Arizona und San Francisco wohnt er mit Frau und drei Kindern in Miami.

Die Kunst: Im Lappan Verlag hat der Hamburger Cartoonist Til Mette seine Bilder herausgebracht, „Mayoral“, 128 farbige Seiten, Hardcover, 20,8 x 23 cm, 20 Euro. Bis 3. November 2013 ist in der Galerie für komische Kunst in Kassel die Ausstellung „Komische Kunst aus den USA“ mit Werken von Mayoral zu sehen.

Seit die ersten Sammler angefangen haben, Ihre Bilder gezielt bei Ebay zu ersteigern, bekommt man kaum noch ein Bild für weniger als 100 oder 150 Dollar.

Ja, es ist verrückt, wie der Markt funktioniert. Je mehr ich verkaufte, umso mehr produziere ich.

Wie viele dieser kleinen Bilder haben Sie bisher gemalt?

Etwa 4.600.

Unter dem neuen Label LappanArt hat der deutsche Cartoonist und Maler Til Mette jetzt das Buch „Mayoral“ mit Bildern von Ihnen herausgebracht. War das auch Zufall?

Ja, er war zufällig im Internet auf meine Bilder gestoßen, und er hat mein erstes Bild von Heino ersteigert.

Was reizt Sie denn an dem deutschen Schlagersänger?

Ein Freund schickte mir einmal ein Foto, und ich war sofort begeistert.

Wovon?

Er sieht wie ein Alien aus, und das gefällt mir. Er bleibt sich treu und ist ähnlich unglaublich wie Siegfried & Roy.

Ihre Bilder muten wie naive Werbetafeln aus den 50er Jahren an. Welche Künstler inspirieren Sie?

Bei den großen Bildern, die ich auch male und nicht bei Ebay verkaufe, inspirieren mich surrealistische Künstler wie Max Ernst oder Marcel Duchamp. Bei den kleinformatigen Bildern gibt es keine Vorbilder. Ich kenne niemanden, der so etwas macht. Anregungen bekomme ich aus amerikanischen Zeitschriften aus den 40er und 50er Jahren, der Literatur, dem Kino. Was um mich herum passiert, liefert mir auch jede Menge Ideen, oder meine Frau und meine Kinder. Wissen Sie, was das Gute an den kleinen Bildern ist, die ich nicht lange zu Hause behalte?

Na?

Ich kann nichts bereuen. Wenn sie verschickt sind, kann ich nichts mehr ändern, auch nicht, wenn ich Orthographiefehler im Englischen gemacht habe.

Fällt es Ihnen schwer, sich von Ihren Werken zu trennen?

Nein. Man darf nicht daran hängen. Da ist Ebay hilfreich. Ich biete sie zum Verkauf an, und dann sind sie weg. Was viele Leute nicht wissen: Ich biete auch Auftragsarbeiten an, für 250 Dollar.

Wenn meine Tante Geburtstag hat, schicke ich Ihnen ein Foto von ihr, und Sie malen ein Bild von ihr?

Genau. Die Gefahr besteht nur darin, dass es sein kann, dass die Tante nicht genau so aussieht, wie der Auftragsgeber es sich vorgestellt hat.

Dieses Angebot ist dann aber rein kommerziell.

Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich male diese Bilder, nicht um Geld zu verdienen. Ich habe drei Kinder, die ich ernähren muss. Es ist aber mehr. Das Feedback der Leute, die meine Bilder kaufen, gibt mir viel Kraft. Finanziell ist das schon lukrativ, aber ich lerne auch viel dabei. Der Verkauf der Bilder ermöglicht es mir, das zu tun, was ich am liebsten tue, und mich zu entwickeln. Wenn ich damit auch noch Geld verdienen kann: wunderbar.

In Ihren Bildern thematisieren Sie sowohl Alltagssituationen als auch Politiker. Adolf Hitler taucht mehrmals auf. Was reizt Sie künstlerisch an ihm?

Ich habe Hitler trotz seiner Gräueltaten und den Bedenken meiner Frau in meine Bilder aufgenommen, weil es für mich interessant ist, ihn in ungewöhnlichen Situationen darzustellen. Das erste Hitler-Bild habe ich für 500 Dollar verkauft. Wollen Sie wissen, an wen?

An einen Hitlerbewunderer?

An einen deutschen Sammler. Ich habe auch Bilder von Obama, Merkel, Berlusconi und Gaddafi gemalt. Es gefällt mir, die Lächerlichkeit von Personen mit großem Ego darzustellen.

Sie haben keine formale Kunstausbildung absolviert, malen seit über 25 Jahren und bezeichnen sich als „Outsider artist“. Was meinen Sie damit?

Einen Künstler, der sich nicht in dem Kreis aus Galerien, Werbung und Cocktails bewegt. Wenn ein Galerist ein interessantes Projekt machen will, das mir gefällt, nur zu. Aber meine Welt ist Ebay, wo man Tennisschläger und Autos ebenso verkaufen kann wie Kunst.

Ihre Bilder sind nicht signiert. Wieso nicht?

Es gibt Leute, für die ist das sehr wichtig. Für mich nicht. Der Beweis, dass die Bilder von mir sind, ist der Namenszug auf der Rückseite. Für die Komposition eines Bildes ist der Name nicht nötig. Im Gegenteil. Eine Unterschrift kann die Komposition kaputt machen. Wenn ein Käufer unbedingt eine Unterschrift auf der Vorderseite will, okay, dann mache ich das.

Sie sind in Madrid geboren und leben seit 1990 in Miami. Warum sind Sie aus Ihrer Heimat weggegangen?

Ich bin stolz darauf, Spanier zu sein. Mein Humor ist auch sehr spanisch. Aber ich wollte raus aus der Klaustrophobie, die damals in Spanien herrschte. Als ich ins Ausland ging, zuerst nach Italien und Frankreich, konnte ich atmen. Am besten atmen konnte ich in New York. Und auch Miami ist faszinierend.

Sie verdienen Ihr Geld als Koch für eine Familie auf einer privaten Insel vor Miamis Küste. Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich bin kein ausgebildeter Koch, und auch das war Zufall. Als ich in New York war, arbeitete ich bei einer Firma für Künstlerbedarf. Die Arbeit gefiel mir, aber irgendwann war es Zeit für etwas Neues. Deshalb war es für mich nicht so schlimm, als die Firma bankrottging. Ein Jahr lang lebte ich von meinen Ersparnissen, bis ein Freund mir einen Job als Barkeeper bei einer Catering-Firma besorgte. Ich arbeitete bei einem Cocktailempfang in einem Museum und lernte ein älteres deutsches Ehepaar kennen. Als sie mich fragten, was ich gern machen würde, sagte ich, ich wollte immer ein guter Koch sein. Da gaben sie mir die Visitenkarte einer Frau, die ich anrufen sollte. Seitdem ist sie meine Chefin.

Was ist das für eine Familie?

Eine reiche jüdische Familie, Multimillionäre.

Kaufen die auch Ihre Bilder?

Ja, aber nicht die kleinformatigen. Deren Humor ist nicht jedermanns Geschmack. Sie kaufen größere, dadaistische Werke.

Hoffen Sie, bald mit dem Kochen aufzuhören und nur noch zu malen?

Ja, ich koche seit so vielen Jahren für die gleiche Familie, zeitweise sieben Tage die Woche, dass es nichts Neues mehr ist. Jetzt koche ich drei Tage in der Woche und überlege, auf zwei Tage zu reduzieren. Auf keinen Fall will ich mit 60 Jahren noch als Koch arbeiten.

Wenn Essen in Ihren Bildern vorkommt, vergeht einem der Appetit: Ein Mädchen preist ein Fruchtpulvergetränk an, das „eine Million Mal besser als frisch gepresster Orangensaft schmeckt“, ein Franzose mischt Saccharin in den Rotwein, weil es „das Bouquet verbessert“. Warum stellen Sie Essen auf diese Weise dar?

Es ist für mich interessanter, überraschender und auch attraktiver, Verschwendung, Schein oder Snobismus darzustellen. Aber ich urteile nicht darüber. Mir wurde nichts im Leben geschenkt. Deshalb ist der Aufenthalt in Berlin anlässlich des Buchs auch so beeindruckend für mich.

Wieso?

Als ich als junger Mann in Berlin war, hatte ich überhaupt nichts und habe in besetzten Häusern geschlafen. Jetzt bezahlt alles der Verlag.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de