Ausstellung im Medienbunker: Auch Künstler sind Arbeiter

Der Husumer Künstler Harvey Focks hat in seinem Leben die Eröffnung der Olympischen Spiele gemanagt, für Verlage gearbeitet, ein Kultur-Café gegründet. Jetzt zeigt er in Hamburg Montagen aus Zeitungsschlagzeilen.

Aufsteigend und absteigend zu lesen: an die Wand montierte Schlagzeilen im Treppenhaus des Medienbunkers. Bild: Florian Kriegner

HAMBURG taz | Es sind einfache Papptafeln, die da hängen. Keine Rahmung, kein Glas. Denn wichtig ist ja der Text: „In Schönheit sterben. Wir wollen Pudding“, ist zu lesen. Oder: „Zwölf Takte für ein Halleluja/ Auch Künstler sind Arbeiter“. Am Anfang mag man sich denken: Okay – und nun? Oder auch: Was soll das nun genau? Aber nach und nach dürfte der Besucher merken, wie sich seine eigene Sprachordnung auflöst und wie er wie als Gegenwehr im vermeintlichen Nichtsinn nach dem Sinn sucht.

Harvey Focks sagt: „Ich habe eine absolute Lust zu lesen und zu gestalten, ohne ein Designer zu sein.“ Und so hat er sich einen Jahrgang der Süddeutschen Zeitung vorgenommen, er hat die Überschriften aus diesem destilliert, neu und eigen zusammengeführt und erkundet mit seiner Arbeit „Selbstversätzungen“ so den Sound der Worte, wenn sie von ihrer Pflicht, uns zu informieren, endlich befreit sind. Focks sagt: „Was da auf den Tafeln steht, ist der absolute Kern, um den es mir geht.“

Er sagt das in einer kleinen Kneipe auf St. Pauli, die zufällig auf dem Weg liegt. Holzgetäfelt und dunkel ist sie, Rauchschwaden legen sich sachte auf die wenigen Anwesenden. Muss die Wirtin nicht bedienen, spielt sie mit den Gästen am Tresen eine Runde Skat. Aus dem Lautsprecher dröhnt erst Udo Jürgens, dann Rio Reiser. Focks sagt: „Hier war ich immer mit meinen Freunden vom Thalia Theater.“ Er bückt sich, holt eine Tasche, klappt sie auf, holt eine Art Zeitung heraus, die seine Worttafeln versammelt: Ein Muster noch, erscheinen wird sie im renommierten Verlag der Buchhandlung Walther König in Köln. Focks nickt zufrieden. Das zumindest wäre geschafft.

Buchstaben nutzen, Worte bilden, daraus markante Sätze bauen, Botschaften zaubern – das ist sein Leben, einerseits. Sein Vater arbeitete in einem kleinen Wissenschaftsverlag. Der Sohn unternahm mehrere Anläufe das Abitur zu schaffen. 1962 kommt er beim Verlag Georg Westermann unter. „Georg Westermanns Monatshefte!“, ruft Focks laut aus, hebt die Hände in die Höhe, streckt dann die Arme zur Seite, als trage er einen riesigen Stapel dieser Hefte vor sich her.

Und die Monatshefte, das sei nur eine Abteilung gewesen. Neun Verlagsdirektoren hätte es gegeben. Jeder mit eigenem Fahrzeug, schwarz und mächtig. „Die sind einer nach dem anderen mit ihren Limousinen vorgefahren – pünktlich, wenn ihre Angestellten gerade Frühstückspause machten.“ Und heute? Kennt noch jemand die Monatshefte? Alles vorbei.

Er übersteht die Lehre, am Ende zeigt man sich beeindruckt von seinem Können, will ihn aber nicht übernehmen. Warum auch, Focks hat längst seine Fühler ausgestreckt und kommt übergangslos als Assistent des Verlegers bei Scherz unter, damals noch einer der großen, wichtigen Verlage. 1973 übernimmt er die Marketingabteilung beim Filmverleih Atlas in Frankfurt, geht im selben Jahr in gleicher Funktion weiter nach Hamburg zu Hoffmann & Campe.

Der wird die deutschsprachige Lizenz für „Love Story“ eines gewissen Erich Segal einkaufen. Focks tourt mit Segal durch die Lande: „Eine Diva, die rumzickte, aber das gehört dazu, das darf sie.“ Dazu die Welt der Buchmesse, Kampagnen, Werbestrecken, Fototermine mit Willy Brandt. Focks sagt: „Rut Brandt stand mir menschlich gesehen näher.“

Und das alles macht er ohne Studium in der Hinterhand, er hat ja nicht mal Abitur. Das holt er schließlich nach: Er absolviert die Nicht-Abiturienten-Prüfung, studiert Jura, ohne jemals Jurist werden zu wollen. Er sagt: „Ich brauchte den Freiraum, den die 68er hatten.“

Dann kommt ab 1980 das Theater. Erst arbeitet er als Produzent in Bremen, danach in Zürich, wo er zehn Jahre lang bleibt, schließlich in München. Es folgt Spanien, wieder zehn Jahre. 1992 managt er die Eröffnungsfeier der Sommerolympiade in Barcelona. Er kehrt zurück nach Deutschland, nach dem Ende einer Liebe – eine ganz private Geschichte – und eröffnet sein eigenes Atelier.

Auf dem Weg nach Sylt, seiner Lieblingsinsel nicht wegen der Schönen und Reichen, sondern trotz diesen, bleibt er in Husum hängen. Dort schreibt er ein Drehbuch, das er ordentlich bezahlt bekommt, das er pünktlich abgibt, was daraus geworden ist, ob daraus je etwas werden wird – er weiß es nicht.

Aber Husum gefällt ihm, gefällt ihm sehr sogar, erst recht, als er über ein Café mit dem spanischen Namen „Cava“ stolpert und er es zusammen mit dessen Inhaberin in ein Kultur-Café verwandelt, geerdet durch Thomas-Bernhard-Abende, kleine Konzerte, Lesungen, und die Leute kommen und sie kommen gerne.

Er initiiert den jährlichen Ochsenband-Orden, in Anlehnung an den historischen Ochsenweg, einen Preis, offensiv ausgeschrieben für Kleinkunst: der Hamburger Damen-Likör-Chor wird damit bedacht werden, der Berliner Schriftsteller Thomas Kapielski und danach Axel Hacke.

In diesem Frühjahr dann der Vorlauf seiner jetzigen Ausstellung, nicht in Husum selbst – das wäre ihm zu nah gewesen. Sondern in Niebüll, diesem seltsamen Transitort, wo es aber das schöne Haizmann-Museum gibt. Zugleich ist er in Hamburg unterwegs, um den passenden Raum und den passenden Partner für seine „Wortversätzungen“ zu finden, bis er schließlich im sogenannten Medienbunker an der Feldstraße fündig wird und nun eines der Treppenhäuser bespielt: Schlicht und unprätentiös reihen sich die focksschen Worttafeln aneinander, ergeben eine Spirale, die in die Tiefe führt – oder in die Höhe, je nachdem, ob man oben im vierten Stock oder unten im Erdgeschoss anfängt.

Nun also läuft die Sache. Er gibt sich in Hamburg Zeit bis Anfang Januar, danach sind weitere Stationen geplant. Die Stiftung Schloss Neuhardenberg wird dabei sein, anderes ist noch nicht spruchreif.

„Es geht mir um das Zerlegen und Zerlesen“, sagt er, der am Anfang gedacht hat, sein Projekt ließe sich schnell und konzentriert in zwei Monaten realisieren. Es wurden zwei Jahre daraus. „Wissen Sie, bei mir zu Hause stapeln sich 40 Aktenordner mit Material, denn ich wollte alle Möglichkeiten durchprobieren, damit am Ende das Beste bleibt“, sagt er.

Und er ist offenherzig, was den bisherigen Zustrom betrifft: „Ein Besucher – okay. Zwei Besucher – auch das gab es. Drei Besucher – ist ehrlich gesagt noch nicht vorgekommen.“ Der Stern, der Spiegel, sie haben angekündigt zu kommen. Focks ist gespannt, ob das wirklich geschieht und was dann passiert. Aber er hat schon mal vorgesorgt, schließt doch seine Zeitung mit den Worten: „Diese Wandzeitung ist ein Loblied auf das Medium Print, aber es kann sein, dass das Medium Print selbst das gar nicht merkt.“

Und ansonsten weiß er, dass er einen langen Atem hat; er kennt das Glück, das einen auch mal verlässt, damit es umso entschlossener wieder eintreten kann. Focks sagt: „Ich weiß, ich bin jetzt da, wo ich hin will.“ Aus dem Lautsprecher singt Rio Reiser, es folgt Udo Jürgens, dann ACDC. Der Club spielt heute Abend ein paar hundert Meter weiter. Focks ist als gebürtiger Hannoveraner selbstredend 96er-Fan. Was kostet ein kleines Bier? Focks fragt zweimal nach: Ja, 1,70 Euro kostet ein kleines Bier. Dass es das noch auf St. Pauli gibt.

Bis 5. 1. 2014 im Hamburger Medienbunker, Feldstraße 66, Vierter Stock. Termine unter: . Die gleichnamige Zeitung erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König
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