Keine Theater-Gemütlichkeit: Flüchtlinge in der Theaterhölle

In der Bremer Inszenierung von Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ kommen Flüchtlinge nur als Pappaufsteller vor. Doch ihr Elend wird umso greifbarer.

Den Mythos auf den Kopf gestellt: Europa (Karin Enzler) stemmt den Stier in der Bremer Jelinek-Inszenierung. Bild: Jörg Landsberg

BREMEN taz | Flüchtlinge sind derzeit allgegenwärtig. Als konkrete Menschen, über deren Unterbringung gestritten wird. Oder als grauenhafte Zahl: Allein in diesem Jahr sind 3.000 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Aber auch mit den Überlebenden wird seltener gesprochen als über sie. Im Bremer Theater stehen sie als lebensgroße, schweigende Pappaufsteller in den Sitzreihen. Sie sind symbolische Wand und Requisit in Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ – und Objekte grausamster Misshandlung.

Seine Uraufführung hat das Stück gerade zwei Monate zuvor im Hamburger Thalia Theater erlebt. Hier waren auch Flüchtlinge beteiligt. Dass so kurz darauf eine weitere Inszenierung im Norden folgt, mag eine Seltenheit sein, beim Drängen des Themas aber keine überraschende.

In Bremen hat sich nun Regisseur Mirko Borscht des Stoffs angenommen. Er ist bekannt für seine Jelinek-Inszenierungen und für aufwendige Spektakel auf der Bühne.

Während seine Papp-Flüchtlinge den Zuschauerraum des Theaters besetzt halten, nehmen Publikum und Darsteller auf der Bühne Platz. Sie suchen sich einen im chaotischen Arrangement verschiedener Sitzmöbel: Sofas, Klappstühle oder ausrangierte Massage-Sessel. Eine frühe Absage an die Grenze zwischen Betrachtern und Akteuren.

Das Zwielicht auf der Bühne wird von einem kreisenden Leuchter bestimmt, der an Suchscheinwerfer am Grenzzaun erinnert. Er bestimmt die Wahrnehmung: Mal blendet das Licht, dann wieder macht es andere Besucher und Schauspieler für kurze Momente sichtbar.

Um solche Strategien und Techniken der Vereinzelung geht es auch inhaltlich. Also darum, aus dem Schutz einer Gruppe gerissen zu werden. Hier der Flüchtling, der allein zurecht kommen muss, dort ein Europäer, der plötzlich zum öffentlichen Individuum wird. Es ist eine unangenehme Erfahrung, sich derart stellen zu müssen – einer Verantwortung vielleicht, in jedem Fall aber der Aufmerksamkeit derer, die sich für den Moment in der sicheren Dunkelheit verbergen dürfen.

Auf der Bühne findet eine Symbol-Schlacht statt. Seelenruhig stopft jemand einen Pappaufsteller mit Flüchtlingsgesicht in einen Schredder. Irgendwo zwischen den Sitzenden schreit jemand auf. Auch Jelineks Text übersteht den Abend nicht unverletzt. Ihre endlosen Sätze werden vom Lärm überlagert oder konkurrieren mit im ganzen Bühnenraum verteilten Handlungen. Es bleiben Stichworte für eigene Assoziationen.

Alle hier sind Stellvertreter von etwas anderem: Schauspieler und Pappe stehen für Flüchtlinge, die Besucher für die Bewohner des ungastlichen Fluchtziels. Und letztlich steht auch das einzelne Opfer für Krieg und Armut – als Symbol der Weltlage, aus der sie sich lösen müssen, um überleben zu können.

Das szenische Spiel ist ein Durcheinander aus moralischen Fragen, mehrdeutigen Symbolen und einer Handlung, der sich nicht immer folgen lässt. Das ist beklemmend und macht Angst vor dem, was als Nächstes passiert. Gleich, wenn der Scheinwerfer zurück kommt, wird aus dem Voyeur wieder der Beobachtete. Und dann muss man sich zwischen Mitmachen oder Verweigern entscheiden: Vom kurzen Paartanz mit den Akteuren bis zur grässlichen Polonäse, die durch die vollgestellte Bühnenlandschaft walzt.

Die Ordnung des Ganzen mag nicht vorhersehbar sein, vorhanden ist sie aber doch. Zwischendurch regnen Papiere auf die Bühne: Anträge, Formblätter und die dazugehörigen Erläuterungen. Juristische Fragmente des Wahnsinns: Das Bundesamt unterhalte für Vergewaltigte „speziell geschulte Einzelentscheiderinnen“, heißt es auf einem Blatt. Dazu der Hinweis, unbedingt die Antragsfrist zu wahren. Die Schreiben sind echt und stammen aus einer Verwaltungsmaschinerie, der ebenso echte Flüchtlinge ausliefert sind.

Auch, wer hier sitzt, wurde registriert: Wer in die Aufführung wollte, musste allein durch eine Schleuse gehen und sich fotografieren lassen. Diese Portraits tauchen später auf der Bühne auf. Sie werden auf die Pappaufsteller geklebt und auf ein die Bühne umrundendes Bild des Europaparlaments. Die Idee, die Gesichter der Zuschauer zu den Gesichtern der Entscheider zu machen, mag platt erscheinen. Aber es wirkt, das eigene Gesicht an dieser Stelle zu sehen.

Dabei drängt die Frage, was als Nächstes mit dem eigenen Bild oder dem eigenen Körper veranstaltet wird. Wer sich nicht gerade ums eigene Wohl sorgt, fühlt zumindest mit dem Schauspieler, der auf dem Klappstuhl nebenan Platz genommen hat.

Diese Gratwanderung zwischen Empathie und Selbstmitleid gelingt der Inszenierung – auch wenn diese zumindest einmal fast daneben geht. Da steht eine mit Burka und Patronengurt bekleidete Frau und ruft das Ende der westlichen Wohlstandsgesellschaft aus. Ein rassistisches Angstbild, das hier tatsächlich apokalyptisch inszeniert und zumindest im Spiel auch wahr wird: Das Publikum wird von seinen Plätzen vertrieben. Doch was sich kurz wie eine fatale Pointe des Stücks anfühlt, bleibt doch nur eine Episode des Irrsinns. Es mag unklar sein, wer hier die Täter sind – dass aber die Flüchtlinge Opfer sind, steht außer Frage.

Nur kann man sich eben davon nicht einduseln lassen. Es gibt zwar Momente, die dazu einladen. Da singt etwa jemand von herzzerreißendem Elend. Doch sofort wird einem das Mitleid um die Ohren geschlagen: „Tut gut so ein Sterben“, lautet die beißende Feststellung. Ein gemütlicher Theaterabend sieht nicht nur anders aus – sondern wäre dem Thema auch nicht angemessen.

Nächste Termine: 19. und 23. November, Theater am Goetheplatz, Bremen
Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de