Literatur aus Syrien: Dann ist er vielleicht ein Agent

Dima Wannous’ „Dunkle Wolken über Damaskus“ und der von Larissa Bender zusammengestellte Band „Innenansichten aus Syrien“.

Die Autorin Dima Wannous. Bild: Richard Sammour

Die syrische Literatur lebt nicht, allenfalls führt sie eine Art Geisterleben. Den Autoren hat es die Sprache verschlagen. Bereits im vorigen Jahr, im Angesicht der völligen Eskalation des Bürgerkriegs, notierte der Romancier Khaled Khalifa, „dass das Schreiben keinen Sinn hat, wenn das Leben aus einem langen Warten auf den Tod besteht“.

Khalil Sweilih, Autor von Gedichten und Romanen, blieb wie Khalifa in Damaskus und verlässt aus Angst vor den vielen Checkpoints des Geheimdienstes kaum mehr seinen Häuserblock. Er beschreibt die Situation als innere Emigration, mag er auch für arabischsprachige Zeitungen im Ausland hin und wieder berichten, „was in diesem Schlachthaus geschieht“.

Diese Chronistenpflicht pinselten sich voriges Jahr mehr als 300 Autorinnen und Autoren im In- und Ausland bei der Gründung des oppositionellen syrischen Schriftstellerverbandes trotzig auf die Fahnen, gemeinsam.

In Wahrheit sind die Beziehungen zwischen Gebliebenen und Exilierten „heikel und von Bitterkeit und Enttäuschung geprägt“, wie die jüngere Autorin und Journalistin Dima Wannous schreibt. Die Tochter des Dramatikers Saadallah Wannous lebt seit einiger Zeit in Beirut. Dem Roman, an dem sie bis 2011 gearbeitet hat, konnte sie seither kein Wort hinzufügen: „Meine Vorstellungskraft versagt.“

Dima Wannous: „Dunkle Wolken über Damaskus“. Nautilus Verlag, Hamburg 2014, 128 S., 18,90 Euro

Larissa Bender (Hrsg.): „Innenansichten aus Syrien: Ein Reader mit Texten, Fotografien und Bildern“. Edition Faust, Frankfurt/M. 2014, 296 S., 24 Euro

Short Cuts der Gesellschaft

Schweigen der Schriftsteller im Inland, Schweigen im Ausland, man kennt das aus anderen Kriegen und anderen Regimen. Dennoch hat die Übersetzerin Larrissa Bender unter dem Titel „Innenansichten aus Syrien“ nun viele Stimmen zusammengetragen und mit Grafiken und Fotografien syrischer Künstler versehen.

Und von Dima Wannous wurde gerade erstmals eine 2007 im Arabischen erschienene Kurzgeschichtensammlung ins Deutsche übersetzt, ergänzt durch ein aktuelles Vorwort der Autorin.

Wannous’ Erzählungen eignen sich hervorragend, um einen Blick auf Assads Syrien vor dem Bürgerkrieg zu werfen. „Dunkle Wolken über Damaskus“ liest sich wie eine Art „Short Cuts“ dieser Gesellschaft. In neun beeindruckend dicht erzählten Episoden und mit großem Gespür für Gesten und die bisweilen saftigen Spuren verschiedener Körperfunktionen macht Wannous anschaulich, wie sich großstädtische Syrer unterschiedlicher Klassenlagen mit dem Regime ganz gut arrangiert hatten.

Mit milder Ironie

Durch personale Erzählweise in angemessenen Abstand gesetzt und mit milder Ironie versehen, erfährt man etwa von Hanan, der Gattin eines Journalisten bei der staatlichen Zeitung, die durch Affären mit den richtigen Männern den eigenen Reichtum sowie die Karriere ihres Mannes aufs Gedeihlichste zu befördern weiß. Ihrem aktuellen Liebhaber flüstert sie ins Ohr, sie halte die penetranten Fragen der Taxifahrer nicht mehr aus, weshalb ihr in naher Zukunft eine eigene rote Limousine vorschwebe. Kein Kapitel später blickt man in das Innenleben eines dieser Taxifahrer – unter Assad sind besonders viele von ihnen als Spitzel tätig.

Wie wenig säkular geprägt der Baathismus in den letzten Jahren noch war, macht nicht nur die Geschichte über den stinkreichen Spender einer prächtigen Moschee deutlich. Der Islam hat auch im staatlichen Radio Damaskus und sonst wo im Alltag der erbarmungswürdig menschlichen Figuren von Wannous seinen je individuellen Platz. Immer allerdings unter Aufbietung kleiner Tricks in Übereinstimmung gebracht mit den verschiedenen, mehr weltlichen Bedürfnislagen.

Das Ganze kippt oft ins Groteske, und den größten Spaß in dieser Hinsicht macht die Erzählung „Fuad“. Wegen Korruption und einem allzu hedonistischen Sohn schon mehrfach versetzt, landet ein Verwaltungsangestellter schließlich als Direktor in der „Kommission zur Bekämpfung der Armut und zur Verbesserung des Lebensstandards“.

Dort faselt er genau einen Morgen lang diensteifrig von der Straße als „die Gebärmutter, die grenzenlose Kreativität und demokratisches Denken hervorbringt“. Woraufhin seine Untergebenen in einem Brief umgehend seine Absetzung fordern, denn: „Dann ist er vielleicht ein Agent. Oder er wurde eingeschleust. Oder zumindest arbeitet er mit ausländischen Mächten zusammen.“

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