Satire und totalitäres Denken

KOMMENTAR VON BASCHA MIKA

Was darf Satire? Darf sie ein Staatsoberhaupt verspotten, nationale Borniertheit verhöhnen und Schwulenfeindlichkeit lächerlich machen? Selbstverständlich, sagt die taz. Niemals, sagt die polnische Regierung.

In Warschau hat eine taz-Satire über Staatspräsident Lech Kaczyński befremdliche Reaktionen ausgelöst. Die polnische Außenministerin vergleicht die taz mit dem Nazi-Blatt Stürmer. Die Präsidialkanzlei fordert die Bundesregierung auf, die taz zu maßregeln. Und die Medien verurteilen das angebliche antipolnische Ressentiment. So macht man eine Staatsaffäre.

Zwei Aspekte daran irritieren. Zum einen: Wissen Politik und Medien in Polen überhaupt, was Satire ist? Die misslungene Übersetzung des taz-Artikels in polnischen Zeitungen und Pressespiegeln unterschlägt jede Ironie, den politischen und den sprachlichen Witz, von dem das Genre lebt. Satire arbeitet sich an Machtverhältnissen und den Mächtigen ab, reizt Grenzen des politisch Zumutbaren und des guten Geschmacks aus, setzt sprachlich auf Risiko und provoziert bewusst Ärger. Doch in Polen geht es nicht darum, ob der Text übertreibt, es geht ums Grundsätzliche: Ein Staatsoberhaupt ist sakrosankt, jeder Spott verbietet sich, und Zuwiderhandeln gleicht einer Majestätsbeleidigung. Welch ein vordemokratisches Verhalten!

Zum anderen: Wissen die fraglichen polnischen Politiker, was eine freie Presse ist? Wie beim Karikaturenstreit, in dem die dänische Regierung sich für Veröffentlichungen in einer Landeszeitung entschuldigen sollte, soll sich die deutsche Regierung für die taz rechtfertigen. Absurd. Mit dieser Forderung zeigt das Umfeld des Staatspräsidenten exakt die Haltung, die die taz-Satire persiflierte: ein antimodernes, autoritäres Staatsverständnis, in dem die Regierung für alles zuständig ist und alles kontrolliert – selbstverständlich auch die Medien. Welch ein totalitäres Denken!

Wie schön, dass – einer Zeitungsumfrage zufolge – die polnische Bevölkerung viel mehr Humor zeigt als ihre Regierung. Und wir haben viele E-Mails aus Polen empfangen, die uns auffordern, uns bloß nicht zu entschuldigen. Versprochen – obiecuje,!

brennpunkt SEITE 3