Wie ein Hamburger SS-Scherge in Ruhe gelassen wird

Der unbehelligte Herr S.

„Die Ermittlungen laufen noch“, sagt Pressesprecherin Claudia Krauth. Seit gut fünf Jahren bereits untersucht die Staatsanwaltschaft Stuttgart die Beteiligung des Hamburgers Gerhard Sommer an einem Massaker im Jahr 1944. Muss der einstige SS-Kompanieführer bald mit einer Anklage rechnen? „Nein“, sagt Krauth. „Wann Anklage erhoben wird, ist nicht absehbar.“

Seinen Lebensabend verbringt S. im besseren Hamburger Stadtteil Volksdorf. „Es geht ihm gut“, sagt eine Mitarbeiterin der Seniorenwohnanlage. Als Sommer mit seiner mittlerweile verstorbenen Frau dort einzog, erklärte der Leiter: „Wir wussten nicht, wer er war, als wir den Vertrag abschlossen.“ Sollte Sommer im Inland verurteilt werden, behalte man sich vor, den Vertrag aufzukündigen. Wohlgemerkt: In Italien verurteilte das Militärgericht La Spezia Sommer und neun weitere ehemalige SS-Angehörige schon 2005 zu lebenslanger Haft – wegen Mordes.

Am August 1944 war eine SS-Kompanie in das Dorf Sant’Anna di Stazzema eingefallen, 560 Einwohner, darunter 142 Kinder, wurden getötet. „In einem Stall wurden 70 Menschen, Kinder, Frauen und alte Leute zusammengepfercht. Kaum waren sie eingeschlossen, warfen die Nazis Handgranaten rein“, berichtete Enio Mancini, einer der wenigen Überlebenden des Massakers, bei einem Besuch in Hamburg. „Nicht Rache“ wolle er, aber dass „Unrecht endlich auch in Deutschland als Unrecht anerkannt wird“.

Im Auftrag der betroffenen Familien hat sich die Hamburger Rechtsanwältin Gabriele Heinecke bereits an Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) gewandt – ohne Erfolg. Auch das baden-württembergische Justizministerium störe sich nicht an dem schleppenden Verlauf, sagt Heinecke. „Ein Skandal! Meine Mandaten denken mehr und mehr, dass die Ermittler die Rolle der Verteidigung übernommen haben.“Hinweis: ANDREAS SPEIT arbeitet als freier Journalist und Autor über die rechte Szene nicht nur in Norddeutschland