jazzkolumne

Selbstorganisation reicht nicht

Seit Jahren organisiert sich die Jazzszene über das Internet. Doch Unabhängigkeit kann eben auch Unsichtbarkeit bedeuten

Junge Tonträgerfirmen wie Pi Recordings und Cleanfeed stehen zurzeit hoch im Kurs. Siebzehn CDs hat allein das portugiesische Cleanfeed-Label (www.cleanfeed-records.com) im vergangenen Jahr veröffentlicht, da kann das New Yorker Label Pi Recordings (www.pirecordings.com) mit maximal fünf Neuerscheinungen pro Jahr zumindest quantitativ nicht mithalten. Ob es der Gitarrist Elliott Sharp mit seinem Soloprojekt „Sharp? Monk? Sharp! Monk!“ ist, „Considering the Lilies“, die neue Trioaufnahme des Saxofonisten Charles Gayle oder das Quintett des Gitarristen Otomo Yoshihide „ONJQ Live in Lisbon“ mit dem Saxofonisten Matts Gustafsson – Cleanfeed bringt ausschließlich sogenannte Kunstmusik heraus, und das bedeutet im Vertriebsjargon ganz genau: viel Mühe, wenig Absatz. Ein kurzer Blick auf weitere Namen der ersten Cleanfeed-Jahrgänge zeigt ein zunehmendes Interesse von Seiten der amerikanischen Szene, auf diesem engagierten kleinen europäischen Label vertreten zu sein.

Wesentlich eingeschränkter, was Budget und Arbeitskraft betrifft, ist Pi Recordings. Doch immerhin schaffte es Pi, dass zwei seiner fünf Veröffentlichungen des Jahres 2006 es auf die Jahresbestenliste der New Yorker Wochenzeitung Village Voice schafften: Odyssey the Band mit „Back in Time“, die Wiederaufnahme des harmolodisch bluesorientierten Trios mit dem Gitarristen James Blood Ulmer und „Streaming“, die freie Improvisations-CD von drei Protagonisten der afroamerikanischen Musikerselbstorganisation AACM: Muhal Richard Abrams, George Lewis und Roscoe Mitchell.

Yulun Wang ist einer der beiden Pi-Recordings-Macher, die das Label praktisch als private Non-Profit-Veranstaltung neben ihren normalen Tagesjobs betreiben. Man wolle nichts zusetzen, lautet kurz die finanzielle Pi-Devise, die Ansprüche an ästhetische Qualität und Aussagekraft bezeichnet Wang selbst als sehr hoch. Dass die amerikanische Musikkaufhauskette Tower Records zu Weihnachten schließen musste, bereitet Wang große Sorgen. Tower Records war wegen seiner gut bestückten Jazzabteilung in der großen Downtown-Filiale eine Institution des New Yorker Jazzlebens. Hier waren nicht nur CDs der kleinen Indie-Labels verfügbar, hier konnte man die Musiker selbst vor und manchmal sogar hinter der Kasse antreffen: Der Saxofonist Tim Berne und der Dirigent und Komponist Butch Morris arbeiteten zeitweise hier.

Viele Jazzmusiker haben in den letzten Jahren in der Hoffnung auf größere Unabhängigkeit eigene Labels gegründet – ohne zu bedenken, glaubt Wang, dass das größte Problem für diese Musik im Vertrieb liegt. Sogar die beste Jazz-CD des Jahres sei davon betroffen – Ornette Coleman habe mit seiner aktuellen CD „Sound Grammar“ zwar alle Kritikerherzen erobert und sei sogar für einen Grammy nominiert, doch in den für die USA so wichtigen College-Radios können man die Platte nicht hören, da man sich nicht um die DJs gekümmert habe. Zu glauben, es reiche auf der Webseite des Künstlers die CD und einige Informationen anzubieten, kritisiert Wang als viel zu kurz gedacht. Wenn der Hype erst mal vorbei sei, könnten die Absatzzahlen schnell in den Keller stürzen.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Der Trompeter Dave Douglas etwa, der vom Fachblatt Down Beat gerade zum Jazzmusiker des Jahres ernannt worden ist, nimmt es kann es einigermaßen gelassen sehen, dass man seine ausgezeichneten CDs, die ebenfalls beim eigenem Label (greenleafmusic.com) erscheinen, in Deutschland bestenfalls als Import kaufen kann. Und andere Künstler wie der Bassist Dave Holland oder der Saxofonist Sonny Rollins haben für ihre eigenen Labels Verträge mit dem Majorvertrieb Universal Music unterschrieben.

Das sieht auch Yulun Wang. Doch, sagt er, das mache nur für jene Musiker Sinn, die auch ein bestimmtes Absatzniveau erreichen können. Und das werde zunehmend schwieriger – nach dem Verlust von Tower Records und der Schrumpfung der Jazzabteilungen von Virgin und J & R können man die attraktiven Indie-Labels in New York nur noch bei Other Music (othermusic.com) und in der Downtown Music Gallery (downtownmusicgallery.com), zwei kleine Läden im East Village, kaufen.

Die Bereitschaft potenzieller Käufer, die Webseiten der Künstler direkt aufzusuchen, müsste so gesehen also doch zunehmen. Bei Greenleaf verlegt Dave Douglas übrigens nicht nur seine eigenen Konzept-CDs, nach dem Vorbild von John Zorns Tzadik-Label nimmt er auch andere Bands unter Vertrag. Zorn bietet seinen Künstlern fünfzig Prozent des Gewinns, und so einen Vertrag hat etwa Nicole Mitchell, die Chicagoer AACM-Aktivistin, Flötistin und Komponistin, nun mit Greenleaf.

Die meisten CDs setze man heute über das Internet, vor allem aber bei Livekonzerten ab, berichtet Douglas. Auf der Greenleaf-Webseite hat er als Dokumentation und Ergänzung zu seiner eigenen Musik ein Online-Radio konzipiert, wo man viele Stücke, die Douglas im Laufe der Jahre inspiriert haben, Songs, die er gecovert und neu arrangiert hat, im Original und in voller Länge anhören kann. Die Playlist reicht dabei von Igor Strawinski und Gisela May über Joni Mitchell und Björk zu Thelonious Monk, Booker Little und Rahsaan Roland Kirk. CHRISTIAN BROECKING