Das Portrait

Lettlands neue Präsidentin

■ Vaira Vike-Freiberga

Wer wird schon Staatspräsident, ohne sich um das Amt beworben zu haben? Vaira Vike-Freiberga jedenfalls war die Verblüffung anzusehen, als sie am Abend des 17. Juni auf die Standing ovations des lettischen Parlaments mit kaum mehr als einem freudestrahlenden „Danke“ antworten konnte.

Eigentlich hatte die Psychologieprofessorin die Wahlen nur von einer Seitenloge aus beobachten wollen. Kurz vor Mitternacht aber, nachdem sämtliche Kandidaten durchgefallen waren, stimmten die Abgeordeten ein siebtes Mal ab. Die „Kompromißkandidatin“ machte das Rennen: Vaira Vike-Freiberga ist die erste demokratisch gewählte Staatschefin in einem ostmitteleuropäischen Land.

Gestern wurde sie im Parlament vereidigt. In ihrer ersten Rede vor dem Saeima rief sie ihr Land zu einem Neubeginn auf. Wichtig sei die Versöhnung zwischen den nationalen Minderheiten und dem eigentlichen Staatsvolk, den Letten. Über ein Drittel der Bevölkerung Lettlands stellen Russen und andere Minderheiten. Vorrangiges Ziel ihrer Politik werde der Beitritt Lettlands zur Europäischen Union und zur Nato sein.

Die 1937 in Riga geborene Lettin hat den größten Teil ihres Lebens im Ausland verbracht. Erst vor knapp einem Jahr kehrte sie aus dem Exil in Kanada zurück. Die politisch völlig unerfahrene Psychologieprofessorin lehrte zuletzt an der Universität in Montreal. Die Familie emigrierte, als sie noch ein Kind war, nach Kanada. Vike-Freiberga spricht neben ihrer Muttersprache fließend Englisch, Französich, Deutsch und Spanisch.

Die Akademikerin und zweifache Mutter engagierte sich in der exilbaltischen Bewegung Kanadas. Ihr Hobby – lettische Folklore – teilt sie mit ihrem Mann, einem Exilletten, der in Quebec Informationstechnik lehrt.

Auf die 61jährige wartet bereits die erste Feuerprobe. Am Montag war überraschend Ministerpräsident Vilis Kristopans nach nur neun Monaten im Amt zurückgetreten. Die Mitte-rechts-Koalition hatte ja bereits bei den Präsidentschaftswahlen am 17. Juni gezeigt, daß sie nicht in der Lage war, die eigenen Kandidaten durchzubringen. Vike-Freiberga kann nun entweder einen neuen Ministerpräsidenten mit der Fortführung der bisherigen Regierung beauftragen, eine Regierungsumbildung initiieren oder das Parlament auflösen und Neuwahlen anordnen. Gabriele Lesser