nebensachen aus stockholm

Wenn der schwedische Außenminister bloggt, wird daraus eine Bildt-Zeitung

Stockholms Antwort auf Venezuelas Hugo Chávez und dessen mediale Selbstdarstellung in „Aló Presidente“ sei Carl Bildt. Das warf dem schwedischen Außenminister dieser Tage ein Publizist vor und meinte damit Bildts Internetblog. Dieser Vergleich hinkt: Noch singt Bildt im Internet nicht. Dafür aktualisiert er sein Blog bis zu fünfmal täglich, während Chávez bislang nur bis zu fünfmal wöchentlich auf Sendung ist.

Das Medium Internet entdeckte Bildt schon früh. Er rühmt sich, vor 13 Jahren mit Bill Clinton die erste E-Mail überhaupt zwischen Staatschefs ausgetauscht zu haben. Seit über zwei Jahren ist Bildt jetzt mit seinem Blog präsent, das dieser „Weltpolitiker“, für den Schweden sowieso schon immer viel zu klein und provinziell war, aber für ein globales Publikum konzipierte und daher gleich nur in Englisch verfasste. Dort kommentiert er Gott und die Welt, ob die Wahlen in Deutschland oder die orangene Revolution in der Ukraine.

Der Blog führte bis vor kurzem nur ein Schattendasein. Vor sechs Wochen dann wünschte sich Bildt offenbar mehr Aufmerksamkeit. Er relancierte sein Blog in Schwedisch und machte aus ihm so etwas wie eine laufend aktualisierte private Nachrichtenagentur. Das hatte einen Grund: Seit seiner Rückkehr in die aktive Politik vor einigen Monaten stöbern die Medien in seinen Privatgeschäften. Bildt ist Multimillionär und hat sein Vermögen mit Finanzgeschäften gemacht, bei denen er sich das Profitdenken nicht durch übertriebene Ethik einschränken ließ.

Nun gebraucht Bildt sein Blog, um seine eigene Tagesordnung zu setzen. Zum Beispiel, um sich vom Vorwurf der Käuflichkeit reinzuwaschen und hier die eigentlich relevanten Fragen zu beantworten, die ihm die blöden Medien nicht stellen.

„Bildt sollte sich Interviews stellen, wenn er etwas zu sagen hat“, meint dazu Bertil Torekull, Ex-Chefredakteur des Blattes Svenska Dagbladet: „Er missbraucht seine Position, wenn er von einer Privatplattform aus seine Kritiker verurteilt und heruntermacht.“ Und die Zeitung Expressen wirft dem Außenminister „Cäsar-Allüren“ vor. Was Bildt mit einem „Jaja, das ist halt die Realität der neuen Zeit“ abtut. Natürlich in seinem Blog.

Was man im schwedischen Außenministerium angeblich etwas mit Sorge beobachtet, ist Bildts wachsende Vorliebe, in diesem Forum auch aktuelle politische Themen abzuhandeln. Da kommentiert er schon mal ganz ohne diplomatische Zurückhaltung die Innenpolitik eines Nachbarlandes oder erzählt, wie lustig es beim letzten EU-Treffen mit Tischnachbar Frank-Walter Steinmeier wieder war. Was genau da so lustig war? Das erfährt man sicher auch noch irgendwann.

Und wie stellt der deutsche Außenminister denn das Gespräch mit Bildt in seinem Blog dar? Wie? Steinmeier hat noch gar keins? Hier das Vorbild, Herr Minister: http://carlbildt.wordpress.com/ REINHARD WOLFF