PETER UNFRIED NEUE ÖKOS

Meine Tochter, die Terroristin

Wenn Penelope vom Klimawandel erzählt, verschwinden ihre Mitschüler. Schnell. Wird mein Kind Ökodiktatorin?

Nach seinem schönen Satz, weniger Autos seien „natürlich“ besser als mehr Autos, hatte ich angeordnet, dass in jedes Zimmer unserer Wohnung ein Bild von Winfried Kretschmann aufgehängt wird.

Nicht statt Angelina Jolie und Lionel Messi, aber zusätzlich.

Erst wurde gebrummt, aber dann sagte Penelope: „Der sieht ja lustig aus. Wer ist das?“

„Das ist Kretsch, unser neuer Ökodiktator.“

„Aha“, sagte Adorno, „und was will unser Kretsch-Diktator?“

„Kretsch will weniger Autos. Mehr gedämmte Häuser. Und Kretsch will die Leute in Baden-Württemberg dazu bringen, Solaranlagen auf ihre Dächer zu bauen.“ „Sehr gut“, brummte Adorno, „kommt bei Opa endlich eine drauf.“ Ich räusperte mich: „Im Prinzip will Kretsch, dass ihr Kinder auch noch was von eurem Leben habt.“ Adorno staunte: „Wer will das nicht?“ „Fast alle“, sagte ich, „außer Kretsch. Und Onkel Martin.“

Ich erzählte, dass nicht alle toll fanden, was Kretsch sagte, weil sie sich nicht vorstellen konnten, wie unser Leben mit weniger Autos und Autoverkauf funktionieren könne. Penelope sagte, ihr falle auf, dass viele Leute am liebsten nicht über Klimawandel-Themen reden wollten.

„In der Schule oder wo?“, fragte ich. „Überall.“ Wann immer sie Massentierhaltung anspreche, seien die anderen schnell verstummt oder verschwunden.

Adorno schüttelte den Kopf: „Was machen wir denn jetzt mit meiner Hose?“ Er will ja keine Hose tragen. Aber die Macht hatte ihm gesagt, er müsse zum Fußball eine lange Trainingshose oder eine Jacke anziehen. Er hatte sich für die Hose entschieden, aber nun grübelte er, wann er die Hose ausziehen würde. Wenn er auf den Platz ginge? Davor? Und wo würde ich sein, sodass er mir die Hose übergeben könnte?

„Hier geht es um unsere Zukunft, und du hast eine Hose im Kopf“, sagte Penelope. Adorno keifte zurück: „Was verstehst du denn von Fußball?“ „Nichts“, schnippte Penelope, „will ich auch nicht.“ Überhaupt werde hier zu viel über Fußball geredet, ein Thema, dem sie keinerlei Wertigkeit einräumen könne.

Adorno war sofort beleidigt: „Lionel Messi hat keine Wertigkeit?“, schnaubte er. „Ihr redet doch nur über Wolfsburg und Barcelona“, sagte Penelope. Adorno hatte jetzt seine sehr hohe Stimmlage erreicht: „Du würdest wohl lieber über diesen Kretsch reden.“ Sie warf ihm ihren Du-kleiner-Wicht-Blick zu. „Wir müssen etwas tun, Adorno. Und nicht nur Fußball spielen.“

Da entschied ich, es nicht zu übertreiben. Ich möchte ja, dass meine Tochter ökologisches Bewusstsein hat. Aber manchmal bekomme ich Angst, eine Ökoterroristin heranzuzüchten.

Der Autor ist taz-Chefreporter

Foto: Anja Weber