Die Gesellschaftskritik

Menschenwürde am Boden

Was sagt uns das? Die Aufbahrung des halbnackten Muammar al-Gaddafi ist würdelos und dient nur der Befriedigung seiner feiernden Landsleute

Kurz nach Bekanntwerden des Todes von Muammar al-Gaddafi tauchen erste Bilder der Leiche auf – aufgebahrt im Kühlhaus eines Einkaufszentrums am Stadtrand von Misurata. Seine Beine sind mit einer beigen Hose bekleidet, sein Oberkörper ist nackt, blutverschmiert, mit Schnittwunden übersät. Überall Blutergüsse, eine Einschusswunde am Kopf. Er liegt auf einer blutdurchtränkten Matratze. Die Schlange vor dem Supermarkt ist lang. Hunderte gaffen und machen Fotos.

Seit fünf Tagen ist Gaddafi tot – sein Glaube verlangt eigentlich, dass der Verstorbene binnen 24 Stunden bestattet wird. Zunächst hieß es, die Leiche solle an einem geheimen Ort beigesetzt werden, um zu verhindern, dass dort eine Pilgerstätte entsteht. Mitglieder seines Stammes und seiner Familie forderten, die Leichen des Exdiktators und seines Sohnes herauszugeben. Nun sollen sie bald an Gaddafis Familienangehörige übergeben werden.

Eine Aufbahrung bietet die Möglichkeit, sich vom Verstorbenen zu verabschieden. Öffentliche Personen werden häufig nach ihrem Tod aufgebahrt. Lenin ist ein bekanntes Beispiel. Dies geschieht meist würdevoll. Gaddafis Aufbahrung hat nichts davon. Es ist ein Zurschaustellen. Die Libyer wollen sich vom Tod des Diktators, der jetzt buchstäblich am Boden liegt, selbst überzeugen. Diese postume Unterwerfung des Unterdrückers ist mit der Menschenwürde nicht vereinbar. Der Hass vieler Libyer auf den Diktator ist nachvollziehbar. Die öffentliche Zurschaustellung eines Toten, mit dem bloßen Zweck, sich über dessen Tod zu freuen, ist moralisch dennoch nicht akzeptabel. Frank Seibert